Das Kulturgut FC St.Gallen bröckelt

EMOTIONEN ⋅ Findet eine Entfremdung vom «FC Ostschweiz» statt? Es gibt Eindrücke, die dafür sprechen. Je nach Sichtweise hat das Phänomen unterschiedliche Ursachen. Vielleicht ist man in der Region einfach des Fussball überdrüssig.
04. Dezember 2017, 14:45
Christian Brägger
 
"Der FC St.Gallen ist ein Kulturgut", sagt Dölf Früh. Auch sein Nachfolger als Präsident, Stefan Hernandez, sieht das so. Vermutlich sagen dies noch viele andere im Land. Doch was ist der FC St.Gallen noch? Und was ist er nicht mehr? Das Gefühl, das einen seit geraumer Zeit beschleicht, ist nicht einfach zu beschreiben. Der Club scheint vom Kurs abgekommen zu sein. Oder fehlt einfach die bedingungslose Identifikation des Fans früherer Zeiten?

Sportlich geht es dem Verein derzeit nicht schlecht, davon zeugt der vierte Tabellenplatz. Am vergangenen Sonntag findet das Verfolgerduell mit dem Dritten statt – und die Zuschauer bleiben weg. Der Zuspruch ist mit 12'500 Eintritten nicht so hoch, wie er dem gefühlten Puls der Tabellenlage entsprechen müsste – aber das war heuer schon in jedem Heimspiel der Fall. Es gab Zeiten, da wären bei dieser Ausgangslage locker 15'000 Anhänger gekommen. Weihnachtsmärkte hin, Kälte her. In der Ostschweiz scheinen demnach Kräfte am Werk, die stärker strahlen als der Totomat. Anders formuliert: Der Ball, der rollt – und er rollt inzwischen ja immer irgendwo – schafft es nicht mehr, alles andere zu überstrahlen.
 

Hat sich der Fan verändert?

St.Gallens Trainer Giorgio Contini hat gewiss nicht erwartet, dass das Feld, das er nach Vaduz bestellt, derart schwierig beschaffen sein würde. Nicht vom Sportlichen, sondern von seiner Arbeit her. Die Öffentlichkeit schätzt sie nicht hoch ein, es fehlt die Resonanz. Wer am Sonntag im Stadion war, der erlebte überdies nur in seltenen Momenten gegen Ende der Partie die Magie, die den FC St.Gallen umwehen kann. Die ihn in seiner Form in der Schweiz einzigartig macht, die das Stadion füllen würde. Was missfällt dem Fan? Oder hat er sich verändert, entfremdet? In der Schweizer Nationalmannschaft ist eine ähnliche Entwicklung festzustellen – und doch ist die Lage eine andere. Dort fehlt dem «typischen» Zuschauer die Identifikation mit der Mannschaft, die Nähe. Damit kann es rasch zur Abwendung kommen – oder zum Pfeifkonzert.

Von fehlender Nähe könnte man auch beim FC St.Gallen sprechen. Die Spieler scheinen im Vergleich zum Nationalteam austauschbar; sie sind es in Tat und Wahrheit aber nicht. Von fehlender Identifikation mit dem Club kann aus Sicht der Anhänger keine Rede sein. Es müssen nicht elf St.Galler auf dem Platz stehen, auch wenn es gut tut, einen Nicolas Lüchinger, Tranquillo Barnetta, Silvan Hefti oder Daniel Lopar zu haben. Einen Contini, der das halbe Leben im Club verbracht hat, sowieso.

Gefiele es dem St.Galler Fan, wenn lauter Spieler aus der Fremde, aus Deutschland, der Westschweiz oder Spanien für den «FC Ostschweiz» spielten? Die einen sagen, es mache keinen Unterschied, man müsse einfach erfolgreich sein. Letztlich sei es doch egal, wer in der Stunde des Triumphs auf dem Rasen steht. Fussball als Handelsware; dafür steht der Fussballermarkt mit den unsinnigen Transfersummen. In der St.Galler Hymne heisst es aber «Erfolg isch Nebedsach». Es gibt folglich auch jene Leute, die den Fussball nach diesem Motto leben. Leute, die sagen, wichtig seien Eckpfeiler in der Mannschaft, die grünweiss denken und handeln. Das heisst: Die Spieler sollen sich auf dem Platz für den Verein zerreissen.

Welchen Ansatz man auch immer wählt, welche soziologische Phänomene man auch immer zu Rate zieht: Die Strömungen, die offenbaren, dass etwas dem oder im Verein fehlt, sind zu spüren. Vor dem Spielbeginn gegen Zürich kam dieses Gefühl wieder auf, die Stimmung auf den Rängen war eigenartig verhalten. Dabei war die Ausgangslage klar: Ein Sieg – und man ist sagenhafter Dritter.

Das Publikum hierzulande kann nicht verwöhnt sein wie jenes des FC Basel. Dennoch bleibt es schwierig, jene Prozesse zu benennen, die im FC St.Gallen in Gang sind. Nicht förderlich waren gewiss die zahlreichen Umwälzungen und Misstöne bei der Event AG und im Future Champs Ostschweiz, die im Hintergrund stattgefunden haben. Haben solche Vorgänge, die unterschwellig und verborgen stattfinden, Einfluss auf den Anhänger? Oder auf das Gebotene im Stadion? Wenn ja: Müsste der sportliche Erfolg nicht dennoch alles überstrahlen?
 

Vielleicht traut man diesem Team nicht über den Weg

Vielleicht ist die Begründung einfach: Die aktuelle Ausgabe des FC St.Gallen fesselt schlichtweg zu wenig. Oder man traut ihr nicht über den Weg. Die Heimniederlagen gegen Lugano, Lausanne oder auch Zürich könnten dafür stehen. Der Fussball würde damit zum Gut, das emotionslos konsumiert wird. Das Spiel ist kein Event mehr. Einzigartig ist es ohnehin längst nicht mehr – wer will, kann sich am TV jeden Tag Fussballspiele ansehen.

Die Lage ist kompliziert. Nicht nur im engsten Umfeld, das handeln muss, weil jedes Heimspiel Löcher in die Kasse reisst. Auch auf dem Rasen. Der FC St.Gallen muss die Quadratur des Kreises schaffen: Punkten, um Vierter zu bleiben. Attraktiv spielen, um Publikum anzulocken. Noch kann alles besser werden, doch es muss rasch gehen. Die fehlende Euphorie geht dem Club an die Substanz.

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