Das Juwel geht verloren

Stürmer Albian Ajeti galt als Investition in die Zukunft des FC St. Gallen. Nun dürfte der Hoffnungsträger demnächst beim FC Basel unterschreiben. Wen der Serienmeister will, den bekommt er auch.
18. Mai 2017, 11:39
Christian Brägger

Christian Brägger

Die Anwesenheit von Bernard Challandes erscheint nun in anderem Licht. Der 65-jährige Romand arbeitet heute unter anderem als Scout für den FC Basel. Nun ist offensichtlich, was der ehemalige Zürich- und Sion-Coach am vergangenen Samstag im Kybunpark wollte: Albian Ajeti beobachten. St. Gallens Sturmjuwel soll das neuste Objekt der Begierde des FC Basel sein. Jedenfalls verbreitete sich diese Kunde unter den Fans gestern wie ein Lauffeuer. Das Interesse ist von verschiedenen Seiten inoffiziell bestätigt – nicht aber vom Spieler selber, der nichts dazu sagt. Der FC Basel strebt unter der neuen Führung um Präsident Bernhard Burgener und Sportchef Marco Streller eine Rückbesinnung auf die Jugend und auf einheimische Kräfte an. Nicht nur im Staff, auch auf dem Rasen. Ajeti erfüllt beides, er ist Basler und erst 20-jährig. Dazu einer, der alle Juniorenstufen im Club durchlaufen und es bis in die ­erste Mannschaft geschafft hat. Die Rückholaktion stimmt daher mit den Vorgaben überein. Noch hat der FC St. Gallen keine offizielle Anfrage erhalten. Nachdem Sportchef Christian Stübi unlängst gesagt hatte, es gebe ein Angebot für einen Spieler, ist nun klar, dass nicht Ajeti gemeint war; es dürfte sich um Martin Angha handeln, der mit dem FC Zürich in Verbindung gebracht wird.

  • Marco Zwyssig (rechts) verliess den FC St.Gallen im Sommer 2001 in Richtung FC Tirol Innsbruck (heute FC Wacker Innsbruck) . Die Österreicher liessen sich den Innenverteidiger 220'000 Franken kosten.
  • David Marazzi wechselte nach dem Abstieg im Sommer 2008 zum FC Aarau. Der linke Mittelfeldspieler verbrachte zuvor 5 Saisons in der Ostschweiz. Kostenpunkt: 220'000 Franken.
  • Seifedin Chabbi wurde im Sommer 2016 vom FC St.Gallen aus Lustenau geholt und bereits im Winter 2017 wieder verkauft. Seither spielt er wieder in Österreich. Sein aktueller Arbeitgeber Sturm Graz überwies 220'000 Franken in die Ostschweiz.

Wechselt Albian Ajeti tatsächlich zum FC Basel, bringt dies dem FC St.Gallen Millionen ein. Wer bis anhin der teuerste Abgang der Espen ist, zeigt unsere Bildergalerie. (Quelle: www.transfermarkt.ch)

Gegen die Färöer vielleicht dabei

In der Schweiz funktioniert das Fussballgeschäft wie anderswo: Hat der Branchenleader ein Auge auf einen Spieler geworfen, bekommt er ihn auch. Weil kein Profi hierzulande bei einem Basler Köder nicht zubeissen würde. Einem Köder, der Meistertitel, Cupsieg, Champions-League-Meriten, Auslandtransfer, das Dreifache an Lohn und Spiele mit der Nationalmannschaft bedeuten könnte. Am Nationalteam ist Ajeti ohnehin nahe dran, nach den fast durchwegs guten Leistungen für den FC St. Gallen und mit zehn Meisterschaftstoren in dieser Saison. Für das Schweizer Testspiel gegen Weissrussland am 1. Juni wird er zwar mit Sicherheit nicht aufgeboten, weil er ­einen Tag später gegen seinen wohl künftigen Arbeitgeber die Saison beendet. Doch für die WM-Qualifikationspartie vom 9. Juni auf den Färöern hat ihn Vladimir Petkovic auf dem etwa 32 Spieler umfassenden Radar. Alle haben bereits ein proviso­risches Aufgebot erhalten. Der Nationaltrainer betont immer wieder: «Wer über eine längere Zeit gute Leistungen in der Liga zeigt und unserem Team einen Mehrwert bietet, ist ein Thema bei uns.» Das hat Ajeti heuer erfüllt. Er, der Basel Anfang 2016 als fast 19-Jähriger mehr oder weniger im Groll verliess, weil man dort auf andere Stürmer setzte. In der Folge hatte er in der Bundesliga bei Augsburg einen schweren Stand, bis er in dieser Saison als Leihspieler sein Glück in der Ostschweiz fand. Ende März – vor weniger als zwei Monaten – unterschrieb er einen Vertrag bis 2021. Das wurde als Transfercoup von Sportchef Christian Stübi gewertet, weil man Ajeti zutraute, St.Gallen in der neuen Saison nach vorne zu schiessen.

FC St.Gallen in der Rolle des Zwischenhändlers

Der Schweizer kosovarischer Abstammung gilt als integrer, lus­tiger Bursche, als einer, dem es egal ist, wer ihn trainiert. So hat es ihn auch nie gross gekümmert, ob Joe Zinnbauer der Trainer des FC St.Gallen bleiben würde. Hauptsache, er durfte Fussball spielen. Und besser werden. So war es auch der Plan des FC St. Gallen, den künftigen Nationalstürmer, für den man etwas weniger als eine Million Franken nach Augsburg überwiesen hatte, dereinst mit einer hohen Marge ins Ausland zu verkaufen. Gewiss für mehr Geld, als der FC Basel für einen Inlandtransfer bieten wird. Weil nun aber die Flirterei des Serienmeisters an die Öffentlichkeit getragen wurde – aus welchen Gründen auch immer – und daraus auch ein gewisser Druck entsteht, kann der FC St.Gallen nicht im Stillen auf das Maximum an Ablöse pochen. Der Verein wird wohl weniger Geld erhalten, als er sich ausgemalt hatte. Auch kann er Ajeti keine rationalen ­Argumente liefern, die für einen Verbleib sprechen würden. Oder soll man einen Spieler dazu zwingen, zu bleiben, wenn der Topclub der Liga anklopft und wenn ihm der Kopf schon verdreht wurde? Emotionale Argumente gäbe es da schon eher auf Ostschweizer Seite. Doch hat Basel auch hier gute, ja die besseren Karten.

So gesehen, muss sich St.Gallen hier wohl mit der Rolle des Zwischenhändlers begnügen. Eines Zwischenhändlers, dessen Haltefrist gerade überraschend schnell verkürzt worden ist. Vermutlich zu schnell.


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