Analyse zum Trainerwechsel

Zinnbauer wollte das Beste für den FC St. Gallen - nur geklappt hat es nicht

ANALYSE ⋅ Joe Zinnbauer ist als Trainer des FC St.Gallen Vergangenheit. Er hat verbissen für die Mannschaft gekämpft, jedoch auch einige Fehler begangen: Zinnbauer passte das System nicht der vorhandenen Mannschaft an, nachdem der umgekehrte Weg nicht funktioniert hatte, schreibt Christian Brägger in seiner Analyse.
06. Mai 2017, 20:24
Christian Brägger

Am Donnerstag hat das Volk bekommen, was es mit Schmährufen längst verlangt hatte: Joe Zinnbauer ist nicht mehr Trainer des FC St. Gallen. Es ist natürlich das gute Recht der Menge, sich aus Sorge um den eigenen Club Gedanken zu machen. Und diese in Foren, auf der Strasse oder im Stadion zu äussern, weil man am liebsten selber in die Vereinspolitik eingriffe. Wer mitfiebert und Emotionen zeigt, will Genugtuung, wer bezahlt, Gegenleistung – die Welt funktioniert so.

Vom Scheitern Zinnbauers ist die Rede, von Versagen gar. So falsch liegt nicht, wer letzteren Standpunkt vertritt, weil harte Fakten wie Punktestand sowie weiche Faktoren wie Teamgeist und Leidensfähigkeit der Spieler darauf hinweisen. Doch so einfach ist es nicht. Vor allem dann nicht, wenn man sich in der Nachbetrachtung vor Augen führt, wie ver­bissen Zinnbauer im und mit dem FC St. Gallen gearbeitet hat, wie sehr er für das Wohl des Vereins gekämpft hat und nur das Beste für ihn wollte. Der Deutsche, auch geholt, weil Deutsche eben stolz und überzeugt an eine Aufgabe herangehen, ordnete dem Erfolg alles unter. Er war ein Getriebener, arbeitete unentwegt, suchte das in seinen Augen perfekte Spiel, den Zinnbauer-Fussball. Und er überforderte bald einmal seine Spieler mit dem «effektiven, dominanten Ballbesitz und dem offensiven Spielstil», wie er anfänglich seinen Fussball beschrieb.

Später, als er sah, dass diese erste Idee nicht funktionierte, setzte er auf ein Konter-Umschaltspiel. Dabei blieb auch dieser Wunsch nur Vater des Gedankens – zu sehen bekam man diese Philosophie eines Spiels, das so gnadenlos sein kann, ebenfalls selten. Und irgendwann stand sich Zinnbauer, dieser stolze, selbstbewusste, aber auch sture Mann, vermutlich selber ein wenig im Weg. Ausgerechnet er, der sich als guter Taktiker sah, im Spiel aber selten die richtigen Entscheidungen traf, konnte nicht über den eigenen Schatten springen: Er passte das System nicht der vorhandenen Mannschaft an, nachdem der umgekehrte Weg nicht funktioniert hatte.

Erschwerend kam hinzu, dass Zinnbauer in seiner Schaffenszeit das Glück fehlte. Das Glück, das man in diesem Geschäft haben muss, um selbst im Osten der Schweiz langfristig zu überleben. Dennoch: Zinnbauer, dies betonte an der Pressekonferenz vom Donnerstag auch Sportchef Christian Stübi, hat im FC St. Gallen auch Gutes gemacht. Auch wenn dies nur die Wenigsten wahrhaben wollen. Der Trainer hat mit seinem Know-how aus der Bundesliga dem Verein eine Professionalisierung gebracht, die dieser in der Form zuvor nicht gekannt hatte. So gab es im sportlichen Umfeld des Clubs nennenswerte Fortschritte hinsichtlich Infrastruktur, Videoanalyse, Taktikschulung, Trainingsbedingungen und Tagesstruktur.

Letztlich lässt sich sagen: Stilprägend war Zinnbauers Wirken nicht, vermissen wird ihn das Volk kaum. Vielleicht auch die Spieler nicht. Doch einen gewissen Unterhaltungswert hatte der 47-Jährige, der sich vor fast 20 Monaten aufmachte, die Schweiz zu erobern: Zinnbauer, stets adrett gekleidet, war eloquent und höflich – sogar in den Zeiten, als er mit dem Rücken zur Wand stand. Er bekam einfach viel zu schnell zu spüren, dass es kein einfacher Job ist, der Coach des FC St. Gallen zu sein. Wird es auch nie sein. Die Zuschauer hier sind kritisch, sie wollen Gegenleistung, das ist ihr gutes Recht.

 

 

Christian Brägger

sport

@tagblatt.ch


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