Schwarze Zahlen, besonnene Köpfe

FUSSBALL ⋅ Sportlich ist der FC St. Gallen in einer tiefen Krise. Er verursacht rote Köpfe und Abstiegsangst. Finanziell aber schreibt der älteste Club des europäischen Kontinents zum vierten Mal in Folge schwarze Zahlen.
25. Oktober 2016, 05:54
Peter Wyrsch

FUSSBALL. Sowohl die FC St.Gallen AG als auch die FC St.Gallen Event AG schliessen die Bilanz der Saison 2015/16 mit einer blanken Null ab. Der Verwaltungsrat um Präsident Dölf Früh wurde an der 13. Generalversammlung im Fürstenlandsaal in Gossau fast ohne Gegenstimme für ein weiteres Jahr wieder gewählt. Die 351 Aktionärinnen und Aktionäre sprachen den Verantwortlichen trotz des sportlichen Tiefgangs das Vertrauen aus. Nach vier Jahren ist einzig Jakob Gülünay, der sich vor allem um das Nachwuchsprojekt Future Champs Ostschweiz verdient gemacht hat, ausgeschieden.

Die allgemeine Umfrage wurde nicht genutzt. Viele machen lieber die Faust im Sack oder pfeifen im Stadion, als dass sie ihrer Enttäuschung offiziell und gesittet Ausdruck verleihen.

  • Dölf Früh im Gespräch nach der Generalversammlung.

Die Generalversammlung des FC St.Gallen ging ohne Diskussionen über das Tief des Clubs über die Bühne. Präsident Dölf Früh wurde im Amt bestätigt. (Bilder: Samuel Schalch)

Die mentale Verunsicherung

Der sportliche Tiefgang war das vorherrschende Gesprächsthema an der 13. Generalversammlung, aber lediglich vor und nachher bei Bier, Wurst und Bürli. Man war sich einig: Die seit 13 Monaten von Joe Zinnbauer trainierte Mannschaft wirkte zuletzt gegen Vaduz und in Luzern blutleer, mut- und hilflos. Es fehlt derzeit von vorne bis hinten, mit Ausnahme von Torhüter Daniel Lopar, der bislang noch grösseren Schaden verhindert hat. «Es ist eine allgemeine mentale Verunsicherung», so Früh, «keiner bekommt sein Vorhaben auf die Reihe. Alle sind nervös und unsicher. Die Mannschaft ist aber intakt.» Verschiedene Spieler hätten sich nach der desolaten Leistung in Luzern bei Zinnbauer entschuldigt. Es werde nicht gegen den Trainer gespielt, der weiterhin akribisch arbeite und ein Kämpfer sei. Es bleibt die Frage, wie lange Präsidium und Verwaltungsrat, dem neu nur noch fünf statt bisher sechs Personen angehören, dem öffentlichen Druck standhalten werden. Denn es steht die Woche der Wahrheit an, in die weiterhin Zinnbauer den Tabellenletzten führen wird. Am Donnerstag wartet in den Cup-Achtelfinals Challenge-League-Leader Zürich, am Sonntag gastiert der ehemalige Trainer Jeff Saibene mit dem FC Thun im Kybunpark zum «Abstiegsgipfel» in der Meisterschaft.

«Wenn wir nur wüssten, woran es liegt, dass nach einem Rückschlag alles Erarbeitete wie weggeblasen ist», so Sportchef Christian Stübi. Mit ihm und Zinnbauer war der gesamte Trainerstab zugegen. Die Mannschaft hingegen fehlte. Man erlaubte es ihr, zu Hause zu bleiben, Enttäuschungen zu verarbeiten, und verhinderte damit, dass sie Spott der frustrierten Aktionäre und Anhänger ausgesetzt wurde.

Sinkende Zuschauerzahlen

Auf dem Rasen stellt St.Gallen in dieser Saison in der Super League das schwächste Team. Die Ostschweizer rangierten schon in der Rückrunde der Saison 2015/16 zuhinterst und stiegen nur wegen einer passablen Vorrunde nicht ab. Und diese Saison wurde es trotz diversen personellen Mutationen nicht besser – wie die Tabellenlage mit dem letzten Platz derzeit zeigt. Aus 40 Meisterschaftsspielen unter Joe Zinnbauer resultierten nur 11 Siege und 8 Unentschieden. Über die Hälfte aller Spiele, genau deren 21, wurden verloren mit teils miserablen Leistungen.

Das färbt auch auf die Zuschauer im Stadion im Westen der Stadt und damit auf die Finanzen ab. Trotz sorgsamer Finanzpolitik ist pekuniär (noch) alles im Lot, aber die Zuschauerzahlen gehen zurück. Von durchschnittlich 13 336 in der Spielzeit 2014/15 sank diese auf 12 941 in der abgeschlossenen Saison und ist derzeit mit 12 248 weiter rückläufig. Die sportliche Umstrukturierung zeitigt keine Früchte, der FC St.Gallen ist in eine Negativspirale geraten. Die Entwicklung stockt. Das schlägt aufs Gemüt des sensiblen Umfelds.

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