Schlechter als schlecht

FC ST.GALLEN ⋅ Der FC St.Gallen zeigt in Zürich eine blamable Leistung und verliert gegen die Grasshoppers 1:3. Die Ostschweizer treten im Letzigrund so auf, als würden sie den angezählten Gegner aufbauen wollen. Was sie im Endeffekt auch tun.
09. April 2017, 05:16
Christian Brägger, Zürich

Christian Brägger, Zürich

Man mochte aus St.Galler Sicht nicht mehr hinschauen. Die Ostschweizer lagen vor 6300 Zuschauern 1:3 zurück, und Caio hatte soeben gezeigt, was es bedeutet, Caio zu sein: Er versenkte einen seiner gefürchteten Freistösse, Goalie Daniel Lopar war machtlos, 15 Minuten waren noch zu spielen. Die Mannschaft von Trainer Joe Zinnbauer lag ausgerechnet gegen diese Grasshoppers zurück, die letztmals am 4. Dezember vergangenen Jahres gewonnen hatten. Die in der Rückrunde bis gestern erst zwei Punkte geholt hatten und deswegen so sehr in sportliche Nöte geraten sind. Die vor vier Wochen den Trainer Pierluigi Tami entlassen hatten und sich nun mit Carlos Bernegger an der Seitenlinie versuchen. Ausgerechnet gegen diese angezählten Grasshoppers lagen die Ostschweizer 1:3 zurück – und gaben sich ihrem Schicksal hin, weil auch nach diesem Treffer kein Aufbäumen zu sehen war. Weshalb nach diesem schlechten Auftritt die Frage vorerst geklärt ist, wohin sich der FC St.Gallen orientieren darf. Nach diesem 27. Saisonspiel gewiss nicht in die obere Tabellenhälfte, die wohl für die Qualifikationsspiele für die Europa League berechtigt. Nach diesem 1:3 tut der FC St.Gallen vielmehr gut daran, sich wieder nach hinten zu orientieren, zumal gestern auch Lausanne punktete. Zinnbauer, der nach dem Schlusspfiff seine Spieler auf dem Platz versammelte und ihnen sagte, was ein Trainer nach solchen Leistungen sagen muss, zeigte sich an der anschliessenden Pressekonferenz enttäuscht: «Das war ein wirklich schlechtes Spiel von uns. Das schlechteste in der Rückrunde.»

Gut begonnen, danach den Faden verloren

Dabei hatte St.Gallen eigentlich gut begonnen, es war mit breiter Brust in die Partie gestartet, auch wenn Zinnbauer zumindest für Aussenstehende gewöhnungsbedürftige Modifikationen vorgenommen hatte gegenüber dem Spiel vor einer Woche, das man gegen Basel 0:3 verloren hatte. Der Coach brachte Toko anstelle von Marco Aratore auf der rechten Seite im Mittelfeld, damit der Captain die Räume Caios eng machte. Und im Zentrum agierten vor Roy Gelmi mit Gianluca Gaudino und Mohamed Gouaida zwei Spieler, die Zinnbauer in der zweiten Halbzeit der Basel-Niederlage wohl überzeugt hatten. Gouaida hatte letztmals am 21. August 2016 von Anfang an gespielt, für Gaudino war das Beginnen in der Rückrunde ebenfalls eine Premiere.

  • Albian Ajeti kämpft gegen Charles Pickel um den Ball mit.
  • Der St.Galler Yannis Tafer im Kopfballduell gegen Charles Pickel.
  • Andreas Wittwer jubelt nach dem 1:1-Treffer kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit.

Die Espen verlieren im Letzigrund nach einer schwachen Leistung gegen die Grasshoppers. Matchwinner Munas Dabbur traf gleich doppelt gegen die Ostschweizer. (Bilder: Keystone)

Aber nachdem Albian Ajeti während der gefälligen St.Galler Startphase mit seinem Kopfball in der neunten Minute an Joël Mall gescheitert war, war es das auch schon mit der Ostschweizer Herrlichkeit. Danach entwickelte sich ein Spiel, das eigentlich hätte heissen müssen: Munas Dabbur im Duell gegen St.Gallen. Und dieses Spiel entschied der Stürmer, der nach der Winterpause von Salzburg zum Rekordmeister zurückgekehrt war, deutlich für sich. Der Israeli erzielte in der 35. Minute nicht nur die Führung nach einem Wirrwarr, er traf danach noch die Latte, und auch in der zweiten Halbzeit legte er nach St.Gallens Ausgleich durch Andres Wittwer nochmals mit seinem zweiten Treffer in der 70. Minute nach. Die St.Galler hatten Dabbur nie im Griff, auch wenn dieser gewiss nicht in Topform ist. Wie die gesamte Mannschaft der Grasshoppers nicht, und vermutlich im Wissen darum taten die Zürcher aber mehr dafür, das Resultat positiv zu gestalten.

  • Daniel Lopar: Note 4. An ihm liegt St.Gallens zweite Niederlage in Serie nicht. Lopar hält, was er halten kann. Rettet in der 63. Minute bei Dabburs Kopfball mit Glück und Können.
  • Karim Haggui: Note 3. Rettet einmal vor Vilotic, doch auch der Tunesier hat GC-Stürmer Dabbur im Zentrum nie im Griff. Wenigstens ein Aggressivleader.
  • Silvan Hefti: Note 3. Spielt wie immer, defensiv solid, aber offensiv ohne Impulse. Will Hefti einen Schritt nach vorne machen, wird es Zeit, dass sich der Goldacher in dieser Hinsicht steigert.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: PD)

Wittwers Ausgleichstreffer, der quasi mit dem Pausenpfiff fiel, war eigentlich die letzte nennenswerte Aktion des FC St.Gallen. Und es war die schönste, weil Ajeti den Ball mit der Hacke direkt und perfekt für den Mittelfeldspieler vorgelegt hatte. Doch diesem Ausgleich haftete der Makel an, dass er ein falsches Zeichen in Richtung der St.Galler sendete. Man wähnte sich auf Augenhöhe mit dem Gegner, aber man war es nicht. Denn dafür zeigte St.Gallen zu viele Mängel im Aufbau, vieles blieb Stückwerk, Chancen wurden keine herausgespielt. Es fehlte im Mittelfeld der Zugriff aufs Spiel, was auch daran lag, dass Tranquillo Barnetta fehlte.

Das Fehlen Barnettas hat Auswirkungen

Zwar hatte der St.Galler zuletzt auch nicht überzeugt, doch wenn dieses Spiel dafür herhalten sollte, ob es ohne den Rückkehrer funktioniert, so musste die Antwort lauten: Nein. Weil seine Ruhe fehlte, die Sicherheit am Ball, auch die zündenden Ideen vor dem Sechzehner. So blieben die Anhänger des FC St.Gallen der einzige Lichtblick an diesem schrecklichen Abend – sie feuerten unentwegt ihre Mannschaft an, auch wenn es bisweilen des Guten zu viel war und der Speaker für den Lacher des Abends sorgte: «Ihr wollt Bratwürste ohne Senf, wir wollen Fussball ohne Pyros.»


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