Joe Zinnbauer - ein einziges Missverständnis

FC ST.GALLEN ⋅ Pleiten, Pech und Pannen: Die Ära von Joe Zinnbauer beim FC St.Gallen ist Geschichte. Was mit grossen Hoffnungen begann, wurde schon bald zur Enttäuschung – mit einem in die Länge gezogenen Ende.
04. Mai 2017, 14:16
Daniel Walt
" Josef Zinnbauer: ‘Ich habe in St.Gallen Feuer gefangen ’". So hiess die Schlagzeile im "Tagblatt", nachdem der FC St.Gallen den bisherigen Regionalliga-Trainer des Hamburger SV als neuen Übungsleiter vorgestellt hatte. Mitte September 2015 war das, Zinnbauer wurde noch förmlich mit seinem Taufnamen "Josef" bezeichnet. Der Boulevard seinerseits nannte Zinnbauer bereits damals "Ferrari-Joe" - in Anspielung darauf, dass sich Zinnbauer schon als junger Fussballprofi eine italienische Edelkarosse zugelegt hatte.

Die Verantwortlichen der Espen ihrerseits äusserten sich nach der Verpflichtung des Deutschen euphorisch. Präsident Dölf Früh gab zu Protokoll, der Verein habe einen "hervorragenden Mann" gefunden, der eine Persönlichkeit sei. Zinnbauer könne den Tarif durchgeben. Zudem sei er ehrgeizig. Der neue FCSG-Trainer selbst hielt fest, er sehe die Möglichkeit, mit dem Club zu wachsen. Jetzt, rund eindreiviertel Jahre später, sind all diese Aussagen bereits wieder Makulatur: Nach anhaltender Erfolglosigkeit gehen der FC St.Gallen und Zinnbauer getrennte Wege, obwohl der Trainer noch über einen Vertrag bis Mitte 2018 verfügt.

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Gegenpol zu Saibene

Mit Joe Zinnbauer setzten die Verantwortlichen des FC St.Gallen in jenem Herbst 2015 auf einen Mann, der die lebende Antithese zu seinem Vorgänger Jeff Saibene darstellt. Der luxemburgische Ex-Cheftrainer der Espen, von ruhigem Naturell, verfolgt die Partien seiner Mannschaften zumeist ohne grosse Gefühlsregungen. In Interviews bleibt er distanziert bis zurückhaltend – markige Aussagen für die Galerie waren seine Sache nicht. Mit Joe Zinnbauer, in der Saison 2014/2015 für wenige Monate Cheftrainer des Bundesligisten Hamburger SV, kam ein Trainer mit einer grossen Ausstrahlung nach St.Gallen. Ein Mann, der sich in der Öffentlichkeit blendend in Szene zu setzen weiss, eloquent und ein Übungsleiter der impulsiven Art ist. Kaum eine Szene in einem Match, die Zinnbauer an der Linie nicht gestenreich kommentiert – er treibt seine jeweilige Mannschaft unablässig an, versucht permanent, von der Seitenlinie aus Einfluss aufs Geschehen auf dem Platz zu nehmen.
 

Verheissungsvoller Start…

Joe Zinnbauers erste Wochen und Monate beim FC St.Gallen verliefen vielversprechend. Das erste Meisterschaftsspiel, in dem der Deutsche an der Linie stand, gewannen die St.Galler dank eines Treffers von Roy Gelmi gegen Thun mit 1:0. Bis zur Winterpause kam der FCSG unter dem neuen Trainer in zehn Meisterschaftspartien zu vier Siegen und vier Unentschieden – zweimal verliessen sie den Platz als Verlierer. In bester Erinnerung geblieben ist den Anhängern der 2:1-Heimsieg im November 2015 gegen den FC Basel – Doppeltorschütze für die Espen im St.Galler Schneetreiben war Yannis Tafer. Einen ersten grossen Dämpfer hingegen gab es im Cup: Das Heimspiel gegen Luzern ging nach einem schwachen, uninspirierten Auftritt mit 2:3 verloren.
 

… und die Talfahrt im Frühling

Die Talfahrt unter Joe Zinnbauer setzte in der Folge im Lauf der Rückrunde ein. Nach einem durchaus ansprechenden Start tauchten die St.Galler Anfang April beim FC Zürich gleich mit 0:4 – Zinnbauer liess die Spieler nach der Rückkehr in die Ostschweiz spätnachts noch Runden laufen. Die Massnahme blieb ohne jede Wirkung, es folgten weitere Pleiten: 0:3 bei Vaduz, 0:7 daheim gegen Basel, 0:2 bei GC, 1:3 daheim gegen Vaduz. Der FC St.Gallen geriet zunehmend in Abstiegsgefahr, die Kritik am Trainer und am Team wurde immer lauter.

Doch im entscheidenden Moment gelang den Espen dann der grosse Befreiungsschlag: Mitte Mai gewannen sie den Abstiegskrimi daheim gegen den FC Zürich nach einem begeisternden Auftritt mit 3:0 und waren sämtliche Abstiegssorgen los. Viele glaubten, jetzt hätten Joe Zinnbauer seine Mannen den Rank endlich gefunden. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuss: Die St.Galler verloren die beiden bedeutungslos gewordenen Saisonspiele gegen Luzern und Lugano sang- und klanglos. Geringer wurden die Zweifel an Joe Zinnbauer damit nicht - zugute zu halten waren ihm eigentlich bloss noch zwei Fakten: Zum einen hatte der FC St.Gallen schon unter Jeff Saibene zweimal in Folge katastrophale Rückrunden abgeliefert. Zum anderen hatte Zinnbauer erst nach Saisonabschluss die Gelegenheit, das Team nach seinem Gusto umzubauen.
 

Die Krise setzt sich fort

Neue Saison, neues Glück also? Mitnichten – auch der Start in die neue Spielzeit 2016/2017 missriet Joe Zinnbauer und dem FC St.Gallen gründlich. Einzelnen lichten Momenten – so beim 2:1 daheim gegen GC und dem 3:0 ebenfalls vor eigenem Anhang gegen Luzern - folgten miserable Auftritte und viele Niederlagen. Negativer Höhepunkt: das 0:3 beim FC Luzern im Oktober – eine Niederlage, die angesichts von fünf Lattenschüssen der Luzerner noch viel höher hätte ausfallen müssen. Der Ruf nach einer Trennung von Joe Zinnbauer wurde unter den Anhängern immer lauter. Präsident Dölf Früh hielt aber weiter unbeirrt an seinem Übungsleiter fest – und behielt vorerst Recht. Auch von der Euphorie rund um die Rückkehr von Tranquillo Barnetta beflügelt, stabilisierte sich der FC St.Gallen bis zur Winterpause.
  • 18. Oktober 2015, Lugano - FCSG 3:1: "Wir sind aufgetreten wie ein Heimteam, haben Lugano wenig zugestanden - bis auf die letzten Minuten. Das Team setzt meine Ideen um."
  • 28. Oktober 2015, Cup-Achtelfinal FCSG - Luzern 2:3: "Meiner Mannschaft sind einmal mehr viel zu viele Fehler unterlaufen. Unser Plan war ein anderer. Wenn ich Fussballer wäre, würde ich nun keinen Trainer mehr brauchen, keine Motivationsansprachen, keine taktische Schulung. Ich wüsste ganz genau, was zu tun wäre. Das Spiel am Sonntag ist eine Partie der Ehre."
  • 28. November 2015, YB - FCSG 2:1: "Wir konnten eine Zeitlang gegen einen sehr starken Gegner mithalten. Das stimmt mich positiv. Punkte müssen wir gegen andere Teams budgetieren."

Wie erklärte Joe Zinnbauer nach Niederlagen des FC St.Gallen das Versagen seiner Spieler? Klicken Sie sich durch die Statements des St.Galler Cheftrainers nach sämtlichen 30 Niederlagen in seiner nun beendeten Amtszeit.

Nach einem ansprechenden Start in die Rückrunde mischten die Espen vorerst munter mit im Kampf um einen Platz im europäischen Geschäft. Mit einem sang- und klanglosen 0:3 gegen den FC Basel setzte dann aber die fast schon traditionelle Rückrunden-Talfahrt mit vielen Niederlagen ein. Joe Zinnbauer verärgerte die Fans wahlweise mit Beschönigungen, eigenartigen Erklärungen oder vollmundigen Ankündigungen. Das 0:2 vom vergangenen Sonntag gegen YB dann war gleichbedeutend mit dem siebten Spiel in Folge ohne Sieg und der fünften Pleite in Serie. Nun zog Dölf Früh die Reissleine und stellte seinen erfolglosen Trainer frei.
 

Eine Grossbaustelle

Nach dem Ende der – kurzen – Ära Joe Zinnbauer bleibt festzuhalten: Der FC St.Gallen steht wieder an einem ähnlichen Punkt, an dem er vor dem Engagement des Deutschen stand. Die St.Galler sind in der derzeitigen Verfassung akut abstiegsgefährdet; sie verärgern ihre Fans mit lustlosen, uninspirierten, konzeptlosen Auftritten; und hochdotierte Spieler wie Danijel Aleksic, Yannis Tafer und sogar bereits Tranquillo Barnetta waren zuletzt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Richten soll es nun also Giorgio Contini, ein früherer St.Galler Meisterstürmer. Ob er das Ruder herumreissen kann, wird sich ein erstes Mal bereits am kommenden Sonntag im Abstiegsschocker gegen Lausanne zeigen - verlieren die St.Galler auch unter Contini, erhält die darauffolgenden Partie gegen den Tabellenletzten Vaduz Schicksalscharakter.

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