«Ich sage den Spielern: Wehrt euch!»

NEUANFANG ⋅ Am Sonntag tritt der neue FC-St.-Gallen-Trainer Giorgio Contini mit seinem Team in Lausanne an. Er spricht über die Schwächen, die er beim FC St. Gallen ausgemacht hat, über Vorschusslorbeeren - und über die Ambitionen, die seine Mannschaft haben darf.
06. Mai 2017, 10:20
Interview: Ralf Streule, Patricia Loher

Interview: Ralf Streule, Patricia Loher

Giorgio Contini, wie haben Sie als Spieler jeweils auf einen Trainerwechsel reagiert?

Hatte ich es gut mit einem Trainer, tat mir die Entlassung leid. Hatte ich das Heu mit ihm nicht auf der gleichen Bühne, traf es mich weniger. Das ist menschlich.

Sie kennen den Schweizer Fussball, Sie kennen den FC St. Gallen. Die Mannschaft ist weit unter ihrem Wert klassiert. Stimmen Sie dem zu?

Diese Mannschaft hat die Qualität, zwei, drei Plätze weiter vorne klassiert zu sein. Im Abstiegskampf hat sie nichts zu suchen. Das sagte ich schon, als ich noch Vaduz-Trainer war. Wenn ein solches Team dann trotzdem in den Abstiegskampf gerät, droht die Gefahr, dass es die Situation nicht akzeptiert. Dabei müssten die Spieler den Schalter umlegen. Der Trainer ist in solch einer Situation mehr als Psychologe gefragt.

Der FC St. Gallen geriet innert fünf Runden in Abstiegsnot. Wie schwierig ist es für einen Spieler, ebendiesen Schalter umzulegen?

Wenn er sich in sicheren Gewässern fühlt und das Umfeld schon von Europa League spricht, fokussiert er sich anders. Dann gewinnst du ein paarmal nicht – das nagt am Selbstvertrauen. Man muss im Abstiegskampf anders Fussball spielen. Ein Trainer muss auf jene Spieler zurückgreifen, die bereit sind, mit Druck umzugehen. Und vielleicht auf die Qualitäten anderer Spieler verzichten.

Also setzt er im Kampf um den Ligaerhalt auf Spieler, die gewillt sind, die Drecksarbeit zu verrichten?

Ja, und auf Spieler, die sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Auf Spieler, die wissen: Es ist mein Job, den ich zu erfüllen habe. Und es ist mein Job, egal ob ich um den ersten oder den achten Rang spiele.

Als Sie die vergangenen Spiele der St. Galler analysiert haben: Wo machten Sie die Probleme aus?

Als Vaduz-Trainer habe ich die Schwachstellen beim FC St. Gallen immer gefunden. Wenn man sich auf ein System fixiert, hat sich ein Gegner irgendwann auf dich eingestellt. Man wird berechenbar. St. Gallen hat zuletzt seine Flexibilität verloren. Ich sage, ob ich nun Dreier- oder Viererkette spiele, ist nicht relevant. Was zählt, ist, dass ich um die Schwächen des Gegners weiss. Als Trainer kann ich nicht sagen: Das will ich, und das ziehe ich nun durch. Ich bereite meine Mannschaft immer so vor, dass ihr bewusst ist: Wir können in der Pause umstellen, und jeder weiss noch immer, was sein Job ist. Wir als Trainer müssen die Spieler auch unter der Woche fordern und sie zum Nachdenken bringen.

Wie meinen Sie das?

Will ein Team flexibel sein, müssen die Spieler diskutieren und Fragen stellen. Im Moment müssen sie sich mit Lausanne auseinandersetzen. Und meine Aufgabe ist es, eine gute Mischung zu finden. Ich frage mich: Braucht es heute mehr die überdurschnittlichen Techniker oder die Kämpfer? Dem Team muss bewusst werden, dass wir alle Kaderspieler brauchen, um dem Abstiegskampf zu entkommen. Dass der eine dem anderen helfen muss. Das Einzige, was die Spieler nicht haben dürfen, ist Angst. Natürlich weiss ich, dass ich nicht von heute auf morgen alles auf den Kopf stellen kann. Ich will einfach, dass die Spieler von der Leine gelassen werden. Und ich sage ihnen: Wehrt euch! Am Sonntag in Lausanne kann ich ihnen nicht mehr helfen. Dann habe ich alles gesagt.

In Vaduz galten Sie als Taktikfuchs. Am Schluss hat es aber doch nicht mehr gepasst. Weshalb?

Es war wirtschaftlich nicht mehr möglich, das Kader zu verstärken. Man wusste: Ein Abstieg ist möglich. Dann stellte sich die Frage: Will man mit Contini in die Challenge League? Das war nicht definiert. Eigentlich sagte der Verein, er wolle mit mir weitermachen, auch in der Challenge League, merkte aber, dass er mir dann nichts mehr bieten kann. Am Ende entschieden wir uns im gegenseitigen Einvernehmen, uns zu trennen.

Schwierig wurde es auch, weil Ihnen vorgehalten wurde, zu wenig Liechtensteiner einzusetzen.

Wir setzten auf vier Liechtensteiner. Das ist überdurchschnittlich viel für ein Land mit 35000 Einwohnern. Man muss nur einmal sehen, wie viele Zürcher bei den Grasshoppers spielen, oder wie viele Winterthurer beim FC Winterthur. Es war manchmal schwierig in Liechtenstein mit diesem Denken. Aber der Erfolg hat uns recht gegeben.

Der Druck in St. Gallen wird um einiges grösser sein.

Natürlich. Aber ich habe so viele positive Rückmeldungen erhalten, es sind Vorschusslorbeeren, die ich nutzen will. Für mich ist das kein Druck.

Hat Ihnen der Club Ziele mit auf den Weg gegeben?

Natürlich den Ligaerhalt. Aber vieles war mir schon klar, als ich den Kontrakt unterzeichnete. Wenn ein Club wie der FC St. Gallen ein solch grosses Nachwuchsprojekt führt, wäre es fatal, wenn ich sagte, ich brauche auswärtige Spieler. Der Nachwuchs ist ein Standbein dieses Clubs, eine wichtige Einnahmequelle. Natürlich werden nicht jedes Jahr fünf eigene junge Spieler den Sprung schaffen. Aber wenn wir im gesicherten Mittelfeld sind, dann bin ich der erste, der einem Nachwuchsspieler die Chance gibt. Silvan Hefti, Roy Gelmi oder Boris Babic haben bewiesen, dass man den Sprung ins Team schaffen kann. Ich kenne als ehemaliger St. Galler U21-Trainer die andere Seite. Ich weiss, wie es ist, wenn man von oben gebremst wird.

Die Entwicklung des FC St. Gallen hat zuletzt stagniert. Hatten Sie, noch Aussenstehender, auch schon das Gefühl, der Club dürfte ein wenig ambitionierter auftreten?

Jetzt redet der Zürcher in mir. Der Ostschweizer ist, was Zielsetzungen angeht, eher reserviert. Er kommt gerne aus dem Busch und überholt dich dann, so wie wir damals im Jahr 2000, als wir Meister wurden. Aber er wird nie sagen: Wir sind die Besten. Das machen sie eher in Basel und in Zürich. Aber, aufgrund des Stadions, aufgrund der vielen Anhänger bis ins Bündnerland, dürfte der FC St. Gallen ruhig auch einmal etwas herausgeben. Ich kann doch sagen: Das Ziel ist die Europa League, wenn ich das Gefühl habe, die Mannschaft hat das Zeug dazu. Natürlich, jetzt ist nicht der Moment. Aber in naher Zukunft kann St. Gallen auf Augenhöhe mit Luzern sein.

Hat Ihnen Ihr Beziehungsnetz geholfen, den Job in St. Gallen zu erhalten?

Es gibt oftmals Entscheidungen aufgrund von Beziehungen. Murat Yakin und ich wurden in Luzern nicht entlassen, weil wir erfolglos waren. Sondern weil andere Leute das Gefühl hatten, mit anderen hätten sie es besser. In Basel ist es ebenso: Man wird Meister, aber wechselt den Trainer. Die Ausgangslage in St. Gallen war jedoch eine andere. Es galt, aufgrund der aktuellen Situation die bestmögliche Lösung für den Verein zu finden. Dabei dürfen keine persönlichen Sympathien oder Beziehungen entscheiden. Und ich war ja auch nicht der einzige Kandidat. Am Ende haben sich die Verantwortlichen jedoch für mich entschieden. Dieses Vertrauen ehrt mich, und ich möchte es so schnell wie möglich zurückgeben.


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