«Ein schwacher Präsident duldet keine starken Verwaltungsräte»

DAS GROSSE INTERVIEW ⋅ Michael Hüppi, ehemaliger FC St.Gallen-Präsident, spricht nach seinem Rücktritt aus dem Verwaltungsrat über die Vorkommnisse im Verein in den letzten Monaten. Er hofft darauf, dass Dölf Früh seine Aktien abgibt.
07. September 2017, 12:40
Christian Brägger/Ralf Streule

Am Dienstag hat Michael Hüppi seinen Rücktritt aus dem Verwaltungsrat des FC St.Gallen bekannt gegeben. Der Anwalt ist seit seiner Kindheit Anhänger des Clubs, stieg vor 20 Jahren als Präsident der Donatorenvereinigung «Businessclub» ein, war danach von 2008 bis 2010 Präsident des FC St.Gallen. Im Interview schildert der 60-Jährige seine Sicht der Dinge über die Vorgänge im Club.

Michael Hüppi, mit Ihrem Rücktritt haben Sie in einem Mail an Freunde vehement die Zustände im Verein angeprangert und gleichzeitig mitgeteilt, dass Dölf Früh als Hauptaktionär Sie ohnehin nicht mehr im Amt bestätigen wollte. Hat es mit Ressentiments gegen Früh zu tun, dass Sie öffentlich so offensiv kommunizieren?
Überhaupt nicht. Es geht mir viel mehr darum, den Anhängern des FCSG meinen Rücktritt zu erklären. Für viele kam er wohl überraschend. Ich bin einer jener Abgänger der vergangenen Zeit, die nicht auf der Lohnliste stehen – und damit darf ich reden. Es gibt keine Ressentiments. Dölf Früh hat unbestritten eine super Arbeit als Präsident gemacht, hat über die Jahre den Club zusammengehalten, mit harter Hand geführt, Finanzen beschafft und sich nicht beeinflussen lassen. Der Wendepunkt kam für mich im vergangenen November.

Was passierte da?
Dölf Früh dachte bereits damals, noch bevor seine Krankheit Thema war, im Verwaltungsrat über seine Nachfolge nach. Er wollte ohnehin im Herbst 2017 zurücktreten. Für mich und Martin Schönenberger war klar: Pascal Kesseli wäre ein idealer Nachfolger. Er ist sehr gut vernetzt, hat grossartige Arbeit als CEO der Event AG geleistet, ist als Führungsperson erfahren. Diese Sicht teilte Früh nicht – seither sprach er uns intern das Vertrauen ab. Fortan veränderte er sich in unserer Wahrnehmung extrem, riss Entscheidungen noch stärker an sich. Das machte unsere Arbeit im Verwaltungsrat schwierig. Die Entscheidungen, die zuletzt gefällt wurden, haben schliesslich dazu geführt, dass ich die Verantwortung nicht mehr mittragen konnte. Ich muss hinter den Entscheidungen stehen können, will ich mich im Gremium wohl fühlen. Hinzu kam, dass ich keinen Rückhalt mehr hatte. Stefan Hernandez erklärte mir im Beisein von VR-Sekretär Thomas Stadelmann  am vergangenen Montag , dass Dölf Früh und ein anderer Aktionär mich an der kommenden GV der FC St.Gallen AG nicht mehr bestätigen wollen.

Sie reden von Entscheidungen, hinter denen Sie nicht stehen können. Sie meinen die Trennung von Pascal Kesseli?
Zum Beispiel. Dass diese im gegenseitigen Einvernehmen geschah, stimmt vielleicht auf dem Papier. Letztendlich aber war es schlicht eine Entlassung, die ich nicht nachvollziehen konnte. Er war der bestmögliche CEO der Event AG. Doch Kesseli darf sich nicht zu seinem Fall äussern, er hat einen Maulkorb erhalten. Ich weiss, dass man ihn aufgefordert hat, er solle die Vereinbarung unterschreiben mit der Floskel «gegenseitiges Einvernehmen». Er hatte keine Chance, sich zu wehren, also unterschrieb er, weil er auch einfach müde von all den Zermürbungen war. Aber: Der Entscheid wurde nicht im Verwaltungsrat gefällt, sondern einfach vollzogen. Dass Stefan Hernandez nach drei Monaten Amtszeit selbst zum Entschluss kam, Kesseli zu entlassen, konnte ich mir nicht vorstellen. Der neue Präsident konnte bis dahin Kesselis Arbeit gar nicht beurteilen, zumal er sich bis dahin kaum um die Belange der Event AG gekümmert hatte. Das sagte ich ihm so auch. Zudem hätte Kesseli gar nie ohne den Beschluss des VR abgesetzt werden können.

Sie denken also, dass Dölf Früh im Hintergrund diese Entscheidungen fällte?
Ich vermute: Ja. Es ist ja nicht per se ungewöhnlich, wenn ein Hauptaktionär mitredet. Wenn aber ohne Verwaltungsratsbeschluss ein derart weitreichender Entscheid getroffen wird, bin ich enttäuscht. Da mache ich mir wirklich Sorgen um die Entwicklung im Club.

Dölf Früh selber liess verlauten, dass er traurig darüber ist, dass er als graue Eminenz bezeichnet wird, die weiterhin Einfluss ausübt. Er sei ja bereit, Aktien abzutreten. Tun Sie ihm unrecht?
Es gab im Sommer Interessenten für die Anteile von Früh. Diese müssten nach Frühs aktueller Aussage unbedingt noch einmal kontaktiert werden – es gibt auch heute keinen Grund, deren Angebot abzulehnen.

Interessenten sollen unter anderem der Bankier Steffen Tolle, Pascal Kesseli selbst oder der Küchenhersteller Rolf Schubiger sein, alles bereits Aktionäre der Event AG.
So ist es zu lesen, ja. Es wäre das Beste, das passieren könnte. Die Aktien würden unter regional verwurzelten Leuten aufgeteilt und keiner würde den Hauptanteil alleine tragen.  Zudem würde es auch Sinn machen, den Verwaltungsrat neu zu bestellen mit externen Personen.

Weshalb?
Bis im Frühjahr noch war die Mehrheit des Verwaltungsrats unabhängig. Mit Dölf Früh, Martin Schönenberger, Brigitta Mettler und mir standen vier von fünf Verwaltungsräten nicht im Sold des Vereins. Dies änderte sich schlagartig, als Stefan Hernandez als Verwaltungsratspräsident übernahm und Ferruccio Vanin als CEO FC St.Gallen AG und Finanzchef Sascha Roth zum Gremium stiessen. Jetzt war plötzlich die Mehrheit des Verwaltungsrats Lohnbezüger der Unternehmen. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung sind mehrheitlich identisch – so fehlt ein Kontrollorgan, die Corporate Governance funktioniert so überhaupt nicht.

Wieso traten Sie damals nicht direkt zurück?
Ich hatte mir den Rücktritt schon im Mai überlegt, wollte aber die Entwicklung noch abwarten und dem neuen Präsidenten eine Chance geben.

Sie sollen sich damals aber auch an der Zurückstufung des Sportchefs im Organigramm gestört haben.
Stübi ist ein sehr fähiger Mann. Das Organigramm wurde letztlich wohl auch deshalb verändert, um Otero und Vanin zu schützen, die es allenfalls in der Organisation sonst schwer gehabt hätten ohne Früh. Vor allem Otero. Seit er hier ist, herrscht Unruhe. Und dennoch: Das Organigramm hätte funktionieren können, wenn CEO Ferruccio Vanin die sportlichen Belange gänzlich Christian Stübi überlassen hätte. Das war aber nicht so, Vanin fand Gefallen am Transfergeschäft, wie Hernandez auch. Das kritisierte ich – Kritik kam aber zuletzt überhaupt nicht mehr an im Club. Auch die zuletzt kommunizierte Änderung im Organigramm bezüglich Sportchefregelung und Zurückstufung Ferruccio Vanins befriedigte mich nicht.

Weshalb?
Im Verwaltungsrat war im Juli eine andere Entscheidung getroffen worden. Der Sportchef sollte wieder die alleinige Hoheit über den Spitzensportbereich erhalten. Das wurde so beschlossen. Schliesslich wurde das Ganze wieder aufgeweicht, es hiess dann in der Mitteilung: «Künftig teilen sich der CEO von Future Champs Ostschweiz, Ferruccio Vanin, und der neue Sportchef die Leitung der sportlichen Belange.» Somit muss der künftige Sportchef wohl dem VR Vanin genehm sein. Das alles war wieder am Verwaltungsrat vorbei entschieden.

Wie sehen Sie die Arbeit von Vanin?
Ich möchte nicht über andere Leute urteilen. Nur soviel. Als Geschäftsführer von Future Champs Ostschweiz leistete er eine sehr gute Arbeit. Mit der zusätzlichen Tätigkeit als CEO der FC St.Gallen AG waren seine Kapazitäten wohl überstrapaziert.

Präsident Hernandez sagte als Reaktion auf ihre Aussagen, es brauche Leute, die am gleichen Strick ziehen. Das taten Sie offenbar nicht.
Wir zogen immer am gleichen Strick, es ging uns um das Wohl des Clubs. Wir hatten einfach eine andere Meinung, das muss möglich sein in einem Verwaltungsrat. Und das funktionierte auch – wie gesagt bis vor einem knappen Jahr.

Auch in Sachen Abgang des Physio-Chefs Simon Storm hatten Sie eine andere Ansicht?
Ja, definitiv. Er ist erwiesenermassen einer der besten wenn nicht der beste Physiotherapeut der Liga. Er hat professionelle Strukturen aufgebaut , auch in der Früherkennung von Verletzungen und der medizinischen Langzeitbegleitung der Profis. Offenbar passte er dem Trainer nicht, weil Contini einen anderen Physiochef wollte. Für die Entlassung brauchte es aber Gründe. Es wurden hanebüchene, willkürliche Gründe gefunden – die absolut rufschädigend waren. Im Nachhinein bestätigte sich, dass die  Vorwürfe allesamt falsch sind. Storm war aber bereits entlassen. Solche Dinge musste ich kritisieren.

Die Rolle des Technischen Leiters Marco Otero und dessen Berater Donato Blasucci war auch immer wieder Thema. Die beiden sollen an Einfluss gewonnen haben und weiter in der Gunst von Dölf Früh stehen. Viele Reden von einem «Clan».
Wie stark der Einfluss ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ja, es ist eine Gruppierung, die Unruhe gebracht hat. Und in solchen Momenten braucht es eine ganz starke Führung – die fehlt derzeit im Verwaltungsrat schlicht und einfach. Und ja: Abgänge wie jener von Martin Stocklasa dürften im Zusammenhang mit dem «Clan» – wenn Sie so wollen – stehen. Ganz einfach gesagt: Es knirschte in den vergangenen Monaten an allen Ecken und Enden. Christian Stübi und Otero hatten zudem das Heu nicht auf der gleichen Bühne.

Als unheilvoll Einfluss nehmend, wie es immer wieder hiess, haben Sie den Clan aber nicht wahrgenommen?
Natürlich gab es Momente, in denen ich mich fragte, wie ideal die Konstellation ist, wenn ein Spielerberater dem Technischen Leiter des Nachwuchses und weiteren Exponenten sehr nahe steht. Ein Berater kann interessiert daran sein, junge Spieler früh zu entdecken – der Nachwuchschef kann ihm dabei behilflich sein, der Trainer auch. Solche Verbindungen haben etwas fast Diabolisches – da ist mein Vertrauen ins Gute vielleicht fast zu gross, um so etwas zu glauben. Unter dem Strich fehlen mir die Fakten, um solches zu belegen.

Sie sagen, eine starke Führung fehlt. Starker Mann müsste nun Stefan Hernandez sein. Ist er der Mann, der  den FC St.Gallen in ruhigere Gewässer führen kann?
Ich glaube nicht. Ich wage zu bezweifeln, ob Hernandez überhaupt die Möglichkeiten erhält, selber grosse Entscheidungen zu treffen, solange der Schatten des vormaligen Präsidenten noch über ihm schwebt. Auf jeden Fall denke ich nicht, dass er es geschafft hat, sich in den vergangenen drei Monaten ein Profil zu erarbeiten. Es ist für mich kein gutes Zeichen, wenn bei der Bekanntgabe eines neuen  Präsidenten zuerst alle fragen müssen: Wer ist das? Eine gewisse Bekanntheit in der Region ist für mich Voraussetzung. Und dann muss es ein Mann sein, der in der Öffentlichkeit mit breiter Brust hin steht. Hernandez beschwichtigte in der Öffentlichkeit zuletzt nur, anstatt das Ruder wirklich in die Hand zu nehmen. Und statt sich seiner Hauptarbeit zu widmen, dem Verkaufen, kümmerte er sich vornehmlich nur um die sportlichen Belange. Ich kann aber auch verstehen, dass das mehr reizt. Überdies ist es leider so, dass ein schwacher Präsident keine starken Verwaltungsräte neben sich duldet.

Können Sie nochmals schildern, wie es zur Verpflichtung von Hernandez kam?
Der Verwaltungsrat hatte ein Profil erarbeitet mit Voraussetzungen, die der neue Präsident erfüllen sollte. Früh war in dieses Projekt involviert, es war stimmig. Als er uns Hernandez dann zum ersten Mal präsentierte, dachten wir, das wäre vielleicht ein möglicher Verwaltungsrat, aber nicht mehr. Dennoch hievte Früh Hernandez ins Amt. Sein Auftreten entsprach nicht jenem eines Präsidenten, zudem war im VR beschlossen, das Amt sei in Teilzeit auszuführen. Jetzt ist es ein Vollzeitjob, voller Lohn inklusive.

Noch einmal: In Ihren Aussagen scheint auch Enttäuschung mitzuschwingen. Sind Sie wirklich nicht beleidigt?
Nein. Es geht mir nicht um eine Abrechnung – die Öffentlichkeit hat aber das Recht, über einige Dinge im Club informiert zu sein. Ich kann auch künftig hinstehen und den betreffenden Leuten in die Augen schauen. Ich bin enttäuscht, dass es nicht gelungen ist, in den vergangenen Monaten wieder eine klare Struktur in die Führung zu bringen. Und natürlich verspüre ich Wehmut - der FC St.Gallen ist für mich eine Herzensangelegenheit. Aber es ist auch eine gewisse Erleichterung da.

Wenn es so eine Herzensangelegenheit ist: Wieso hören Sie auch mit der Nacht des Ostschweizer Fussballs auf?
Alles andere wäre nicht konsequent. Zudem wollte ich ein Zeichen setzen, ich bin nicht der Typ, der an seinen Jobs festklebt. So gesehen bin ich nur konsequent.

Ihr vollständiger Rückzug könnte aber dazu führen, dass Sponsoren abspringen. Sie waren auch ein Türöffner.
Ich hoffe nicht, dass das passieren wird. Der Club ist zu sehr verankert. Ausserdem bestehen langfristige Verträge.

Sollte die erwähnte Gruppe die Aktien übernehmen und sollte Kesseli zurückkehren: Würden es auch Sie noch einmal überlegen?
Auch wenn ein Präsident Kesseli das Beste wäre, das passieren könnte: Ich würde bei meinem Entscheid bleiben. Aber ich würde sicher wieder lieber die Spiele schauen gehen.

Ein Schlusswort zu Dölf Früh?
Vor der Sanierung wussten wir am Morgen oftmals nicht, wie wir am Abend die Rechnungen bezahlen sollten. Dann kam Dölf Früh und leitete die Sanierungen. Das schweisste zusammen. Ich bedauere seine Art des Abgangs, der Club wurde wirklich dank seiner Federführung gerettet. Er hatte einfach nicht die Gnade, am Tag X abzutreten. Jetzt laufen wir Gefahr, dass dieses Werk von Dölf Früh zerstört wird.
 

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