Ein Weckruf aus dem Tessin

HEIMNIEDERLAGE ⋅ Im Spiel zwischen St. Gallen und Lugano ist das Tor von Armando Sadiku der einsame Höhepunkt. Die Luganesi sind in einer verknorzten Partie das wachere Team. Was sich auch in der Statistik niederschlägt.
26. Februar 2017, 22:27
Ralf Streule
Die Statistik lügt. Manchmal. Diejenige des gestrigen Spiels des FC St. Gallen gegen Lugano hingegen zeichnet ein ziemlich genaues Bild der Geschehnisse auf dem Feld: Drei gelbe Karten für Lugano, keine für St. Gallen. Sechs Torschüsse für Lugano, keiner für St. Gallen – trotzdem ein ausgeglichenes Ballbesitz-Verhältnis. Übersetzt in die fussballerische Realität: Lugano war weit aggressiver als die Ostschweizer. Was sich unter anderem in den Verwarnungen niederschlug – die Schiedsrichter Lukas Fähndrich für teilweise sehr harte Fouls zeigen musste. Die Tessiner waren zudem, siehe Torschussstatistik, zielstrebiger vor dem Goal. Und das alles, ohne das Spieldiktat und den Ballbesitz auf Teufel komm’ raus an sich reissen zu müssen. Den Unterschied machte die Entschlossenheit in einem Spiel, in dem sich die Akteure im Mittelfeld förmlich ineinander verhakten. Und Armando Sadiku, der in der 65. Minute vor dem Strafraum zu viel Platz erhielt – und aus 20 Metern für Lopar unhaltbar mit einem Schlenzer traf.

  • Daniel Lopar: Note 4. St.Gallens Torhüter streckt sich bei Armando Sadikus Prachtstreffer vergebens – ihn trifft beim entscheidenden Goal aber keine Schuld. Er pariert die weiteren Versuche der Luganesi, zweimal aber lässt er einen Schuss nach vorne abprallen. Bei Rückpässen lässt er sich schnell unter Druck bringen: Seine weiten Abschläge landen fast ohne Ausnahme in den Füssen der Tessiner.
  • Karim Haggui: Note 4. Der Innenverteidiger orchestriert die Abwehr lange Zeit ruhig und mit Übersicht. Er hat beim sehenswerten Pfostentreffer kurz vor Schluss die grösste Chance der Ostschweizer auf dem Kopf. In der zweiten Halbzeit bei Standards der Luganesi aber nicht immer sattelfest.
  • Silvan Hefti: Note 4. In einigen Situationen zeigt der junge Ostschweizer sein Potenzial. Spielt wiederum mutig, ist aber im Zweikampf gegen die aggressiven Luganesi fehlerhafter als zuletzt.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: pd)


Der «Ehren-Föbü» kann das Spiel nicht prägen

«Pomadig» habe man gespielt, sagte St. Gallens Captain Toko nach dem Spiel. Man habe reagiert, statt zu agieren, so formulierte es Goalie Daniel Lopar. Nur selten war es St. Gallen gelungen, Spielzüge über mehrere Stationen zu lancieren. Die Tessiner unterbanden die Ostschweizer  Bemühungen meist schon im Mittelfeld. Gefährliche Bälle in die Spitze oder schnelle Vorstösse über die Seiten blieben für einmal aus. Das Resultat waren viele weite, hohe Zuspiele nach dem Zufallsprinzip.

Einige wenige Chancen erarbeiteten sich die St. Galler damit dennoch. Albian Ajeti vergab zwei Möglichkeiten. Und Karim Hagguis Kopfball kurz vor dem Ende landete am Pfosten. Das 0:1 war am Ende für die Tessiner aber verdient. Auch Tranquillo Barnetta konnte gestern, erstmals seit seiner Rückkehr, kaum Akzente setzen. Dies ausgerechnet bei seinem ersten Auftritt als «Ehren-Födlebürger» – ein Titel, der ihm am Samstag an der Stadtsanktgaller Fasnacht verliehen worden war. Er bekam im Mittelfeld nicht den Platz, den er für die Auslösung gefährlicher Angriffe gebraucht hätte. Die Unzufriedenheit war ihm bei seiner Auswechslung kurz nach dem Gegentreffer anzusehen. Wobei man nicht sicher sein konnte, ob sein Missmut dem Trainerentscheid, dem Resultat oder seiner eigenen Leistung galt.

Ein unerwarteter Rückschlag
Das Fazit aber war: Wenn mit Barnetta und Ajeti zwei wichtige Akteure den Unterschied nicht machen, wird es für St. Gallen gegen einen hartnäckigen Gegner schwierig. Hatte das Team vielleicht Luganos Aggressivität unterschätzt? Kennengelernt hatte es diese schon vor der Winterpause, als es in Lugano in einem hektischen Spiel zu einem glücklichen 3:2-Sieg kam. Es war damals der Beginn eines St. Galler Laufs mit nur einer Niederlage in neun Spielen. Hoffentlich kein schlechtes Omen, wenn gegen die Tessiner nun ein unerwarteter Rückschlag eingetreten ist. Die Ostschweizer haben es verpasst, sich mit einem Sieg deutlicher vom Tabellenende abzusetzen. «Schnell abhaken», sagte Zinnbauer nach dem Spiel mit Blick auf das Auswärtsspiel in Sion vom kommenden Sonntag. Der Wille sei da gewesen, nun müsse man die nächste Partie wieder «präsenter» in Angriff nehmen. Der Weckruf der Tessiner, so sagte es Toko, habe ja vielleicht auch sein Gutes.

Leserkommentare

Anzeige: