Salihovic – der goldene Linksfuss des FCSG

YB - FCSG ⋅ Sejad Salihovic floh als Siebenjähriger mit den Eltern vor dem Krieg in Bosnien. In Deutschland fand er Heimat sowie Glück in Hoffenheim. Und auch mit St.Gallen möchte er einfach nur eines: Fussball spielen.
18. Februar 2017, 15:58
Christian Brägger

Christian Brägger

«Der FC St. Gallen holt Sejad Salihovic!» Diese Meldung zu Monatsbeginn verursachte Vorfreude, ein Kribbeln gar – die Bilder sind noch präsent, die der passionierte Bundesligazuschauer von Salihovic kennt: Hier ein Panenka-Penalty, dort ein Freistoss ins Lattenkreuz. Oder diese genialen Pässe, die stupende Technik mit dem goldenen, linken Fuss. Das war Salihovic, höchster Marktwert 7,5 Millionen Euro, damals, als ihn 2008 die Bayern von Hoffenheim weglocken wollten, der Spieler aber absagte. «Ich bereue das nicht. Normalerweise gibt man den Bayern keinen Korb. Aber wir waren Herbstmeister. Es gab keinen Grund, meine Heimat Sinsheim zu verlassen.»

Nicht mehr richtig präsent hat der 32-Jährige die Bilder des Krieges, damals, als Jugoslawien eine neue Ordnung suchte. Mittendrin Sejad, der siebenjährige Bub, der mit den Eltern und dem älteren Bruder in Gornji Sepak aufwuchs, im Nordosten Bosnien-Herzegowinas, an der Grenze zu Serbien. «Ab und zu habe ich Gefechte gehört, aber wir lebten nicht mitten in der Kriegszone. Zum Glück habe ich wenig mitbekommen», sagt er. 1991 flohen die Eltern rechtzeitig mit den Kindern vor dem Krieg. Lastwagen karrten sie von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager, sie landeten in Österreich. Schliesslich gingen sie nach Deutschland, das zu jener Zeit viele Flüchtlinge aufnahm. Die Familie wurde in Berlin sesshaft, bereits wohnten Verwandte und Bekannte dort, man half sich gegenseitig. Salihovics bezogen verschiedene Sozialwohnungen und lebten von der Sozialhilfe, bis die Eltern endlich putzen gehen durften. Sie taten dies zehn Jahre lang, und Sejad Salihovic sagt: «Sie haben alles dafür getan, dass es uns Kindern gut ging und wir uns keine Sorgen machen mussten.»

Für die Eltern sei der Weggang schwierig gewesen, sie litten, weil ältere Menschen immer Schwierigkeiten hätten, sich auf neue Situationen einzulassen. «Wir Kinder fühlten uns schnell heimisch, bald beherrschten wird die deutsche Sprache», sagt Salihovic akzentfrei. Die deutsche Staatsbürgerschaft will er annehmen, doch es eilt nicht, weil er als nicht im Land Geborener den bosnischen Pass abgeben müsste. «Ich bin noch nicht fertig mit dem Nationalteam und möchte weiter für Bosnien spielen.» Bisher tat er dies 47-mal, an der WM in Brasilien wurde er zweimal eingesetzt, letztmals im Aufgebot stand er im November 2015.

Geprägt von den Erlebnissen

«Meine Geschichte hat mich stark gemacht», sagt Salihovic. «Sie ist mein Vorteil, wenn es mir nicht so läuft.» Lange lief es ihm perfekt, in Hoffenheim war er der Star, erzielte 46 Tore in der Bundesliga, «es hat so viel Spass gemacht.» Er schwärmt von Trainer Ralf Rangnick, der ihn gefordert, gefördert und weiterentwickelt habe. Auch wenn er damals nicht immer nur den Fussball im Kopf hatte, das Leben auch genoss. Spätestens die Geburt seines inzwischen zweijährigen Sohnes Lian erdete ihn.

Nach zehn Jahren Hoffenheim war Salihovic zuletzt unter Markus Gisdol nicht mehr glücklich, auch weil er kaum mehr spielte. Also wechselte der Mittelfeldspieler im Sommer 2015 zu Renhe und folgte damit auch dem chinesischen Lockruf des Geldes. «Als Fussballer musst du dich absichern», sagt er. Das Team stieg ab, und in der zweiten Liga verlor Salihovic infolge der Ausländerkontingentierung die Spielerlizenz, weil die Chinesen nun auf einen Schweden setzten. «Das Niveau in der zweiten Liga war schlecht, ich war unterfordert. Es wurde sinnlos. China als Erfahrung war okay, aber es war halt nicht Deutschland.» Vergangenen Herbst löste Salihovic den Vertrag auf, hielt sich mit Hoffenheim fit und hoffte auf einen Anstellung bei einem Bundesligaclub. Doch es passte nicht.

Und nun also spielt der Familienvater zumindest bis zum Saisonende für den FC St.Gallen, dessen Trainer Joe Zinnbauer er noch aus der Zeit kennt, als dieser in Finanzdingen unterwegs war. Salihovic weiss, dass er noch Zeit braucht, bis er in der Ostschweiz richtig da ist. «In St.Gallen geht es mir nicht ums Geld. Ich will einfach wieder Fussball spielen – und fühle mich wie 25.»


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