Barnetta erteilt dem FC St.Gallen eine Absage

"Es war nicht einfach – doch ich stehe voll hinter meinem Entschluss", sagt Tranquillo Barnetta über seinen Entscheid. (Ralph Ribi )
FUSSBALL. Tranquillo Barnetta hat dem FC St.Gallen eine Absage erteilt. Das Urgestein des Clubs sucht nach elf Jahren in der Bundesliga eine letzte Herausforderung im Ausland. Sein Bauchgefühl sage ihm, eine Rückkehr käme noch zu früh.
21. Juli 2015, 00:00
Christian Brägger
Es wäre zu schön gewesen, doch es hat nicht sollen sein. Tranquillo Barnetta, das Urgestein des FC St.Gallen, kehrt vorerst nicht zu seinem Heimatclub zurück. Der 30-jährige Mittelfeldspieler hat am Montag der Clubführung der Ostschweizer eine Absage erteilt. Für Barnetta kommt eine sportliche Rückkehr noch zu früh. Er will vielmehr nach elf Jahren in der Bundesliga eine letzte Herausforderung im Ausland annehmen. In welches nichtdeutschsprachige Land und zu welchem Verein es für ihn gehen soll, ist derzeit noch nicht entschieden.

Herr Barnetta, warum haben Sie sich nun doch gegen den FC St.Gallen entschieden?
Tranquillo Barnetta: Zum Schluss der vergangenen Saison war es für mich sicher, dass ich im Ausland bleibe und dort nochmals eine Herausforderung suche. Ich habe mich damals nicht mit dem FC St.Gallen beschäftigt. Doch dann kam er auf mich zu mit einem konkreten Angebot. Die Verantwortlichen hatten viele gute Argumente, aber ich habe je länger, desto mehr gespürt, dass es zu früh ist.

Welche Argumente hatte St.Gallen?
Barnetta: Die Verantwortlichen sagten, ich könne mir etwas aufbauen, und die ganze Region stehe hinter dem Transfer. Das habe ich ja auch gespürt, und ich begann vermehrt über einen Wechsel nachzudenken.

St.Gallens Argumente waren offenbar zu schwach.
Barnetta: Während all der Zeit, in der ich Pro und Kontra abgewägt habe, erkannte ich: Der alles entscheidende Gedanke, in einem anderen Land nochmals neue Erfahrungen sammeln zu wollen, ging nicht weg. Wenn ich am Ende meiner Karriere zurückgeschaut hätte, hätte ich es bereut, diese Chance nicht nochmals wahrgenommen zu haben. Ich habe quasi ja nur Deutschland gesehen.

Also geht es Ihnen nur um ein neues Land. Um welches denn?
Barnetta: Ich möchte darauf nicht weiter eingehen. Es ist noch nichts unterschrieben. Es war nur fair, jetzt abzusagen. Es kommen zwei bis drei Vereine in Frage. Jede Option wäre eine grosse Herausforderung. Aber ich möchte die potenziellen Arbeitgeber nicht nennen. Das habe ich mit ihnen so abgemacht, damit ich nicht teurer für sie werde.

War es am Ende ein Entschluss für die Vernunft und gegen das Herz?
Barnetta: Das möchte ich so nicht sagen. Mein Herz hängt am FC St.Gallen. Aber vielleicht würde genau mein Herz später sagen: Wieso nur hast du diese Herausforderung in einem neuen, fremdsprachigen Land nicht angenommen?
 
 

Liebe Fans,in den letzten Wochen wurde viel über meine Zukunft geredet und noch viel mehr spekuliert. In erster Linie ...

Posted by Tranquillo Barnetta on Tuesday, 21 July 2015
 


Im WM-Jahr 2006 waren Sie top. Glauben Sie, damals in Ihrer Karriere einen nächsten Schritt verpasst zu haben?
Barnetta: Nein. Es gab damals, als ich noch in Leverkusen war, zwar Interessenten. Doch hat immer etwas nicht gepasst. Mit Sicherheit hätte meine Karriere in eine andere Richtung gehen können. Aber auch von Schalke, meiner letzten Station, nehme ich nur das Positive mit. Ich bin dort nicht gescheitert, ich habe Champions League gespielt.

Ist das Thema Schweizer Nationalmannschaft mit ein Grund für die Absage? Mit St.Gallen wäre es schwierig geworden mit einer Rückkehr.
Barnetta: Das Nationalteam ist weit weg und hatte keinen Einfluss auf den Entscheid.

Wie schwer fällt Ihnen die Absage?
Barnetta: Schwer. Sonst hätte ich niemals so lange überlegt. Deshalb habe ich so lange gebraucht mit der Entscheidungsfindung. Es gab Tage, da ging es in die eine Richtung. Und dann in der Nacht wieder in die andere. Es war nicht einfach – doch ich stehe voll hinter meinem Entschluss.

Wie haben St.Gallens Präsident Dölf Früh und Sportchef Christian Stübi reagiert?
Barnetta: Sie waren ziemlich enttäuscht, waren aber auch froh, dass der FC St.Gallen überhaupt im Rennen war. Natürlich haben sie gehofft, dass das Pendel zu ihren Gunsten ausschlägt. Unsere Gespräche waren gut.

Daraus lässt sich schliessen, dass diese Türe nicht zugeschlagen ist?
Barnetta: Das muss man Früh und Stübi fragen. Für mich hat sich nichts geändert. Ich will meine Karriere – wenn ich fit bin – mit St.Gallen beenden.

Früh hat gesagt, mit Ihnen werde das Saisonziel nach oben korrigiert. Hat Sie diese Erwartungshaltung irritiert, vielleicht gar gestört?
Barnetta: Nein. Das war eher auf der positiven Seite. Druck hat man immer, besonders in der Bundesliga. Die Erwartungen wären mit Sicherheit von allen Seiten sehr hoch gewesen.

Zuletzt hiess es, Barnetta entscheide sich fürs Geld oder fürs Herz. Wie sehen Sie das?
Barnetta: Solche Diskussionen gibt es immer. Mir geht es wirklich nicht ums Geld. Ich habe das Glück, genug verdient zu haben. Ich will einfach die Chance in einem fremden Land packen.
 

Die Stammkraft der Espen

Tranquillo Barnetta fand bereits als Bub den Weg vom FC Rotmonten zum FC St.Gallen. 2002 erhielt er als 17-Jähriger vom Verein seinen ersten Profivertrag – und debütierte kurz darauf gegen den FC Zürich. Für ihn sei damit ein Traum in Erfüllung gegangen, gab er gegenüber dem Tagblatt später einmal zu Protokoll: "Früher stand ich in der Fankurve und feuerte die Mannschaft an – und plötzlich stand ich selbst auf dem Platz." Mit starken Leistungen wurde Tranquillo Barnetta rasch zur Stammkraft bei den Espen – mehr noch: Er erkämpfte sich einen Platz im Herzen der St.Gallen-Anhänger.

Allerdings wurden rasch ausländische Clubs auf ihn aufmerksam. So wechselte er im Sommer 2004 zu Bayer Leverkusen, wobei ihn der Verein sofort an Hannover 96 verlieh. Im Sommer 2005 kehrte Barnetta dann zu Leverkusen zurück und wurde dort zum Leistungsträger. Weniger glücklich verlief Barnettas Zeit bei Schalke 04 ab 2012: Im Ruhrpott schaffte er es nie über längere Zeit zur unbestrittenen Stammkraft. Parallel zu seiner Vereinskarriere absolvierte Barnetta insgesamt 75 Einsätze für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, für die er zehn Tore erzielte. Vom aktuellen Trainer Vladimir Petkovic wurde der St.Galler zuletzt aber nicht mehr berücksichtigt.(dwa)


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