"Ich bin in St.Gallen noch nicht fertig"

FCSG ⋅ Es sind schwierige Wochen für Alain Wiss, der beim FC St. Gallen derzeit auf der Bank sitzt. Bis Sommer ist die Zukunft des 26-Jährigen geregelt, für eine Vertragsverlängerung benötigt er 25 Saisoneinsätze.
16. Februar 2017, 13:36
Christian Brägger

Es ist bitterkalt am Montagmorgen, und während die Stammspieler des FC St. Gallen nach dem 2:1 gegen Lausanne ihren müden Beinen Erholung gönnen, muss im Gründenmoos der Rest des Teams, die sogenannt zweite Garnitur, mächtig schwitzen. Spieler wie Gianluca Gaudino, Mario Mutsch, Yannis Tafer, Sejad Salihovic oder Danijel Aleksic, eine illustre Schar, die manch Super-League-Einsätze, Talent oder Erfahrung vereint. Und gewiss in anderen Zeiten des FC St. Gallen der ersten Garnitur angehörte. Dazu, auch er trägt die Mütze tief im Gesicht, Alain Wiss, vor allem ihn hatte man nicht hier erwartet. Trainer Joe Zinnbauer, der die Szenerie aus der Ferne beobachtet, sagt: «Es ist für alle gleich schwierig, jeder bekommt seine Chance, nichts ist unmöglich. Die Konkurrenz ist gross, aber wir haben glücklicherweise ausser Martin Angha auch keine Verletzten.» Parolen, an denen sich Spieler im zweiten Glied festklammern, weil sie das Geschäft nur allzu gut kennen. Und so plakativ solche Sätze in den Ohren der Reservisten tönen mögen, sie stimmen im Kern: Im Fussball kann es schnell gehen.

  • Daniel Lopar: Note 3. Der St.Galler Torhüter hat nur wenig zu tun, fällt in zwei Aktionen auf: Beim Freistoss, der zum Ausgleich durch Benjamin Kololli führt, lässt er sich in der Goalieecke erwischen. Danach macht er seinen Fehler gut, als er einen Steilpass der Lausanner auf Nassim Ben Khalifa mit frühem Hinauslaufen abfängt. Bei Rückpässen, von Lausannern bedrängt, strahlt er wenig Ruhe aus.
  • Karim Haggui: Note 5. Macht seinen Fehler beim Ausgleich in Vaduz vergessen. Ist sehr präsent im gegnerischen Strafraum und kommt per Kopf gleich zu vier Abschlussmöglichkeiten. Eine nutzt er zum 1:0. Auch defensiv im Zentrum fast immer auf der Höhe.
  • Silvan Hefti: Note 5. Der 19-jährige St.Galler macht ein starkes Spiel und ist einer der technisch besten Ostschweizer. Im Defensivspiel fast tadellos, nach vorne mit Zug und einigen vielversprechenden Aktionen.

Unsere Sportredaktion bewertet nach jedem Spiel die Leistung der eingesetzten Spieler. Die Noten reichen von 1 - Totalausfall, 2 - Schwachpunkt, 3 - Mitläufer, 4 - Normalform, 5 – Leistungsträger bis 6 - Matchwinner. (Bilder: pd)

Von diesem Zustand nicht auffressen lassen

Später dann sagt Alain Wiss, er habe in der Vorbereitung gespürt, dass es für ihn zu Beginn der Rückrunde eng werden könnte – vier Minuten hat der Zentralschweizer bislang gespielt. Es gebe zwei Seiten, wie immer. «Aufwärtstrend und Lauf, die wir in der Meisterschaft seit Ende Oktober zeigen, machen riesige Freude. Die Mannschaft lebt.» Auf der anderen, der persönlichen Seite ist für ihn als Spieler die Situation selbstredend unbefriedigend. «Wenn du nicht auf dem Platz stehst, bist du nie hundertprozentig zufrieden. Der erste Gedanke ist dann: Scheisse. Der zweite: Jetzt erst recht, auch wenn das nicht immer gelingt.» Doch es sei enorm wichtig, dass man sich von diesem Zustand nicht auffressen lasse, dass man diese Dinge nicht zu sehr an sich nagen lasse, dass man abschalte.

Wiss sagt, die aktuelle Ausgabe des FC St. Gallen sei mit Abstand die beste seit seiner Ankunft im Sommer 2015. Seither hat der Olympiateilnehmer bereits Phasen durchgestanden, in denen es ihm in der Ostschweiz nicht wie gewünscht lief, im Herbst 2015 zum Beispiel, als die angerissene Plantarsehne in der Ferse ein Mittun verunmöglichte. «Auch früher beim FC Luzern gab es solche Zeiten. Doch ich bin immer zurückgekommen. Das will ich auch jetzt.» Vielleicht kommt für ihn erschwerend hinzu, dass er polyvalent einsetzbar ist. Zwar als Sechser geholt, brachten ihn zuerst Jeff Saibene und später Zinnbauer vorwiegend als Innenverteidiger – Wiss erhielt oftmals gute Noten. Weshalb er denn auch berechtigterweise anfügt, sich selbst als guten Super-League-Spieler zu sehen. Der ruhige Zeitgenosse mit seriöser Profieinstellung weiss, was er nebst dem harten Training nun zu tun hat: Er will und wird das Gespräch mit dem Coach suchen, wie er dies bisweilen schon gemacht hat. «Zinnbauers Türe ist immer offen, mit ihm kannst du reden. Aber ich muss spüren, ob er mich noch braucht. Ich wünschte es mir.» Wiss leidet darunter, dass ihm der Wettkampf fehlt. «Als Profi arbeitest du dafür, dass du am Wochenende vor der Kulisse spielen kannst. Sonst ist es unvollendet.»

Eine Rückkehr zu Luzern eher ausgeschlossen

Für Wiss, der mit 26 Jahren im besten Fussballalter ist, werden die kommenden Wochen wegweisend sein. Der Kontrakt mit dem FC St. Gallen läuft Ende Saison aus, wenn er inklusive Cup nicht auf 25 Pflichtspiele kommt. Weil er seine nahe Zukunft nicht kennt, beschäftigt ihn die aktuelle Situation mehr als üblich. Bisher hat Wiss 17 Pflichtspiele absolviert, fehlen also noch acht, und er wäre ein weiteres Jahr an St. Gallen gebunden. Ein Szenario, das ihm am liebsten wäre, auch wenn da irgendwo dieser Traum ist, einst im Ausland zu spielen, insbesondere die USA würden ihn reizen. Doch das alles käme verfrüht. Eine Rückkehr nach Luzern, wie sie Zentralschweizer Medien nach dem Abgang Tomislav Puljics berichten, kommt für den zweifachen Nationalspieler aktuell aber nicht in Frage: «Ich bin hier noch nicht fertig.» Überdies sähe Wiss, der damals mit Luzern erstmals auch das Elternhaus verliess, seinen Prozess der Abnabelung, der Reifung, beeinträchtigt. Und würde es wohl als Scheitern verstehen. Dabei ist er mit bisher 40 Pflichtspieleinsätzen alles andere als gescheitert in St. Gallen. Er, der in Rorschach wohnt und dem es in der Region so sehr gefällt.


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