St.Galler Meisterjubel: 1904 - 2000 - 2018?

GEGENTRIBÜNE ⋅ Der FC St.Gallen hat nach neun Runden sechs Punkte mehr auf dem Konto als zur gleichen Zeit vor einem Jahr. Mit dieser Bilanz steht er nun weit vorne statt weit hinten - sehr weit vorne.
26. September 2017, 14:22
Fredi Kurth
Meine Tante Elsi ist 1904 geboren und 2000 verstorben. Die beiden Jahreszahlen mögen für einen Normalbürger in keinem Zusammenhang stehen. Einem Anhänger des FC St.Gallen jedoch zaubern sie ein leicht wehmütiges Lächeln aufs Gesicht. Denn sie markieren die beiden einzigen Meistertitel des ältesten Fussballklubs der Schweiz.

Es hat kaum Menschen gegeben, welche diese beiden Ereignisse ausgiebig feiern konnten. Auch Tante Elsi hat weder den einen noch den andern Titelgewinn bewusst erlebt. Beim einen Mal war sie noch zu jung, beim andern geistig dazu nicht mehr in der Lage. Was ihr allerdings egal gewesen sein dürfte. Als ich ein paar Jahre alt war, so Mitte 1950er-Jahre, hörte ich sie von Queen Elizabeth schwärmen,  die sich heute noch in Amt und Würden befindet...
 

Ungerechte Titelverteilung

Das Beispiel zeigt, wie ungerecht Fussballtrophäen vergeben werden. Die Follower des FC Basel haben sich noch im vergangenen Sommer über den achten Titel in Serie gelangweilt. Trainer Urs Fischer, der den Verein mit Rekorden schmückte, wurde ohne grosses Bedauern verabschiedet. Solche Ungleichheit ist keine typisch schweizerische Eigenschaft. In Italien zum Beispiel sind Traditionsvereine wie Napoli, Lazio Rom und Fiorentina auch nur je zweimal Meister geworden. Juventus führt die lange Liste der Serie A mit 33 Scudetti an, vor Inter und Milan mit je 18. Genoa mit 9 und Bologna, Pro Vercelli (!) und Torino mit je 7 Titeln folgen auf den nächsten Plätzen.


Chance für alle

Weshalb ich das alles erzähle: In dieser Saison wäre das Fenster wieder offen. So, wie es in der Raumfahrt Zeitfenster gibt, um auf einem entfernten Planeten zu landen, so wäre jetzt auch im Schweizer Fussball die Zeit wieder einmal günstig für eine Sternstunde. Allen Konkurrenten des FC Basel bietet sich die Gelegenheit, einen der zuletzt raren Titel an ihre Fahne zu heften. Auch dem FC St.Gallen.
 

Ohne Niederlage gegen Spitzenteams

Nicht, dass die Leistungen der Grün-Weissen schon meisterlichen Ansprüchen genügen würden. Nicht, dass jetzt Trainer Giorgio Contini am Ende noch abwinken muss mit den Worten, vor ein paar Wochen habe man noch nach hinten geschaut, und jetzt redeten die Journalisten schon wieder vom Titel.

Aber eben: Die Chance ist da. Und immerhin hat sich der FC St.Gallen gegen die Young Boys, den FC Zürich und Basel mit zwei Unentschieden und einem Sieg schadlos gehalten.
 

Glück und Pech in der Waage

Damit sind wir bei der Quartalsbilanz. Im ersten Saisonviertel hat sich der FC St.Gallen sehr gut gehalten. Nicht nur die Punktebilanz gefällt, sondern auch die Art, wie die Mannschaft aufspielt. Die Ausgeglichenheit der Liga hat zwar zur Folge, dass die Resultate nicht immer dem Spielverlauf entsprechen. Doch bezogen auf den FC St.Gallen hielten sich Glück und Pech einigermassen die Waage. In den Spielen gegen Sion (2:0), Luzern (0:2), die Grasshoppers (0:2), Basel (2:1) und Thun (3:0)  ergaben sich leistungsgemässe Resultate. Gegen Lausanne (3:3) und die Young Boys (2:2) hätten Siege für die St.Galler herausspringen müssen. Umgekehrt hätten gegen Lugano (1:0) und den FC Zürich (1:1) ein Unentschieden beziehungsweise eine Niederlage das Geschehen besser wiedergegeben.  Insgesamt wurde St.Gallen um einen Punkt zu schlecht belohnt.
 

Aratore der Beste

In der individuellen Beurteilung schneidet Marco Aratore mit seinen fünf Toren, aber auch mit seiner Dynamik am besten ab. Zu den Gewinnern gehören auch Silvan Hefti, Roman Buess, Danijel Aleksic und Karim Haggui. Der Tunesier hat sich gut in die lange Zeit verwaiste Rolle des Abwehrchefs eingefügt. Aleksic hat das Vertrauen, wenn er es erhielt, meistens gerechtfertigt. Die Rolle des unermüdlichen Arbeiters wird bei einem Stürmer wie Roman Buess (bisher zwei Treffer) noch mehr geschätzt, sofern andere die Tore schiessen. Und Silvan Hefti entwickelt sich im Rahmen seines aussergewöhnlichen Talents. Wittwer und Wiss leisteten solide Wertarbeit, während von den Neuen Stjepan Kukuruzovic vielfältige Qualitäten,  auch strategische, zeigte.

Albian Ajeti (letzte Saison über weite Strecken nur Leihspieler) und Nassim Ben Khalifa konnten sich nur bedingt wunschgemäss entfalten. Ajeti (immerhin mit dem Siegtor in Lugano und zwei weiteren Treffern) war nicht ganz fit, Ben Khalifa ist eine längere Anlaufzeit einzuräumen. Peter Tschernegg war gut bis zu seiner Verletzung.

Yannis Tafer nimmt eine solche Anlaufzeit schon seit seiner Verletzung in Anspruch, bemüht sich aber sichtlich und wurde gegen Thun mit dem wichtigen zweiten Treffer belohnt. Tranquillo Barnetta (zwei Assists) war nur in drei Partien über die volle Distanz im Einsatz. Als Organisator scheint er dennoch wichtig zu sein (siehe auch Zweittext "Aufgefallen"). Philippe Koch wird sich mit Nicolas Lüchinger um die rechte Abwehrposition duellieren, und Gjelbrim Taipi vergab durch den verbalen Ausrutscher im Spiel gegen Zürich eine grosse Chance, sich zu empfehlen. Von den Nachwuchsleuten setzte sich keiner mehr durch.

Last, but not least bewährte sich Daniel Lopar wie gewohnt als häufiger Retter in letzter Instanz und – nicht weniger wichtig – als zuverlässiger Keeper ohne Patzer. Weitere Kaderleute waren verletzt oder kamen in der Super League kaum zum Einsatz.

Aufgefallen

Zu spät für Costanzo. Vor dem Match gegen Thun war ein Name kein Thema. Und dennoch - oder vielleicht gerade deshalb? - hatte ich einige Bedenken. Was hatte Moreno Costanzo seinem ehemaligen Verein schon für Ärger bereitet! Schon einige Zeit liegt sein Weitschusstor für die Young Boys zurück, das im Wankdorf für den FC St.Gallen den definitiven Abstieg bedeutete. Und dann gibt es diese Statistik in Bezug auf den FC Vaduz, für den Moreno Costanzo in zwei Jahren zwölfmal ins Netz traf, davon sechsmal gegen St.Gallen. Ich weiss nicht, ob Thuns Trainer diese Zahlen bekannt waren. Wenn ja, hatte er vielleicht andere gute Gründe, ihn erst in der 53. Minute aufs Feld zu schicken.

Eine Lanze für Barnetta. Um Tranquillo Barnetta ist es tatsächlich etwas ruhiger geworden. Ich würde sagen: Der Hype hat sich normalisiert. Wer erwartet hatte, der beste fussballtechnische Export aller Zeiten aus der Gallusstadt würde noch wie zu seinen besten Zeiten auftrumpfen, lag von Anfang an falsch. Die Begeisterungswelle, die vor seiner Rückkehr von Amerika her herüberschwappte, war trügerisch. Denn Barnettas Wert liegt heute in seiner Erfahrung und seiner organisatorischen Wirkung. Das beweist seine persönliche Plus-/Minusbilanz in dieser Saison. Stand er in den sieben Spielen bis zu seiner Verletzung im Einsatz, verzeichnete St.Gallen eine Tordifferenz von 6:4, ohne ihn eine solche von 3:6. Das sind fünf Tore Differenz zu seinen Gunsten - zu viele, um sie nur als Zufall abzutun. Als Beispiel dient der YB-Match: Nachdem Barnetta in der 90. Minute ausgewechselt worden war und die Berner der sicheren Niederlage entgegensteuerten, kamen sie noch zum Ausgleich und zu einer riesigen Chance zum Sieg. Nun hat die Mannschaft zuletzt allerdings zweimal gezeigt, dass sie auch ohne den Captain stark auftrumpfen kann. Aber auch das kann sich rasch wieder ändern.

Keine Lanze für Constantin. Nach seinem Sündenfall schlug Christian Constantin eine Welle des Entsetzens ins Gesicht. Kaum ein gutes Wort habe ich über ihn gelesen. Hat er überhaupt eine positive Seite? Ja, tatsächlich: So circa 1990 erschien er mit ein paar Harassen Weisswein auf dem Espenmoos, um dem damals kriselnden FC St.Gallen seine Sympathie auszudrücken. Ein Journalist erzählte mir zudem, wie ihn Constantin für ein Interview am Bahnhof in Sion mit dem Auto abgeholt und zum feinen Essen eingeladen habe. Und zumindest im Umfeld des FC Sion wird er sehr geschätzt. Er soll über eine der finanzkräftigsten Sponsorengruppen der Super League verfügen. Aber seine dunkle Seite ist untragbar, sein Verhalten gegenüber Rolf Fringer nach dem Sieg in Lugano unverständlich. Er hätte sich auch in diesem  Fall gentlemanlike verhalten können, sich seinem Erzfeind mit ironischem Lächeln nähern und sich diebisch freuend wieder entfernen können. Stattdessen schlug er wie ein kleiner, schäbiger Halunke auf den "Teleclub"-Experten ein. Was immer Constantin zu gewärtigen hat, er wird es ohne grossen Schaden überleben. Denn der Fussball lässt vieles zu, ohne dass sich viel ändert. Und die Szenerie wechselt rasch: Der Fifa-Skandal, der Neymar-Transfer, das FCSG-Chaos und nun der Aussetzer des Wallisers. Ja, im Fussball ist vieles möglich, weil das faszinierende Spiel selber, weil das, was sich auf dem Rasen ereignet, immer noch alle Skandale und Aufreger zu verdrängen vermag. (th)


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