Fussballverrückter aus England: "St.Gallen kenne ich seit dem Sieg gegen Chelsea"

BRITE HÜPFT VON STADION ZU STADION ⋅ Matt Walker hat sich ein kurioses Ziel gesetzt. In einer Saison will er in allen 55 Uefa-Ländern ein Spiel der Topliga besuchen. Über die «Momentaufnahme des europäischen Fussballs» wird ein Buch erscheinen. Auch St. Gallen wird darin vorkommen.
21. März 2018, 05:19
Ralf Streule

Ralf Streule

Dila Gori gegen Lokomotiv Tbilisi? Breidablik gegen Valur? Oder Pyunik gegen Banants? Matt Walker war bei all diesen Fussballspielen dabei. Georgien, Island, Armenien und so weiter: Walkers selbstauferlegte Mission ist es, in allen 55 Ländern, die zum europäischen Fussballverband (Uefa) zählen, innerhalb einer Saison mindestens ein Fussballspiel besucht zu haben. Eine seltsame Idee. Der 40-Jährige aus London sitzt in einem St.Galler Café und nickt, während er mit seinem Smartphone das Bierglas ablichtet: das «local beer», wie er es an allen Destinationen bestellt. «Ja, eine seltsame Idee, aber mir gefällt sie noch ­immer!», sagt der Fussballfan, ­Blogger und Hobbyfotograf, der eigentlich Analyst im britischen Justizministerium ist, nun aber eine Auszeit von eineinhalb Jahren einzieht.

Weshalb das alles? Natürlich, diese Frage hat Walker x-mal gehört, und seine erste Antwort ist: «Weil ich Reisen und Fussball ­liebe. Und weil jeder Club Geschichten zu erzählen hat.» Aber auch, weil er die «Normalität ­herausfordern» wolle. Begonnen hat das Abenteuer im vergangenen August in Georgien, zu Ende geht es im April in Montenegro. Am vergangenen Freitag bis zum Sonntag legte er einen Zwischenhalt in St. Gallen ein, wo die Ostschweizer gegen die Grasshoppers antraten. Spiel Nummer 47 war es für Walker, noch fehlen Luxemburg, San Marino und einige andere, aber das Ende naht.

Von St. Gallen hörte Walker erstmals im Jahr 2000

Steht der FC St. Gallen auf der Liste Walkers, weil es sich um den ältesten Club des europäischen Festlandes handelt? Nein, der Engländer hat sich andere Überlegungen bei der Matchauswahl gemacht, es geht ihm vor allem um die ideale Reiseroute: «St. Gallen liegt nahe bei Vaduz.» Und Vaduz spielte am Sonntag gegen Schaffhausen, es war Walkers 48. Partie. In den meisten Ligen Europas werden nur knapp 40 Runden gespielt, 55 Partien muss er darin unterbringen – keine einfache Aufgabe. Auch wenn die Wahl also zufällig auf St. Gallen fiel – der Club sei ihm seit längerem ein Begriff, sagt Walker. «Seit dem Jahr 2000. Es ist immer schön anzusehen, wenn Chelsea besiegt wird», sagt er und lacht. Er selbst ist Fan von Fulham, einem Club, der wie St. Gallen im Jahr 1879 gegründet wurde.

Walkers Analyse vom Spiel in St. Gallen ist prägnant. «Die erste Halbzeit war öde, die zweite besser – St. Gallen war gut organisiert, aber keiner ausser Sigurjonsson oder Kukuruzovic war bereit, Risiken einzugehen.» Die Spielqualität schätze er etwa auf dem Niveau der österreichischen oder portugiesischen Liga ein – in jenen Ländern habe er sehr ähnliche Partien gesehen. In Vaduz habe man hingegen gemerkt, dass es um nichts mehr gehe. Dass er «die Legenden Jehle und Burgmeier» sehen konnte, habe ihn aber gefreut. Ein Londoner Fulham-Fan redet von Liechtensteiner Legenden? Neben Walker auf dem Stuhl liegt ein Buch, das er als seine Inspiration bezeichnet: «Exploring Liechtenstein and its World Cup Dream» eines englischen Autors, der die liechtensteinische Qualifikationskampagne für die WM 2002 begleitete und im Buch etwa der Frage nachgeht, wo der Spass bleibe, wenn man von vorneweg als Verlierer feststeht. «Das Buch stand am Anfang meiner Reise, Liechtenstein ist das geistige Zuhause der Idee», so Walker. Vaduz aber machte ihm einen Strich durch seine Rechnung, was sein Plan anging, nur Spiele aus den obersten Ligen zu sehen. «Ich hatte im Frühling 2017 gehofft, dass Vaduz nicht absteigt», sagt Walker. Es lief anders, und so musste in Liechtenstein halt als Ausnahme ein Spiel der zweitobersten Liga herhalten.

Sobald Walkers Trip vorbei ist, will er sich ein halbes Jahr Zeit lassen, um ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben. Ein Verleger für England ist gefunden, für Deutschland sei er auf der ­Suche. Es soll eine «Momentaufnahme des europäischen Fussballs» und dessen Kultur werden. Walker erzählt lebendig und amüsant: Vom Erlebnis in Kosovo zum Beispiel, als er nach dem Spiel gleich mit dem ganzen Team im Ausgang war. Oder vom Spiel in Georgien, als 200 Personen in einem 28 000er-Stadion anwesend waren. Gleich sei eines überall: Die leidenschaftliche Hingabe der Fans.

«Stadtrundgänge verleiden irgendwann, Fussball nie»

Walkers Bekanntheit ist seit Tourbeginn rasch gewachsen. Ein «Guardian»-Bericht brachte vieles ins Rollen, in vielen anderen Ländern folgten weitere Medienberichte. Sponsoren an Land ziehen, um sein Projekt zu finanzieren, wolle er aber nicht. «Ich mache das nicht des Geldes wegen.» Er sei auch ganz gerne als «Low-Budget-Tourist» unterwegs, in Pensionen oder AirBnb, am liebsten in kleinen Städten. Fussballkultur zeige sich in einer ehrlicheren Form, wenn man die ländlicheren Gegenden ansteure, sagt Walker. Vor Ort sucht er Kontakt zu Fans, spricht manchmal mit Clubverantwortlichen oder lokalen Journalisten. In St. Gallen zum Beispiel wurde ein Fanclub auf ihn aufmerksam, der ihn ans Spiel begleitete und gleich auch noch mit den passenden Farben ausstatte.

Und so kommt es, dass sich beim Gespräch mit Walker kein klassisches Frage-Antwort-Spiel ergibt. Ebenso viel will der Engländer selbst in Erfahrung bringen. Wie war das mit den Umwälzungen im Club? Mit der Textilstadt? Mit der Bratwurst? Mit der Kathedrale? Wobei: Von Kathedralen und Stadtrundgängen habe er langsam genug. Der Fussball aber, der verleide ihm nie.

www.55footballnations.com


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