Einer wie keiner

GRANIT XHAKA ⋅ Die Schweiz kann heute in Basel den vorletzten Schritt für die WM-Qualifikation machen. Gegen Ungarn ist sie der Favorit, Granit Xhaka ihr Antreiber. Der 25-Jährige ist das Herz der Mannschaft – und steht für ihr Selbstbewusstsein.
07. Oktober 2017, 10:08
Christian Brägger, Basel

Christian Brägger, Basel

Es ist eine kleine Episode im Fussballerleben des Granit Xhaka. Doch sie sagt viel aus über den Schweizer Nationalspieler. Über sein Wesen, die Haltung, seine Attitüde. Über Granit Xhaka.

Die Sequenz ereignete sich an einem Testspiel zwischen Gladbach und dem FC St. Gallen, als sich der Bundesligaclub nach dem Saisonende 2015/16 auf seine «Fohlentour» begab und Halt in der Ostschweiz machte. Xhaka war damals gedanklich wohl bereits bei Arsenal, auch wenn zu jenem Zeitpunkt nichts unterschrieben war. Im Herzen war er vermutlich noch mehr bei der Nationalmannschaft, die EM-Endrunde in Frankreich nahte in grossen Schritten. Er begleitete also sein Team, spielte aber nicht. Als ein Gladbacher mit einem Dribbling an der Seitenlinie nacheinander gleich zwei St. Galler Spieler tunnelte und damit deren Höchststrafe verantwortete, begannen die Spieler auf der deutschen Ersatzbank zu grölen. Xhaka stand daneben, ruhig, konzentriert, in ein Gespräch ­vertieft. Er wendete den Blick, pfiff – und sagte: «He Jungs, hört auf! So etwas macht man nicht.» Die Ersatzspieler waren sofort still – Xhaka hatte gesprochen, er war ja auch ihr Captain.

Ebendieser Xhaka, der erst 25-jährige Mann mit der Aura eines Leaders und der Erfahrung eines Routiniers, ist heute in Basel und am Dienstag in Lissabon in den beiden entscheidenden WM-Qualifikationsspielen das Herz der Schweiz. Es sollen die letzten Partien der Kampagne sein, wie er mehrfach im Gespräch betont. «Wer mich kennt, der weiss, dass ich nicht über eine Barrage rede. Sie ist nicht einmal in meinem Hinterkopf ein Thema.» Reden mag er auch über die Portugiesen nicht gross, dennoch pendelt sich das Gespräch immer wieder bei diesem Thema ein, natürlich ist das so. Weil es die Affiche ist, der die ganze Schweiz sehnlichst entgegenfiebert, und wohl auch die Portugiesen. Doch Xhaka sagt: «Für mich ist das Ungarn-Spiel wichtig.» Also zuerst Ungarn.

Selbstbewusstsein nicht mit Arroganz verwechseln

Das Schweizer Volk hatte anfänglich Mühe gehabt mit Xhaka, es störte sich am starken Selbstvertrauen des Jungspunds, an der Art, wie dieser die Dinge beim Namen nannte. Und die eigenen Ansprüche wie jene des Teams laut formulierte. Selbstbewusste Sätze war man sich zwar gewohnt, der frühere Nationalstürmer Alex Frei hatte auch schon so geredet, aber ausgerechnet Xhaka, der Secondo mit kosovoalbanischen Eltern? Wie das so ist im Fussball, wurden die Diskussionen schnell überhöht und teilweise ziemlich politisch. Noch schneller zog man Schlüsse und fällte voreilige Urteile. Dabei liess man ebenso ausser Acht, dass da sich einer anschickte, der der Schweiz guttun würde mit seinem forschen Auftreten auf und neben dem Platz. Einer, der ziemlich genau dem ­Format von Spieler entsprach, das die Schweiz weiterbringen könnte, auch im mentalen Bereich. Vor allem kam da einer, der von ganzem Herzen Fussballer war – und für seinen Beruf, egal in welchem Trikot, alles gab. Zwar übertrieb er es manchmal mit seinen Emotionen, mit seinem Einsatz; Xhaka war mit 23 Jahren der jüngste Bundesligaspieler, der fünf Platzverweise kassiert hatte. Doch der Basler liess sich nie beirren, kam nie von der Linie ab. Er sagt, er sei schon immer so selbstbewusst gewesen. «Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Ich übernehme gerne Verantwortung, das wissen die Leute. Ich sage auch einmal etwas, ob negativ oder positiv. Zudem habe ich meine Vorstellungen, ich habe meine Ziele, ich habe Ansprüche. Ich bin dieser Typ und will mich auch nicht ändern.» In der Nationalmannschaft passiert beides, die Mitspieler orientieren sich an ihm, und manchmal geht es in die umgekehrte Richtung.

Als 17-Jähriger debütierte Xhaka beim FC Basel, das erste Mal in der ­Nationalmannschaft sah man ihn mit 18 Jahren unter Trainer Ottmar Hitzfeld. Bisher hat er 55 Länderspiele absolviert, dabei sieben Tore erzielt. Er ist Stammspieler bei Arsenal, sein Marktwert ­beläuft sich auf mehr als 40 Millionen Franken, doch die Zahl bedeutet ihm nichts. «Ob wir so viel Wert sind, ist sowieso die andere Frage.» Laut Statistik hat Xhaka in der Premier League die meisten Ballkontakte. Nur zu Beginn hatte er Anpassungsschwierigkeiten in England. Der zentrale Mittelfeldspieler aber sagt, der erste Schritt ins Ausland, damals als 19-Jähriger von Basel zu Gladbach, sei viel grösser gewesen. In der Tat musste Xhaka in Deutschland nach anfänglich passablem Start im Club und bei den Medien untendurch, ehe er sich zum Führungsspieler entwickelte. «Ich habe mich durchgebissen, ich hätte dort auch abhauen und sagen können, dass alles zu viel ist für mich. In England war es dann aber nur eine Frage der Zeit, bis ich reüssiere.» In London ist sein Leben ganz normal, beschaulich. Die Anschläge in der Stadt haben ihn nachdenklich gestimmt, er ist vorsichtiger geworden. Oft ist er zu Hause mit seiner Frau, die er im Sommer heiratete. «Die Verlobung vor zwei Jahren war für mein Leben viel einschneidender. Ich habe heute ja immer noch die gleiche Frau.» Xhaka lacht.

Gerade in solchen Aussagen, in ­solchen Gefühlregungen erkennt man ­einen Wesenszug beim Schweizer, den man durchaus sanft nennen darf. Harte Schale, weicher Kern also? Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat einmal gesagt, Xhaka sei sehr wohl empfindsam. Aussenstehende erkennen diese Seite vielleicht später, doch Xhaka weiss ganz genau, woher er kommt – und wirkt geerdet. «Ich bin nicht mit Gold aufgewachsen, mir geht es gut, es ging der Familie immer gut. Aber ich leiste mir nicht Dinge, die ich mir vorher nicht geleistet habe, ich stehe mit den Füssen auf dem Boden.» Auch als Glückskind sieht er sich nicht und damit nicht als jemand, dem einfach alles zufällt. «Ich habe mir selbst alles hart erarbeitet, Tag für Tag, mit der Unterstützung der Familie. Ich bin nicht einer, der sagt, jemand hat Glück. Man muss auch etwas dafür tun.» Überdies stand er in jungen Jahren bereits auf der Schattenseite des Fussballs: Mit 16 Jahren erlitt er einen Kreuzbandriss, der ihm bis heute noch präsent ist – weil damals die Karriere an einem seidenen Faden hing.

Der zukünftige Captain der Nationalmannschaft

Wenn es darum geht, den Nachfolger von Captain Stephan Lichtsteiner zu finden, wird Petkovic in den nächsten Jahren kaum um Xhaka herumkommen. Trotzdem hat der Schweizer Mittelfeldstratege nicht das Gefühl, dass er die Binde unbedingt braucht. Weil er seinen Weg auch so unbeirrt weitergehen wird. Doch zuerst kommen heute die Ungarn, wie gesagt. Diese gilt es zu besiegen. Danach folgt der «WM-Final» – so bezeichnet Xhaka das Endspiel gegen Portugal.


Leserkommentare

Anzeige: