Tagblatt Online
7. April 2017, 12:30 Uhr

Unter den Rock und in die Geschichte geschaut

Im Kleiderreich von Susanne Rhoner hat die Biedermeierzeit einen festen Platz. Zoom

Im Kleiderreich von Susanne Rhoner hat die Biedermeierzeit einen festen Platz.

Schinkenärmel, Perlenbeutel und Seidenstrümpfe: Was alles zu einem Biedermeierkleid gehört, zeigte das «Biedermeierstübli» bei seinem Auftritt.

ANNA DIECKMANN

Vor einem gemalten Bühnenbild gewährte das «Biedermeierstübli» aus Heiden einen frischen Einblick in die Traditionen des Appenzellerlands. Zwölf Paare – allesamt in historische Kleider gewandet – entführten die Aktionärinnen und Aktionäre in die Biedermeierzeit (1815–1848) zurück. Der Vereinspräsident von «Biedermeier Heiden», Alexander Rohner, erzählt, wieso die damalige Zeit das Biedermeierdorf Heiden so geprägt hat und was alles zum Vorschein kommt, wenn man sich vom Kostüm entblättert.

Die Folgen des Dorfbrandes
Als 1838 das ganze Dorf niederbrannte, blieb ein einziges Haus verschont. Dieses gehörte zu den klassizistischen Bauten der Biedermeierzeit und ist bis heute erhalten. Ihr Verein sei Botschafter für die Geschehnisse nach der damaligen Katastrophe. Innerhalb von zwei Jahren errichtete die Bevölkerung Heidens über 50 neue Häuser, alle im Stil der Biedermeierzeit. «Wir möchten den Leuten die Schönheit und Einmaligkeit dieser Epoche näherbringen», sagt der Appenzeller. Die Aufmerksamkeit war der Gruppe gewiss, denn die Kostüme fallen überall auf: «Egal, wo wir auftreten, die Leute sprechen uns interessiert an.»

Die «Unaussprechlichen»
Zum Verein gehört auch Alexander Rohners Frau Susanne. Die 60-Jährige ist ebenfalls begeistert von der Biedermeierzeit und besitzt viele entsprechende Kleider. Wobei «Kleid» ein zu schlichter Begriff für dieses Kostüm ist. In der damaligen Zeit war es Mode, die weiblichen Reize zu betonen, und es wurde dafür zu enganliegenden Miedern, Seidenbändern um die Fussfesseln und ausladenden Dekolletés gegriffen. «Allein für einen einzelnen Biedermeierrock wurden bis zu sieben Quadratmeter Stoff benötigt», erläutert Alexander Rohner. Zu den Unterhosen sagte man damals «die Unaussprechlichen», da das Wort «Beinkleid» als zu anstössig empfunden wurde.

Zylinder aus dem Jahr 1830
Auch bei den Frisuren und sonstigen Kopfbedeckungen wurde nicht gespart. Die Frauen drehten sich mit heissen Stäben Locken in die Haare, erklärt der Vereinspräsident. Die Ärmel der Kleider begannen sich in der damaligen Mode zu ballonartigen Gebilden aufzublähen und wurden darauf «Schinkenärmel» genannt. Zu den unverzichtbaren Accessoires gehören ein Sonnenschirm, ein Hut, ein Fächer, Handschuhe und ein bestickter Beutel. «Ein vollständiges Kostüm kostet heute gut 2000 Franken», erzählt der Appenzeller. Die Herren tragen einen Frack mit Gehrock, Weste und Halsbinde, einen Spazierstock und einen sehr hohen Zylinder. Rohner besitzt einen solchen historischen Zylinder aus dem Jahr 1830. «An der GV der SGKB teilnehmen zu können war eine grosse Ehre für unseren Verein», sagt Rohner.


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