Suche nach dem perfekten Ruderschlag

Rudern ist Ueli Bodenmanns grosse Leidenschaft. Der Rorschacher Olympiaheld von 1988 betreibt heute die row&row-Ruderschule. Der Breitensport boomt, Ruderclubs müssen teilweise sogar Wartelisten führen.
05. Mai 2017, 06:00
Linda Müntener
Ist Ueli Bodenmann in einer fremden Stadt, sucht er auf dem Stadtplan zuerst das Bootshaus. Dort würde er jederzeit Unterschlupf finden. Denn die Ruderer sind weltweit vernetzt. «Auf dem Wasser gönnt man sich nichts», sagt Bodenmann. «Aber auf dem Land ist man eine Gemeinschaft. Eine rowing family.» Zu dieser Familie gehört Bodenmann seit vielen Jahren. Der 52-jährige Rorschacher ist 13-facher Schweizer Meister in verschiedenen Bootsklassen und hat an den olympischen Spielen 1988 für die Schweiz und den Seeclub Rorschach Silber gewonnen.
Heute trainiert der ehemalige Sekundarlehrer Spitzen- sowie Breitensportler. Und er leitet die row&row-Ruderschule in Altenrhein, welche vier Rudergeräte an die Generalversammlung der St. Galler Kantonalbank mitgebracht hat, auf denen Ruderbewegungen simuliert werden konnten. Wer wollte, durfte sich sogar in kleinen «Ruderwettkämpfen» messen.
GV SGKB Zoom

Von 1982 bis 1998 war Ueli Bodenmann Leistungsruderer, heute leitet er die row&row-Ruderschule.

Richtige Wettkämpfe hat Bodenmann zahlreiche bestritten. Die prägendsten waren jene an den Olympischen Spielen in Seoul, Barcelona und Atlanta. «Die ganze Region stand hinter mir. Daran erinnerte ich mich vor dem Start immer wieder», sagt Bodenmann. «Ein unglaubliches Gefühl.» Angefangen hat er mit 13 Jahren im Seeclub Rorschach. Neben Handball, Fussball und Pfadi war Rudern damals eines der wenigen Freizeitangebote in der Region. «Fast jeder Bub hat einmal im Seeclub vorbeigeschaut», erinnert er sich. Manche sind nach wenigen Wochen wieder gegangen, Bodenmann ist geblieben. Bis heute. «Ich habe zweimal versucht, vom Rudern wegzukommen», sagt er und schmunzelt. «Vergeblich.»

Der Drang nach Perfektion
Seine Leidenschaft hat viele Facetten. Zum einen ist es die Natur. «Wir sind auf dem Wasser in den schönsten Umgebungen unterwegs.» Zum anderen ist es die koordinative, zyklische Bewegung, die ihn fasziniert. «Der Drang nach Perfektion ist immer da», sagt Bodenmann. Selbst wenn er nur zur Entspannung auf dem See rudert, sucht er den perfekten Ruderschlag.
Rudern ist ein Ganzkörpertraining. Die Bewegungen sind fliessend und schonen die Gelenke. Deshalb ist der Sport auch bis ins hohe Alter möglich und prädestiniert für die Gesundheitsförderung. Ein Grund, wieso der Breitensport seit Jahren boomt. «Viele Ruderclubs führen Wartelisten», sagt Bodenmann. Den gleichen Stellenwert wie anno dazumal hat er aber nicht mehr. Als der Seeclub Rorschach 1921 gegründet wurde, war die Stellung des Vereins hoch. «Es galt zum guten Ton der damaligen Rorschacher Gesellschaft, dem Seeclub anzugehören», heisst es in der Vereinschronik. Man bewegte sich öfter auf dem Tanzparkett als auf dem Wasser.

Sportgeist und Leidenschaft
Heute sei der Rudersport längst kein Akademikersport mehr, sagt Bodenmann. Als Mitglied eines Ruderclubs brauche man zwar kein eigenes Boot, dafür aber viel Ausdauer und Geduld. Die Grundausbildung absolviert man beispielsweise in der row&row-Ruderschule in einem Dreitageskurs. Bis man die Technik beherrscht, braucht es allerdings viel länger.
Dass die Randsportart trotz dieses intensiven Trainings nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie etwa Fussball geniesst, sieht Bodenmann heute gelassen. «Klar, als Leistungsruderer hat einen das irritiert und man empfand es als irgendwie ungerecht», sagt er. «Beides hat aber Vor- und Nachteile.» Durch die Kommerzialisierung sei der Fussball beispielsweise zum knallharten Geschäft geworden. Beim Rudern hingegen spielt dieser Bereich eine viel kleinere Rolle. Es zählen auch heute noch vor allem Sportgeist und Leidenschaft.

Egal welche Hautfarbe oder Nationalität
Diesen Sportgeist liebt Bodenmann. So nennt er als schönste Erinnerung seiner Sportlerkarriere eine abseits des Wettkampfs. Als der Leistungsruderer 1988 an den Olympischen Spielen in Seoul teilnahm, war der kalte Krieg noch im Gang. Im olympischen Dorf beobachtete er, wie eine Gruppe amerikanischer und sowjetischer Athleten trotzdem friedlich zusammen assen, sprachen und lachten. «Nach meinem Schulwissen hätte ich dies für nicht möglich gehalten», sagt Bodenmann und lacht. «Das stellte mein Geschichtsverständnis total auf den Kopf.» Vereint, egal welche Hautfarbe oder Nationalität – genau das mache Sport für ihn aus.

Leserkommentare