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Tagblatt Online
17. Oktober 2016, 06:10 Uhr

Urinrecycling im Olma-Container

An der letzten Olma lief es noch diskret ab, jetzt wagt man sich vor Publikum: Mitarbeiter des Forschungsinstituts Eawag zeigen den Messebesuchern, wie man aus Urin Dünger macht.

Roger Berhalter

Das Mädchen verzieht das Gesicht. «Bäh!», ruft es und stellt das Fläschchen wieder hin. Es stimmt: Aurin verströmt nicht gerade Rosenduft. Aber welcher Pflanzendünger tut das schon. Nach Urin hingegen riecht der Flüssigdünger überhaupt nicht mehr, obwohl Aurin nichts anderes ist als verarbeiteter, verdickter Urin. Im vergangenen Frühling wurde das ungewohnte Produkt in St.Gallen erstmals bekannt. Dölf Sutter, Präsident der Genossenschaft Unterer Brühl, hatte an der letztjährigen Olma 2000 Liter Urin sammeln und beim Forschungsinstitut Eawag zu Dünger verarbeiten lassen.

Dieses Jahr geht man nun einen Schritt weiter: Erstens wird der Urin im Pissoir am Unteren Brühl nicht mehr diskret gesammelt, sondern stolz als «weltweit erstes mobiles Pissoir mit kompletter Urinverwertung» beworben. Zweitens hat die Olma der Eawag einen prominenten Platz auf dem Messegelände zur Verfügung gestellt.

Harn ist eine einheimische Ressource

In einem Container im Freien, gleich neben dem Säulirennen, führen vier Mitarbeiter des Wasserforschungsinstituts vor, wie man Urin zu Flüssigdünger macht. Dies geschieht in einem grauen, zylinderförmigen Tank. In einem Regal daneben sind die fertigen Aurin-Fläschchen aufgereiht. «Es ist unser erster Auftritt an einer Messe und das erste Mal, dass wir den Dünger öffentlich verkaufen», sagt Bastian Etter von der Eawag. Er ist Koordinator des Urinrecycling-Projekts und möchte die Olma-Besucher davon überzeugen, dass Urindünger «kein Seich» ist. So steht es auch draussen auf einem gut sichtbaren Plakat.

Etter beschäftigt sich schon länger mit menschlichen Ausscheidungen, mit der Trennung von Urin und Fäkalien und mit der Frage, wie man diese Stoffe verwerten kann. Was andere mit vulgären Namen versehen, nennt Etter «eine einheimische Ressource». Wo andere die Nase rümpfen, wittert er einen Zukunftsmarkt – gerade auch in Ländern, die keine so gut funktionierende Kanalisation wie die Schweiz haben.

Doch auch hierzulande sollte man laut Etter wegkommen von der «bequemen, aber teuren» Kanalisation und «das System dezentraler organisieren». Warum bis zu jedem Bergdorf eine Abwasserleitung legen, wenn es auch einfacher und günstiger geht? Etter weist auf das Bürogebäude der Eawag in Dübendorf hin: Dank spezieller Toiletten fliesst der Urin getrennt ab, und zwei Bakterientanks produzieren daraus ständig Pflanzendünger.

Im Tank zirkulieren Plastikteilchen

Es ist im Prinzip dasselbe Verfahren, das auch im Container an der Olma zu sehen ist: Der Urin fliesst über einen Schlauch in den Tank, wo mit Bakterien überzogene Plastikteilchen zirkulieren. Diese lösen eine biochemische Reaktion aus und «stabilisieren» den Urin, wie der Fachmann sagt. Eine Luftpumpe sorgt für den nötigen Sauerstoff. Das Resultat ist jene nicht gerade Rosenduft verströmende Flüssigkeit, die im Container auch als Riechprobe bereitsteht. Diese Flüssigkeit wird anschliessend verdampft und auf ein 20tel eingedickt. So entstehen pro Tag aus 60 Litern Urin drei Liter Dünger.

Für viele noch immer ein Tabu

Der Prozess läuft schon fast von alleine ab, nur einmal pro Tag muss Bastian Etter noch von Hand eingreifen, Proben entnehmen und die Qualität der Flüssigkeit kontrollieren. «Das Ziel ist, dass die Düngerproduktion irgendwann so einfach funktioniert wie eine Heizung oder eine Waschmaschine.»

Bis es so weit ist, müssen Etter und seine Mitarbeiter noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn Urin ist nach wie vor ein Tabuthema. «Viele schauen skeptisch und denken, wir wollen ihnen etwas aufschwatzen.» Manche, die im Container vorbeischauten, hätten sich aber auch schon mit Aurin befasst und seien sehr interessiert. «Wie lange ist der Dünger haltbar?», will eine Frau wissen. «Unbeschränkt», antwortet Etter.



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