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Tagblatt Online
9. Oktober 2016, 10:43 Uhr

Liechtenstein – wie im Bilderbuch

Liechtenstein ist ab Donnerstag zum fünften Mal Olma-Gastland in St. Gallen. Der Blick auf die vergangenen Auftritte zeigt die Wandlung des Fürstentums vom «ländlichen Ländchen» zum finanzstarken Player in Kultur und Wirtschaft.

Günther Meier

ST.GALLEN. Unter dem Motto «Hoi metanand» will sich Liechtenstein an der Olma 2016 präsentieren. Der Gruss soll Offenheit und Neugierde wecken für den Nachbarn, der vielleicht in all seinen Facetten noch nicht bekannt ist. Ziel des Olma-Auftritts ist laut Organisationskomitee, Liechtenstein als vielseitiges, modernes Land und als attraktiven Wirtschaftsstandort vorzustellen. Als Herzstück des Auftritts gilt die Sonderschau «Liechtenstein-Erlebniswelt», die es ermöglichen soll, in direkten Kontakt mit Liechtensteins Wirtschaft und Kultur zu treten. Nicht zu kurz kommen soll auch die traditionelle Viehschau, die Nutztiere aus Liechtenstein präsentiert. Die Landwirtschaft spielt allerdings nicht mehr die Rolle, welche sie noch bei der ersten Teilnahme des Fürstentums im Jahr 1952 hatte. Etwa 1000 Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner werden zudem am 15. Oktober am Festumzug durch die St. Galler Innenstadt dabei sein.

Vieh und Landwirtschaft 1952

Die Einladung der Olma an Liechtenstein Anfang der 1950er-Jahre kam nicht ganz überraschend, denn das Land war bereits seit 1943 am Unternehmen Olma beteiligt. Schon zehn Jahre lang habe Liechtenstein in der Olma-Organisation mitgearbeitet, als wäre das Fürstentum ein Gebietsteil der Ostschweiz, schrieb damals das «Liechtensteiner Volksblatt», als die Anfrage aus St. Gallen eintraf. Der damaligen Wirtschaftsstruktur Liechtensteins entsprechend lag das Schwergewicht der Präsentation bei der Landwirtschaft. Beim Eintritt in die Liechtenstein-Halle sei das Auge des Betrachters sogleich auf das «Prachtsexemplar einer Trotte» gelenkt worden, notierte einer der Berichterstatter: auf die Weinpresse mit einem Gewicht von zwölf Tonnen.

Doch nicht nur die Weinkultur wurde präsentiert, sondern auch Mais, Gemüse, Obst und Getreide – «kurzum alles, was der Liechtensteiner seinem Boden abringt». Auch die Viehschau wurde von liechtensteinischen Züchtern bestückt. Die noch jungen Industriebetriebe zeigten ebenfalls ihre Produkte: Schrauben und Nähnadeln, Rechnungsmaschinen, Vakuumpumpen, Bolzenschiessapparate und Keramik.

Weinbau und Briefmarken 1964

Zwölf Jahre später nahm Liechtenstein die Einladung, als Gastland an der Olma teilzunehmen, wiederum an. Die Landwirtschaft stand weiterhin im Mittelpunkt, doch hatte sich inzwischen viel verändert, wie aus der Berichterstattung hervorgeht. Nicht mehr die bäuerliche Selbstversorgung prägte die Landwirtschaft, sondern die Produktion für den Markt. Auf besondere Aufmerksamkeit stiess bei vielen Olma-Besuchern die Ausstellung der Liechtenstein-Briefmarken, die damals noch Tausende begeisterter Sammler in aller Welt beglückten und dem Staat als wichtige Einnahmequelle dienten.

Am Umzug durch die St. Galler Innenstadt, der als «Demonstration der Freundschaft und Verbundenheit mit unserem Schweizer Nachbarland» gefeiert wurde, nahmen Fürst Franz Josef II. und Fürstin Gina sowie die gesamte Regierung und Mitglieder des Landtags teil. All die Präsentationen und Umzüge vermochten aber nicht ganz zu verdecken, dass sich hinter den Kulissen unschöne Diskussionen über Teilnahme und Finanzierung abgespielt hatten. Kritische Stimmen gab es, weil mit der Präsentation von Landwirtschaft und Briefmarken die aufstrebende Wirtschaft des Landes nicht umfassend dargestellt worden sei. Von offizieller Seite wurde nur bekannt, die Beteiligung von Industrie und Gewerbe sei aus verschiedenen Gründen nicht zustande gekommen. Letztere wurden jedoch nicht näher erläutert. Wie aber dennoch durchsickerte, konnten sich Regierung, Industrie und Gewerbe nicht über die Aufteilung der mutmasslichen Kosten einigen – womit der Auftritt dieses Wirtschaftszweiges ausfiel und die Olma die Liechtenstein-Halle verkleinern musste.

Auf gute Nachbarschaft 1979

Mehr Freude herrschte 15 Jahre später, als sich Liechtenstein mit dem Motto «Kleines Land als grosses Dorf» in St. Gallen vorstellte. Liechtenstein war nicht einfach «Gastland», sondern wollte sich als sympathischer Nachbar vorstellen, der viele Verbindungen auf politischer, wirtschaftlicher, kultureller und persönlicher Ebene mit der Schweiz und ganz speziell mit dem Kanton St. Gallen aufweist. Am «Liechtenstein-Tag» wurde bereits am Bahnhof in Sevelen auf gute Nachbarschaft angestossen, nachdem die Gemeinde Sevelen für die Ehrengäste aus Liechtenstein einen Willkommenstrunk bereitgestellt hatte. Zwei Sonderzüge transportierten Fürst Franz Josef II. und die Mitglieder der Regierung sowie zahlreiche Olma-Begeisterte zum Umzug. Die nachfolgende Show in der Arena schlug den Bogen zwischen Brauchtum und modernem Fürstentum mit Tanz, Spiel und Musik.

Was an der Olma 1964 angekündigt worden war, nämlich die Umwandlung vom Agrarstaat zu einem Land mit international ausgerichteter Industrie und mit einem aufstrebenden Banken- und Finanzdienstleistungssektor, wurde überall sichtbar. Sie flossen in die Ansprachen der Politiker ein. Der St. Galler Landammann Edwin Koller meinte dazu anerkennend: «In der kurzen Zeitspanne einer Generation hat Liechtenstein einen Wandel sondergleichen erfahren. Industrie und Handwerk, Dienstleistungen und Tourismus haben ihren Einzug gehalten und beherrschen das Wirtschaftsleben.»

Trotz der Erfolge von Industrie, Banken und Treuhandunternehmen standen die Viehzucht und die Präsentation der Zuchterfolge im Mittelpunkt. Wer Liechtenstein und dessen Entwicklung im Schnelldurchgang erleben wollte, wählte den Eingang zur Ausstellung «Kleines Land als grosses Dorf». Gezeigt wurde in einer Art vergrösserter Leporello-Faltung, dass das Land trotz hoher Industriedichte ein «ländliches Ländchen» blieb. Natürlich durfte die Weindegustation nicht fehlen, und ein Postamt stand für den Kauf von Liechtenstein-Briefmarken zur Verfügung. Alles in allem, wie von offizieller Seite verlautete, «Liechtenstein im Bilderbuch».

Faszinierendes Liechtenstein 1993

Liechtenstein gestaltete in jenem Jahr eine spezielle Sonderschau. In der Arena traten zwar erneut über 100 Tiere auf, die Liechtenstein als Agrarland verkörperten, der Schwerpunkt lag indes auf Kultur, Kulinarik und Show. Unter dem Titel «Der li(e)chte Stein» gab eine Sonderschau Einblicke in die Welt der Politik und Wirtschaft, zur Natur und zu den Menschen.

Die Entdeckungsreise durch Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Landschaft war eingebettet in eine Performance aus Video, Musik und Tanz. Im Restaurant «FL-075» konnte man sich mit liechtensteinischen Speisen verpflegen. Das Restaurant mit dem Namen der Telefonvorwahl Liechtenstein sollte auf die enge Verbundenheit mit der Schweiz hinweisen: Eine (Telefon-)Verbindung, die nur ein paar Jahre später mit nicht einkalkulierten Folgen durchschnitten wurde.

Im Unterschied zu den früheren Olma-Teilnahmen, als teilweise auch Elemente aus Industrie und Handwerk gezeigt wurden, dominierte in der Sonderschau die Kultur, begleitet von verschiedenen weiteren Veranstaltungen im Raum St. Gallen. Ganz aber ging die Wirtschaft nicht vergessen, denn an fünf Podiumsdiskussionen wurden provokante Themen wie «Nur Briefkästen?» erörtert. Und an der Eröffnungsfeier spielte die EWR-Zustimmung Liechtensteins und die EWR-Ablehnung der Schweiz eine bedeutende Rolle in den Reden der Vertreter beider Länder.



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