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Tagblatt Online
13. Oktober 2016, 07:41 Uhr

Prägender Wert oder Kuhmesse?

Heute eröffnet die 74. Olma. Für viele ist die Messe ein Fixpunkt in der Agenda. Doch nicht bei allen St.Gallern geht die Vorfreude nach oben wie Sektkorken. Hingehen oder doch lieber Fernbleiben? Wir haben die Pros und Contras.

Hingehen und Erinnerungen sammeln
Der frisierte Sackgeld-Verdunster wurde direkt hinter Gusts Risotto-Zelt abgestellt. Die Fahrt an die Olma war hart; der dicke Herbstnebel machte die Frisur kaputt, die Finger am Gasgriff waren klamm. Angekommen an diesem Ort der 1000 Eindrücke offenbarte sich dem Teenager eine für alle Sinne neue Welt. Zum ersten Mal ohne Eltern an der Olma! Dafür mit den besten Freunden. Das war in den 1980er-Jahren. Der Eintritt in die Halle 7 wurde möglich, weil der Lehrlingsausweis sanft manipuliert worden war. Die erste Stange Schützengarten schmeckte bitter, der erste Campari noch viel mehr. Und es kam noch bitterer: Das Töffli war weg. Gestohlen. Daheim gab's ein Donnerwetter.

Die Halle 7. Diese Holzhütte hatte es in sich: Die Luft war jeweils schon am frühen Nachmittag rauch- und alkoholgeschwängert; hier kam man sich nahe, mal mehr, mal weniger freiwillig. Am Stand eines Spirituosenhändlers haben wir einem Schönling einmal ohne jede Vorauszahlung einen Karton Vieilles Prunes der oberen Preisklasse bestellt – als Strafe. Der Beau hatte einem von uns am Vortag die Freundin ausgespannt.

Die Olma wurde relativ früh im Leben ein Fixpunkt in der Agenda. Immer die gleiche Tour: Halle 7 (bis zum Inferno im Jahr 2000), Salametti bei Gust, Fondue auf dem Unteren Brühl, Abhängen in der Tonhalle, und zum Schluss in die Salsathek Habana an der St. Jakob-Strasse – im Irrglauben, geübte Tänzerinnen hätten auf Männer mit steifen Hüften gewartet.

Daniel Wirth Zoom
Daniel Wirth

Vorbei die Zeit. Doch die Olma ist immer noch. Anders, aber nicht weniger schön. Noch immer ist ein Besuch der Olma zusammen mit Freunden Pflicht. Eine liebgewordene. Das Setting wurde dem Alter angepasst, einzig das Fondue-Zelt ist Treffpunkt geblieben – einer, an dem alle zusammenfinden: Jugendfreunde, Fussballer, Arbeitskollegen. Diese Begegnungen an der Olma sind einzigartig. Einzigartig darum, weil alle ausgelassener sind als sonst. Nur chronisch unlustige Berufspessimisten und Stänkerer blasen in der Olma-Zeit daheim Trübsal. Okay: Tiefschürfende Diskussionen werden an der Olma keine geführt. Dafür bleibt viel Zeit im Winter, Frühling, Sommer und (Rest-)Herbst.

Elf Tage Olma sind eine kurze Zeit der Unbekümmertheit. Das waren sie, das sind sie heute noch. Und das dürfen sie bleiben. Die Olma ist für die meisten St.Galler so oder so ein prägender Wert.

Unvergesslich, wie die Unterkiefer der Buben schier bis zum Boden hingen, als sie das Rieseneuter der besten Kuh sahen im Olma-Stall. Riesengross war die Erleichterung der Mutter, als einer der Buben Anfang der 2000er-Jahre mit einem geschenkten Schüblig in der Hand und Tränen in den Augen wieder auftauchte, kurz bevor wir ihn als vermisst melden wollten. Später kauften wir an der Olma spontan Matratzen, die zwar in den Bettrahmen, aber nicht ins Budget passten. Wir lachen noch heute darüber. Das Putzmittel für Küchenstahl, das wir völlig überteuert erwarben, ist super. Bei jeder Politur der Armaturen kommt einem die Olma in den Sinn – und die Momente im Duft von Würsten, Käse und Vieilles Prunes. Die Olma – das sind mir schöne Erinnerungen, von denen ich nicht eine missen will. Ein Ostschweizer Leben ohne Olma? Geht gar nicht.

Von Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion St.Gallen

Fernbleiben und Alternativen finden
Für manche Ostschweizer ist es unvorstellbar, doch es gibt ein St.Galler Leben ohne Olma. Und ja, man kann dem Trubel entgehen, auch wenn die «grösste Publikumsmesse der Schweiz» die Stadt eineinhalb Wochen lang im Griff hat und Berührungspunkte kaum zu vermeiden sind. Idealerweise lebt man dann in den Westquartieren oder oben an den Hängen der Hochtalstadt. Oder besser: Man fährt just zur Olma-Zeit in die Ferien. Das tun nicht wenige, und es fehlt ihnen bei bestem Gewissen nichts, was sie an der Olma angeblich verpassen könnten.

Warum einem als St.Galler die Olma derart auf die Nerven geht, dass man sich jeden Oktober einen Wegzug überlegt, ist nicht einfach zu erklären. Denn unsereiner hat doch nichts gegen Bier, Wein, Schnaps, Bratwurst, Raclette und alle möglichen Probierfressalien und erst recht nichts gegen (Rohner-)Magenbrot. Ebenso wenig lässt sich gegen die Haushaltsartikel und Werkzeuge sagen, also im Einzelfall gegen den praktischen Mehrfachbesen, den raffinierten Gemüseraffler, die frisierte Nähmaschine.

Und ach, wenn man verwandt- oder freundschaftlich mal zum Besuch genötigt wird, lässt sich der irrwitzige Messe-Whirlpool durchaus überleben – notfalls hilft eine realsatirisch gefärbte Brille: Willkommen in der Freakshow des durchschnittlichen Ostschweizer Landlebens, konzentriert im Spickel der Autobahneinfahrt, der Eintritt kostet gleich viel wie ein Kinoticket. Was also ist das Problem? Klar, da ist die Masse, die sich in der Vervielfältigung des Immergleichen feiert und das Gut-drauf-sein-weil-Olma zum fiebrigen Rudelbildungsbefehl macht. Wer sich nicht in den Saft der bäuerlichen und gewerblichen Ostschweiz vermosten kann oder will, fühlt sich unwohl. Und klar, da sind die Auswüchse: Die besoffenen Horden von Appenzellern, Rheintalern oder Oberthurgauern, die sich abends aus den Trinkhallen 4 und 5 (früher 7), sprich der «Fixerstube für flüssige Drogenabgabe» (Tagblatt-Redaktor Beda Hanimann) in die Strassen ergiessen, nerven genau so wie die enthemmten Billigpartytouristen in den Wohnvierteln von Barcelona oder Berlin. Uralte Einwände gegen den temporär reklamierten «Ausnahmezustand», die zum Gähnen sind.

Marcel Elsener Zoom
Marcel Elsener

Problematischer noch ist der Stempel, den die Landwirtschaftsmesse der kleinen Ostschweizer Metropole aufdrückt: Olma-Stadt! Was für ein Blödsinn – und Klumpfuss. Seit Jahrzehnten lässt sich die Stadt, die immerhin auch Stifts- und Textil- und Bildungs- und Fussball- und Kultur- und Forschungsstadt ist, den Stempel der Kuhschweiz aufdrücken. Nichts gegen Kühe, sie sind schon auf ihren Wiesen im nahen grünen Ring eine Freude. Aber St.Gallen darf sich nie und nimmer auf die Olma reduzieren lassen! Es ist das ewige Grundproblem: Der Stadt fehlen einige zehntausend Einwohner zur echten Stadt. Hätte sie die, könnte sie die Olma als Nebenerscheinung problemlos verkraften. Und würde sich sowieso, siehe Basel, noch mit anderen Messen profilieren. Ohne erweiternde Alternativen wird's zu eng im eigenen Saft. Darum gibt es gegen den Olma-Stempel nur zwei Auswege: Grossstadt werden – oder Kuhmesse abgeben, etwa an Herisau oder Widnau. Dann müsste ich halt dorthin, fürs Magenbrot.

Von Marcel Elsener, Ostschweiz-Redaktor



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