Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
19. Oktober 2016, 07:18 Uhr

Gallus weint, in St.Gallen regnet's

In diesen Messe- und Jahrmarkt-Tagen ist es wieder ein Thema, das Wetter. Egal, ob sonnig und heiss oder feucht und kalt, geklagt wird so oder so. Das Phänomen hat allerdings eine lange Tradition.

Peter Müller

OLMA-WETTER. Es ist kein Geheimnis: In St.Gallen hat das Wetter manchmal eine gewisse Neigung zum nördlichen Klima. Als Einheimischer hat man manchmal schon das Gefühl, das Hochtal zwischen Freudenberg und Rosenberg gehöre in der Ostschweiz zu den Lieblingsspielplätzen von Regen, Kälte und Schnee. Eine ebenso überraschende wie skurrile Bestätigung dafür liefern die St.Galler Lokalzeitungen der Stickereiblüte, also der Jahre 1865 bis 1914. Da ist nämlich immer wieder vom «sprichwörtlichen Jahrmarktwetter» die Rede.

Der Herbstjahrmarkt vom Oktober und der Frühlingsjahrmarkt im April oder Mai galten damals wettermässig als traditionell durchzogen. Natürlich konnte es auch schön sein. Vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben die schlechten Tage aber offenbar auffallend überwogen. «Zu einem St.Galler Jahrmarkt gehört nun einmal Regen oder Schnee», meint der «Stadtanzeiger» vom 20. Oktober 1893. «Wir wenigstens haben noch keinen erlebt, der sich weder der einen noch der anderen dieser himmlischen Gaben zu erfreuen gehabt hätte.»

Marktbuden brechen unter Schneelast zusammen

Da konnte es denn passieren, dass auf dem Jahrmarkt ein grosses Gedränge von Regenschirmen herrschte. Vielen Leuten verleide das den Aufenthalt auf dem Jahrmarkt rasch, meint der «Stadtanzeiger» vom 22. Oktober 1900 über den ersten Sonntag des damaligen Jahrmarktes. Noch heftiger konnten die Wetterkapriolen im Frühling ausfallen. Ein krasses Beispiel ist der Frühlingsjahrmarkt 1908. «An den Haupttagen des Jahrmarktes regnete und schneite es unaufhörlich, so dass einzelne Buden zusammenfielen», schreibt der «Stadtanzeiger» am 25. Mai jenes Jahres.

Die langen Gesichter der Besucherinnen und Besucher, erst recht aber der Budenbetreiber und Händler kann man sich gut vorstellen. Wobei, so einfach war die Sache dann auch wieder nicht. So meint etwa der «Stadtanzeiger» vom 22. Oktober 1906: «Regnet es, so schimpfen die St.Galler begreiflicherweise, obgleich sie Regenwetter während eines Marktes eigentlich gewöhnt sein sollten. Scheint aber die Sonne in sommerlicher Pracht, wie gegenwärtig, so schimpft ein Teil unserer Ladenbesitzer und Verkaufsstände-Inhaber, die ihre Winterwaren nicht an den Mann bringen.» Nur am Rande sei erwähnt, dass auch andere Faktoren an schlechtem Jahrmarktbesuch schuld sein konnten, insbesondere Krisen in der Stickereiindustrie wie etwa jene im Frühling 1898.

Der vielleicht originellste Beitrag zum Thema «Wetter am Jahrmarkt» stammt nicht aus einer St.Galler Lokalzeitung, sondern aus «Der Nebelspalter», der damals noch in Zürich daheim war – nach Rorschach kam er erst 1922. Im Heft 28/1902 präsentiert die Satirezeitschrift in Gedichtform eine Erklärung für das leidige Jahrmarktwetter: Gallus habe im Himmel droben mitbekommen, dass die St.Galler auf dem Marktplatz ein Vadiandenkmal planten. Da könne er nur noch weinen… Sollten die St.Galler mit dem Vadiandenkmal wirklich ernst machen, könne alles noch viel schlimmer werden: Dann werde es jeweils auch noch am Kinderfest regnen. Die Warnung fand kein Gehör. 1904 wurde das Vadian-Standbild feierlich enthüllt.

Badekuren direkt auf den Strassen der Stadt

Und das Stadtsanktgaller Wetter allgemein? Auch da gibt es einige hübsche Bemerkungen in früheren Lokalzeitungen. Der «Stadtanzeiger» machte sich zum Beispiel in seiner Ausgabe vom 21. August 1886 Gedanken über Ferien und Badekuren. Das war ein Luxus, den sich damals nur ein Bruchteil der Bevölkerung leisten konnte. Darauf anspielend meint die Zeitung: «Was nun den mehr oder minder guten Erfolg einer Badekur anbelangt, so steht fest: Viele, die vom Bad Homburg, Monte Carlo etc. heimkehrten, sind gründlich für alle Zeiten kuriert worden. Der St.Galler freilich braucht dann eigentlich gar nicht ins Bad zu reisen, sondern nur ohne Regenschirm durch die Strassen zu wandeln, um auf die billigste Art eine Badekur zu geniessen.»



Kommentar schreiben

Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung.

(maximal 950 Zeichen)

* Pflichtfeld

Sie dürfen noch Zeichen als Text schreiben.

Die Redaktion sichtet die Leserkommentare und schaltet sie frei. Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu publizieren (s. AGB). Am meisten Chancen haben Kommentare, die direkt auf einen Artikel eingehen. Beiträge mit ehrverletzenden, rassistischen oder unsachlichen Äusserungen publizieren wir nicht. Der Korrespondenzweg ist ausgeschlossen.

  • Für registrierte Nutzer

  • Für nicht registrierte Nutzer

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzuschicken.

     
 




Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

Anzeige:

facebook.com / tagblatt

 ...