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Tagblatt Online
12. Oktober 2016, 12:44 Uhr

1 Fürstenhaar zieht mehr als 10 Ochsen

Das Fürstentum Liechtenstein präsentiert sich an der Ostschweizer Herbstmesse. Das Gastland aus der Sicht des Eingeborenen: Hansjörg Quaderer, Autor in Schaan, skizziert sein Land als Fortsetzung der Familie mit anderen Mitteln.

Versuch, einem Ostschweizer die liechtensteinische Staatswerdung scherenschnittartig näherzubringen:
Im Anfang war die Familie. Liechtenstein als Fortsetzung einer Familie mit anderen Mitteln. Der Staat hat seinen Namen von einer Familie. Die Familie stammt aus Wien. Die Familie scharte sich um den Kaiser. Die Familie hatte Rang und Namen. Herrschte, wirkte und fuhrwerkte. Die Söldner, Geldleiher, Grossgrundbesitzer mit mittelbaren Ländereien in Böhmen und Mähren. Kamen zu Reichtum. Hinterliessen verbrannte Erde. Waren nicht immer geliebt. Als grosser Resonanzboden dient Böhmisch-Allzuböhmisches samt (h)internationalen Ländereien.

Die Familie hatte einen Drang, reichsunmittelbares Territorium zu erwerben. Ein kluger Schachzug. Die Familie kaufte vakantes Land im Rheintal. Erwarb in zwei Streichen das heutige Ober- und Unterland. Mit Sack und Pack. Adoptierte Kind und Kegel, Familien und Sippen, Leibeigene, die Frondienst leisteten.

Mit sich alleingelassen, wütete der Hexenwahn ganz fürchterlich in der Region. In Schaan am schlimmsten. Die Herrschaften kamen spät, als es nicht mehr anders ging. Schoben dem Ungeheuerlichen kraft Gerichtsbarkeit einen Riegel.

Die angestammten Familien, meine Vorfahren, waren schon seit Jahrhunderten da. Mähten die Büchel, bestellten die Äcker, kultivierten das Land unter wechselnden Herrschaften. Hatten wenig zum Husten, hätten aber das Zeug und das Väh gehabt, die Olma-aus-dem-Rucksack zu erfinden. Mit Sack und Bendel. 1 Fürstenhaar zieht mehr als 10 Ochsen.

Die Familie ist die geheime Staatsform von Liechtenstein. Die Familie ist geheiligt und unverletzlich. «Das Familienleben», das erkannte Karl Kraus messerscharf, «ist ein Eingriff ins Privatleben.» Die Hausgesetze regeln den Kern, die Verfassung den Rest. Eine Staatsform mit zwei Souveränen, mit dualen oder bipolaren Bahnen, so dass sie eiert. Die Familie erzeugt das totale Ereignis. Die Familie stellt das Staatsoberhaupt. Tut es zu seinen Bedingungen. Regelt seine Angelegenheiten. Regiert und lässt das Land via Regierung verwalten. Vermehrt das Familienvermögen auf der Grundlage nicht weniger Privilegien. Hocharistokratie, Oligarchenbrunz und Weihrauch. Allmächtig ist der Vater. Ihm wird gefolgt. Sein Wort gilt. Er duldet keine Widerrede. Wer widerspricht, ist ein Demokrat. Wird verflucht. Als schwarzes Schaf, gebrandmarkt und geschnitten. Demokraten sind schwer integrierbar. Die Demokratie mitsamt ihren Kinderkrankheiten und Waisenkindern. Und wenn sie 2003 nicht gestorben sind, dann gären und rumoren sie noch heute, dass es juckt und beisst, in aller Landläufigkeit.

Diese Kinderkrankheiten hat der Kanton St. Gallen hinter sich.

II

Versuch, einem Ostschweizer die Mentalität des Liechtensteiners unter die Nase zu reiben:
Der allgemeine Liechtensteiner, in der männlichen wie der weiblichen Form, hat etwas Larvenhaftes zwischen einem Schaaner und Fläscher im Oberland, etwas zwischen einem Eschner und Feldkircher im Unterland. Er oder sie wähnen, etwas Besseres zu sein, ein Herrensohn oder eine Diva. Ob das mit der Sozialisierung in der Monarchie zu tun hat?

Die Dialektsicherheit hat er oder sie eingebüsst. Er oder sie lieben nicht selten Trachten, Feuerwerk und Pomp. Ob mehr oder weniger Demokratie, ist völlig wurscht. Gemeinsamer Nenner ist die harte Kaufkraft. Er oder sie liebt Limousinen der gehobenen Klasse. Die Dichte von Oldtimern in Tiefgaragen ist bemerkenswert.

Was ich höre und sehe: Die Uhren der Demokratie ticken gewöhnlich, während die Pendeluhr der Monarchie schönbrunnert. Das mag die Zuneigung mancher zur Pendeluhr erklären. Unruhe steckt in der einen, Wucht in der anderen.

III

Versuch, einem Ostschweizer das Eigene zu skizzieren:
Das Eigene hat in Liechtenstein seit jeher aus dem angeeigneten Fremden bestanden, sei es in Lied, Kunst, Literatur, bis weit ins Familiäre hinein.

Das Gegebene, die Landschaft, ausgenommen: Sie wurde in der Betrachtung produktiv. Nicht wenige sind bei ihr in die Lehre gegangen, haben an ihr Mass genommen, ein Repertoire von Winkeln und Proportionen erlernt. Nicht das Wenigste: Die Lehre vom Ellhorn gleichsam als eine Lehre der Sainte-Victoire. Den Schrägen, den Linien und dem Schlängeln kann man sich nicht entziehen. Der Rhein, der in seiner mäandrierenden Schriftlichkeit durch den Bodensee strömt. All das Gefälle, Geschiebe und das Erratische der guten Geister, die das Rheintal ausmachen. Das Grosszügige, wo es vorhanden, das man sich zustupft, zuschanzt und nur gelegentlich gönnt.

Trotzdem: Die Verstädterung zwischen den Kerngemeinden geschieht, freilich ohne urbane Dichte, sondern in suburbaner Ausfransung. Das Zubauen manifestiert die beschleunigte Plan- und Hilflosigkeit. Die Landesplanung hat versagt. Man gab das Territorium Partikularinteressen preis, machte und verausgabte sich in solitären Prestigebauten. Zu konstatieren ist eine babylonische Bauverwirrung, ein Gestammel wie unter Analphabeten. Das Verhältnis zum eigenen Boden und Bodenpreis kann nur als idiotisch bezeichnet werden. Die Verödung unter penetrantem Besitzen macht, dass die Besiedlung so ausschaut, wie sie ausschaut, nämlich formlos und zerfahren; undicht, das Ganze und Grosszügige der Landschaft ignorierend. Die mitteleuropäische Nähe des Landstrichs zu relativ unversehrten Gegenden und Städten darf als Pluspunkt gesehen werden.

IV

Versuch, einem Ostschweizer zu zeigen, wo Liechtenstein anfängt und aufhört:
Die Halle am Knie von Schaan strotzt vor schaler Wucht. Der kommunal installierte Platz ist von Schwerkraft verflucht. Man kriegt das Knieschlottern. Kein Park mit Kastanien, sondern ein versiegelter Parkplatz. Ein Umbau, hart und schwer, ohne Schwung. Leute huschen darüber und schlüpfen in die Geschäfte, wirken wie Schalldämpfer in einer dröhnenden Leere. Muss man sich so anrempeln lassen? In der Massstabslosigkeit? – Es mag die fürstlichen Momente geben, die plebejischen sind um kein Haar besser. Eines verbeisst sich ins Andere, Hauptsache, es tut weh.

Wie richtet man sich ein in der Zumutung? Man richtet sich dort ein, wo man wohnt. Im Eigenen. Es gibt kein Anderswo. Es gibt kein Alibi. Buchs ist überall. Wo Liechtenstein anfängt und wo es aufhört, war schon immer ein Staatsgeheimnis.

V

Versuch, einem Ostschweizer zu sagen, dass wir v. a. nur Rheintaler sind:
Der Rhein bietet – natürlich wie vorsätzlich gesprochen – eine Vorlage für eine Identität des Landes, nicht aber des Hauses Liechtenstein, weil der Rhein den charakteristischen Zug dieser Landschaft zeichnet, da er bisweilen sein anarchisches Temperament zeigt als «loser Geselle» unter einer erst spät konstitutionell gewordenen Herrschaft. Der Zwang und die Unmöglichkeit zur Identifikation bestehen.

Zählt der Rhein zum restlos domestizierten Liechtensteiner Inventar? Was der Fluss tut, weiss keiner…

Was ein Staat und was Fürsten tun, lässt sich überprüfen. Ein Riss geht durch die Geschichte des Hauses und des Landes Liechtenstein, so wie ein Riss durch die Land- und die Herrschaft von Liechtenstein geht: «Sowohl in Bendern (1699) als auch in Vaduz (1712 und 1718) gaben die Untertanen vor Ablegung des Eides der Hoffnung Ausdruck, dass die Neuen Landesherren <das alte Herkommen, die alten Rechte und Privilegien> beibehalten würden. Doch der fürstliche Kommissär liess die Bevölkerung 1720 wissen: <Es gebe keine Landschaft, nur ein Fürstenthum darin habe niemand zu reden als der Fürst.>»

Heute behauptet sich die Landschaft. Als Rheintaler bin ich frei, Freiheitsbäume zu errichten. Sie wachsen am Rhein.

Hansjörg Quaderer Zoom
Hansjörg Quaderer


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