Tagblatt Online
20. Oktober 2017, 09:04 Uhr

Vom Dschungel ins Appenzellerland

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Familie Tobler vor ihrem Atelier Saienbrücke in Urnäsch. Bild: Mareycke Frehner

Simon und Damaris Tobler mit ihren zwei Buben haben im traditionsreichen Gasthof Saienbrücke vor knapp zwei Jahren in Urnäsch ihr Zuhause gefunden. Das Konzept ist aber völlig neu und für manchen Appenzeller vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Das Haus dient als Polsterei, Malatelier, dem wohl kleinsten Café im Appenzellerland und dem Zuhause der jungen Familie.

Desirée Müller

Damaris Tobler lächelt, wenn sie von ihrer Zeit in Thailand erzählt. Wie sie als kleines Mädchen den Dschungel erkundete, ohne fliessend Wasser und Strom aufwuchs und fast gierig den von ihrer Tante aus der Schweiz mitgebrachten Schulstoff der ersten Klasse aufsaugte. Sie erzählt gerne Geschichten aus dieser Zeit: «Der Stammeshäuptling bat meine Eltern, eine Hütte aus Holz zu bauen und darin zu wohnen. Die anderen waren alle aus Bambus und nicht sehr beständig. Jedoch konnten durch die Ritzen der Bambushütten die Geister rein und raus», erinnert sich die 34-Jährige zurück und wuschelt Sohn Jamin durch die blonden Haare. Die Schweizer Familie war eine Art Versuchskaninchen für den Stamm. Mit neun Jahren reiste Damaris vom thailändischen Dschungel nach Singapur und besuchte dort die Schweizer Schule. Dreimal im Jahr reiste sie zurück in den Urwald, um ihre Eltern zu sehen. Für die Diplommittelschule und das Kindergartensemi reiste sie zurück in die Schweiz. 25 Jahre später sitzt sie nun im Wohnzimmer der Saienbrücke in Urnäsch. Ein Kulturschock, wie er grösser fast nicht sein könnte.

Auf dem langen Holztisch steht ein silbernes Tablett. Darauf frischer Kuchen vom Holzofenbeck aus Waldstatt. Ehemann Simon bringt Damaris eine Tasse Tee, hergestellt im nahegelegenen Kloster. Er zündet zwei Kerzen an und schaut seine Frau durch das Flackern hindurch liebevoll an. Es war Liebe auf den ersten Blick, als sie sich bei der Arbeit in Deutschland kennenlernten. Ein halbes Jahr nach ihrem ersten Treffen waren Simon und Damaris verheiratet. «Davon war ich drei Monate in den USA», sagt Simon Tobler und setzt sich auf einen Stuhl neben seinem Sohn. 

Ein Alien im Appenzellerland
Auch Simons Weg ins Appenzellerland war lange und oft auch steinig. Der Thurgauer verliess nach der Lehre zum Innendekorateur Fachrichtung Polstern die Schweiz. Eine Rückkehr war zu dieser Zeit undenkbar. Er ist ein Freigeist. Ein Denker und Philosoph. Bereits sein Äusseres lässt darauf schliessen, dass Simon Tobler auf den ersten Blick eigentlich nicht ins Appenzell passt. «Doch genau hier im Appenzellerland gibt es Raum für neue Ideen und Menschen, die nicht nur in ein Raster passen», kontert Simon lachend. Ein Rossschwanz schaut unter seinem braunen Hut heraus. Die passende Weste über einem gelben Hemd und rote Converse-Sneakers. Er ist gross und muss sich bücken, um durch die niedrigen Türen des Hauses zu kommen. Simon spricht sehr bedacht und freundlich. Man fühlt sich gleich wohl in seiner Gegenwart. Er blickt seinem Gegenüber direkt in die Augen und scheint in dem Moment alles um ihn herum zu vergessen. Bis sich zwei Gäste des winzigen Cafés verabschieden möchten. Natürlich mit Handschlag und Vorname, wie es sich in Urnäsch gehört. Das Café liegt zwischen der Polsterei und dem Wohnzimmer der Familie. Oft tummeln sich noch Air-BnB-Gäste im Haus.

Der ältere Sohn Jamin findet die Besucher spannend und sucht gerne das Gespräch mit ihnen. Er erzählt von einem Araber aus Dubai, der bei ihnen gastierte. «Plötzlich verschwand er und kam mit einem riesigen Sack voll Datteln aus seinem Zimmer zurück und verteilte sie an die Gäste im Café. Einige Gäste schauten ziemlich verwundert aus der Wäsche», sagt der 8-Jährige und steckt mit seinem Lachen Mutter und Vater an. Die Urnäscher seien nicht die grossen Redner. «Manchmal sagen sie einfach ‹Hooh› oder trinken schweigend ein Bier», erzählt Jamin, der für sein Alter sehr aufgeschlossen ist. Täglich spielen sich Geschichten in der «Saienbrücke» ab. So wie sie es seit etwa 200 Jahren tun. Damaris notiert sie gerne in einem Notizbuch. Daraus soll irgendwann eine Sammlung entstehen, hofft Damaris. «Es rief mich eine Frau an, deren Mutter von 1931 bis 1935 in der «Saienbrücke» servierte und ihrer Tochter viele Geschichten aus dieser Zeit erzählte. Wir möchten uns demnächst auf einen Kaffee treffen», freut sich Damaris schon darauf. 

Wohlwollend aufgenommen
Dass die traditionsreiche «Saienbrücke» nun zwei ehemalige Auslandschweizer mit Appenzeller Wurzeln weiterführen, wird in Urnäsch wohlwollend aufgenommen. Vor allem an einen feinen Espresso oder Cappuccino nach Barista-Art, den Simon anbietet, mussten sie sich erst gewöhnen. «Ich frage die Gäste jeweils, was für einen Kaffee sie möchten», so Simon. «En normale halt», war stets die Antwort. Heute lieben die Gäste aber seine Kreationen. «Wir schätzen und respektieren sie in ihrer Art zu leben und dies kommt uns auch von ihnen entgegen. Diese Freiheit ist das Schöne hier in Urnäsch», sagt Simon. Kürzlich wurde das Ehepaar gefragt, ob sie an Abstimmungssonntagen das Café öffnen könnten. «Früher war es Tradition, dass nach der Abstimmung in der ‹Saienbrücke› diskutiert wurde», so Simon Tobler. Es ist ihm eine Ehre, dass sie dieses Ritual weiterführen sollen. Ganz spannend findet er auch, dass sich ein Gast in der «Saienbrücke» niemals alleine an einen Tisch setzen würde. «Auch wenn er die anderen nicht kennt, setzt er sich zu ihnen.» Einmal seien fünfzehn Männer um einen kleinen Tisch gesessen. «Sie holten immer mehr Stühle dazu. Auch wenn alle anderen Tische noch frei waren», erzählt Damaris und schmunzelt. Es gibt vieles, an das sich die Familie noch gewöhnen muss. 

Ein Malort zum Entspannen
Es klopft an der Holztür. «Haben wir heute Malen?», fragt Jamin seine Mutter. Sie nickt und er springt auf und rennt jubelnd zu Tür. Das Mal­atelier hat keine Fenster. Ein quadratischer Raum mit einer hohen Decke. Es gibt keine Stative. Die Zeichenblätter werden an die Wand geheftet. Einmal die Woche trifft sich hier eine gemischte Gruppe – vom Businessman bis zum Kind. Dann wird gemalt nach Arno Stern. Eine Methode, die Damaris in Paris erlernte. «Meine Frau ist dabei die Maldienerin», erklärt Simon und schaut ihr nach. Das Atelier ist ihr Reich. Es ist ein Raum ohne Bewertung. Kein Malkurs wie man ihn kennt. Damaris ist dabei nicht die Lehrerin, die ihren Schülern prüfend über die Schulter schaut und ihnen Tipps gibt. «Malen nach Stern basiert auf einer universellen Malsprache, die auf der ganzen Welt erforscht und entdeckt wurde. So malen Menschen auf der ganzen Welt dieselben Formen und Abläufe. Ein Kind, dass noch nie ein Haus mit Giebeldach gesehen hat, malt es trotzdem», weiss Simon. Es folgen Himmel und Erde, Bäume, Fische und Vögel in grossen Wimmelmengen. Das Malen in der «Saienbrücke» ist keine Therapiemassnahme. Vielmehr ein Ort zum Entspannen und Entfalten.  

Auch bei Simon Tobler ist das Spiel aus Farben und Formen massgebend in seinem Beruf. In der Schweiz gibt es nur noch wenige Polsterer, die spezialisiert auf antike Möbel sind. Vor allem junge Polsterer gibt es nur noch eine Handvoll verteilt im Land. Das Handwerk ist am Aussterben. Die konventionelle Polsterei ist kein Teil der Ausbildung mehr. Simon hat eine Nische in der Ostschweiz entdeckt. Das Bedürfnis ist gross, das Geschäft läuft gut. Seinen Kunden liegen die Sessel, Stühle und Sofas am Herzen, die sie in Simon Toblers Hände geben. Sie verbindet eine Geschichte und das gefällt Simon so sehr an seinem Beruf. Der Prozess ist ein langer. Beim ersten Kennenlernen mit einem Kunden hört er ihnen zu. Spürt ihre Wünsche heraus und macht sich ein Bild von der Person, die ihm gegenüber sitzt. Sein Stoffsortiment ist klein, aber fein. Beste Qualität aus verschiedenen Ländern. Es geht aber nicht nur ums schön Aussehen. Die Polsterung spielt eine wichtige Rolle. Schliesslich soll ein Stuhl auch zum Sitzen einladen. Auch die Materialien muss Simon in- und auswendig kennen, um sie für einen guten Sitzkomfort bestens zusammenzustellen.

Familienleben im Kleinformat
Seine Werkstatt ist etwa 30 Quadratmeter gross oder eben klein. Für ihn Platz genug. In Ostberlin wohnte die ganze Familie auf diesem kleinen Raum. In einer Mühle auf einem Hof mitten im Nirgendwo. Sie wollten möglichst geringe Fixkosten haben. «Geplant war ein Jahr, um uns neu zu orientieren.» Dann ergab sich eine Chance. In Freiburg im Breisgau suchte ein Polsterer einen Nachfolger. Die Toblers zogen um. «In ein sehr hübsches Häuschen», findet Jamin. Doch am Tag vor der Übergabe machte der Polsterer einen Rückzieher. Das war eine schwere Zeit für die Familie. Sie mieteten eine umgebaute Doppelgarage und Simon machte sich auf die Suche nach Aufträgen. «Viele grosse Firmen begannen ihr Business in einer Garage», sagt Simon und lacht. Und so auch bei ihnen, die Werkstatt lief gut. Ein Leben auf die Dauer war das aber nicht. Plötzlich wurde die Schweiz wieder ein Thema. Simons Eltern haben ein Ferienhaus im Appenzellerland und er hat schöne Erinnerungen an die Zeit in Hundwil. Simon und Damaris schauten sich Dutzende Häuser an. Als sie die «Saienbrücke» sahen, war der Fall für sie klar. Es passte einfach alles. Heute sind sie stolze Besitzer des alten, weiss gestrichenen Hauses in der Kurve vor der Zürchersmühle mit einer so eindrücklichen Geschichte. Der von Simon lang gehegte Traum eines eigenen Cafés ging in Erfüllung. Er kann seiner Leidenschaft, dem Polstern, nachgehen und Damaris ihr Atelier betreiben. «Hier bleiben wir», ist sich die Familie sicher. 

www.saienbruecke.ch


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