Tagblatt Online
20. Oktober 2017, 09:24 Uhr

«Fest steht das Kreuz, während die Welt sich dreht»

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Besuch in der Kartause Ittingen. Bild: Mareycke Frehner

Die Kartause Ittingen ist nicht nur ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. 40 Jahre nach der Gründung der Stiftung verbindet sie auf einzigartige Weise klösterliche Werte wie Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung.

Kurt Peter

Mit einem grossen Fest feierte die Stiftung Kartause Ittingen am 30. September ihr 40-jähriges Bestehen. «Zugegeben, auf der geschichtlichen Zeitachse der Kartause Ittingen, welche 1461 ihren Anfang nahm, sind 40 Jahre Stiftung Kartause Ittingen eine kurze Zeit», schreibt Roland Eberle, Präsident des Stiftungsrates, in der zum Jubiläum erschienenen Festschrift. Und, so stellt er weiter fest, «dass viele Klöster nach der Säkularisierung im 19. Jahrhundert gebrandschatzt und geschleift wurden». Es sei also keinesfalls selbstverständlich, dass die Kartause Ittingen nach 1848 in zwei Schritten in eine neue, weltliche Zukunft geführt hätte werden können. Dabei spielen drei Jahreszahlen im Zusammenhang mit der Kartause eine grosse Rolle und werden immer wieder genannt: 1461, 1848 und 1977.

Gebot des Schweigens war zentral
1461 kauften Kartäusermönche die freigewordene Augustinerprobstei, lebten und arbeiteten knapp 400 Jahre in der Anlage. Diese klösterlichen Werte sind auch heute noch zentral: «Für das Verständnis der einzelnen Nutzungskonzepte der Stiftung einerseits, andererseits für den betrieblichen Erfolg», heisst es in der Ittinger Schriftenreihe zum Jubiläum. Die Stiftung Kartause Ittingen verbinde die Werte Kultur, Spiritualität, Bildung, Gastfreundschaft, Fürsorge und Selbstversorgung. 

Für die Kartäuser füllten Gebet, Meditation und Handwerk den festgelegten Tagesrhythmus im Leben der Mönche. Zentral war dabei das Gebot des Schweigens. In den Mönchshäuschen standen Einzelhäuser mit drei bis vier Räumen zur Verfügung. Ein heute kaum mehr vorstellbares Leben in Schweigen und Einsamkeit.

«Das Essen wird durch eine Klappe gereicht, trotz des spirituellen Ideals der Weltabkehr ist eine Kartause aber auch ein Ort der Begegnung.»

Das Nachtoffizium von 23 Uhr bis 2 Uhr, die Morgenmesse und die Vesper werden gemeinsam, aber schweigend, verrichtet», heisst es in der Schriftenreihe. Um den Kern des Klosters lagen die Betriebsgebäude, ausserhalb der Mauern das zu bewirtschaftende Land. Damit zeichnet sich ein Kartäuserkloster als ein von der Welt unabhängiger Selbstversorgungsbetrieb aus, als gebaute Form der Parole des Kartäuserordens: «Fest steht das Kreuz, während die Welt sich dreht.»

Der Kanton besiegelte das Ende
Die Kartause war von der Unabhängigkeit des Thurgaus 1798 betroffen. Sofort wurden den Klöstern Restriktionen auferlegt, sie mussten Steuern und Abgaben zahlen. Zudem kontrollierten die kantonalen Ämter ihre Wirtschaft. Als reichstes Thurgauer Kloster wurde die Kartause besonders in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Erstarken liberaler Kräfte nach 1830 wuchs der Druck auf Klöster zusätzlich. Der erste Schritt zur Aufhebung war das Klostergesetz von 1836: Das Vermögen der Klöster ging an den Kanton, ihre Wirtschaft wurde unter staatliche Verwaltung gestellt. Auch für die Kartause bedeutete dies das Ende ihre wirtschaftlichen Unabhängigkeit.
1848 übernahm Ernst Victor Fehr das Anwesen und richtete einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb ein. Neben Ackerbau, Viehzucht und Obstbau wurden in Ittingen vor allem der Weinbau und die Kelterei betrieben. Die Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren und der Zweite Weltkrieg erschwerten es der Familie aber zusehends, den Musterbetrieb aufrechterhalten zu können. Der Unterhalt der ausgedehnten Anlagen überstieg auf Dauer die finanziellen Möglichkeiten, die Belastung wurde immer grösser. Mehrere Versuche, die ehemalige Klosteranlage zu verkaufen, scheiterten. Licht am Horizont gab es 1977: Die Gründung der Stiftung Kartause Ittingen war der dritte Wendepunkt in der Geschichte.

Auch eine Oase der Stille
Doch der Weg bis dahin war kein leichtes Unterfangen, erste Priorität hatten die Kaufrechtsverträge. Diese sahen vor, dass das gesamte Areal der Kartause bis Ende 1977 mit einem Kaufrecht zu Gunsten der in Gründung befindlichen Stiftung belegt wurden. Eine grosse Frage war, ob die nötigen finanziellen Mittel für den Kauf sowie die damals auf 20 Millionen Franken geschätzten Renovierungskosten aufgebracht werden können. Nach vielen Diskussionen, Verhandlungen und Sitzungen konnte am 28. Juni 1977 die Stiftung ins Handelsregister eingetragen und vom Kaufrecht Gebrauch gemacht werden. «Die Stiftung bezweckt durch den Kauf und die Wiederherstellung der Kartause Ittingen, die Anlage in ihrem historischen Bestand zu erhalten und als weitgehend eigenwirtschaftliches Kulturzentrum zu betreiben», heisst es im endgültigen Zweckartikel der Stiftungsurkunde.

40 Jahre später erfüllt die Kartause nicht nur diesen Zweck: Die Besucher erwarten im Kunstmuseum wechselnde Ausstellungen, sie können im Ittinger Museum einen eindrücklichen Blick in das Leben der Kartäuser erhalten, dürfen die Zellen, den ehemaligen Weinkeller und die Kirche besichtigen. Zudem gibt es die grösste historische Rosensammlung der Schweiz zu sehen. Eine besondere Erfahrung ist auch das begehbare Thymianlabyrinth. Hier lässt sich der Weg zur Mitte finden. Und damit der Weg zurück zu den Wurzeln der grossen Anlage: innehalten, still werden und meditieren.


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