Tagblatt Online
20. Oktober 2017, 08:56 Uhr

Ein Landei mit Gourmet-Genen

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Michael Albasini zu Hause mit seinem Sohn. Bild: Mareycke Frehner

Michael Albasini geniesst als thurgauischer Wahlappenzeller auf und neben dem Rad die Vielfalt der Ostschweiz. Als Radprofi ein Asket, entpuppt er sich privat als Genussmensch.

Urs Huwyler

Täglich bei Sonne, Wind und Wetter stundenlang durch die Landschaft tortouren, Spaghetti oder Reis zum Frühstück, Müesli-Riegel, Gel-Massen gegen den Hunger, isotonische Getränke als Durstlöscher, Leben aus dem Koffer auf allen Kontinenten, Dauerthema Doping: Für Aussenstehende lässt sich kaum nachvollziehen, wie ein Primarlehrer im fortgeschrittenen Sportleralter mit Freude Radprofi sein kann. «Wer leiden kann, hat grössere Chancen», lautet seine (Lebens-)Philosophie. «Zahlt sich das Leiden aus, geniesse ich den Erfolg umso mehr. Ich versuche jedes Jahr neue Reize zu setzen. Liefe immer alles gleich ab, hätte ich keine Freude mehr an meinem Beruf», sagt der am 20. Dezember 37 Jahre alt werdende Michael Albasini. Er hat seinen Vertrag bei der australischen Sportgruppe Orica-Scott bis 2019 verlängert. 

Also weiterhin bis zu 21 Tage am Stück pedalen mit Kalorienbomben auf dem Menüplan und einem kulinarischen Genussdefizit? «Alba», der schon im Kindergarten, in der Primar-/Sekundarschule als Berufswunsch «Radprofi» angegeben hatte, betont, es müsse zwischen Verpflegung und Essenskultur unterschieden werden. «Während eines Rennens verpflege ich mich mit Riegel, Gel, vielleicht einem kleinen Sandwich. In Wettkampfphasen habe ich keine Mühe, morgens um acht Uhr einen Teller Pasta zu essen. Dies geschieht nicht genüsslich, sondern aus ernährungstechnischen Gründen. Es gilt einen Hungerast zu vermeiden, aber nahe an ihn heranzukommen.» Bei den Grillgerüchen am Strassenrand sollen die Helden der Landstrasse im Vorbeifahren schon mal tief einatmen.

Während längerer Trainingspausen wird das Leichtgewicht schon mal zwei Kilogramm schwerer. Man(n) gönnt sich ja sonst nichts. Es kam bei der Durchreise zum Rennen nach Hamburg vor, dass sich die Nummer eins der Schweiz auf dem Flughafen eine 300-Gramm-Tafel Schokolade gekauft und diese bis Hamburg mit wenig Verstand verschlungen hatte. «Bei uns spielen die gleichen Mechanismen. Wir essen wie in jeder Familie, grillieren gerne. Unsere Kinder müssen nicht auf ihre Lieblingsspeisen verzichten, nur weil sich der Vater als Radprofi gesund ernähren sollte.» Es gebe auch das Lustprinzip, es müssten nicht fünf Gänge sein, «ich geniesse auch eine Bratwurst ohne Senf, eine Siedwurst mit Chäshörnli». Als Mitglied des Micarna-Teams schätzt er logischerweise ein saftiges Stück Fleisch.

Eigene Kaffeemarke
Und einen guten Tropfen. Wobei seine eigentliche Leidenschaft dem Kaffee gehört. 2010 bereitete sich Albasini in Tirano auf die Steigung zum Berninapass vor, wollte rasch einen Espresso geniessen. Der Duft einer Rösterei liess ihn auf Aromajagd gehen. Er kaufte dort eine Tüte San-Salvador-Bohnen, die er mit dem zweifachen Thurgauer Mountainbike-Weltmeister Ralph Näf genüsslich testete. Das befreundete Duo beschloss daraufhin, eine Firma zu gründen und den beim «Coffee Tasting Award 2010» mit Gold ausgezeichneten italienisch zertifizierten San-Salvador-«Café Passione» als Schweizer Generalimporteure auf den Markt zu bringen.

«Das Leben ist zu kurz, um schlechten Kaffee zu trinken», lautet der Slogan der beiden «Wädli-Buebe» mit den südländischen Gourmet-Genen. «Ich fahre gerne Rennen in Italien, liebe die dortige Küche, die Lebensweise, bin gerne in der Toscana, muss jedoch nicht tausende Kilometer fliegen, um mich an einem Strand erholen zu können.» Zu Beginn der Orica-Karriere flog die Familie Albasini zweimal nach Australien. Seit 2012 fährt er als einziger Schweizer für die World-Tour-Mannschaft. Nur der Brite Simon Yates hat 2017 mehr Punkte beigesteuert. Dass sich Albasini unter den radelnden Kängurus wohl fühlt, erstaunt kaum. Bei der Multi-Kulti-Truppe herrscht unter den Fahrern aus 13 Nationen – nach Einschätzung von Konkurrenten – die kameradschaftlichste Atmosphäre.

Als der inzwischen dreifache Familienvater bei Phonak (2003/04) oder Liquigas (2005 bis 2008) jeweils in der ersten Fluchtgruppe als Handlanger für die Stars verheizt wurde, war der Frust oft grösser als die Lust. Seit sich die Erfolge nach dem Wechsel zur US-Mannschaft Highroad (2009 bis 2011) und Orica-GreenEdge/Scott auch dank dem väterlichen Trainer Marcello Albasini einstellten, taucht die Frage nach der Herkunft öfters auf. Appenzeller, Thurgauer, Bündner oder eventuell Tessiner? «Ich bin ein Ostschweizer Landei, fühle mich abseits des Rummels wohl, wir haben hier alles, was wir brauchen», sagt der in Brusio (GR) beheimatete, in Lanterswil (TG) aufgewachsene, in Gais (AR) wohnhafte und anfangs für den VC Mendrisio und jetzt für den VC Bürglen-Märwil startende Genussmensch.

Ideale Trainingsbedingungen
Genuss oder Verpflegung hin oder her, nur durch Siedwürste, Filets, Schokolade und Kaffee wird ein bodenständiger Weltklasseathlet kaum schneller. «Die Ostschweiz hat noch anderes zu bieten», reduziert Michael Albasini die Lebensqualität in Winterthur Ost nicht auf kulinarische Höhenflüge. «Ich kann von der Haustüre aus rund um den Säntis bergig, dem See entlang flach trainieren. Es ist möglich, durch das Appenzellerland eine, aber auch über Wildhaus, die Hulftegg, Wasserfluh, den Ricken auf wenig befahrenen Strassen oder Radwegen fünf Stunden zu trainieren. In Gais stehen Langlaufloipen zur Verfügung. Hat es oben Schnee, bin ich rasch unten im Rheintal, kann auf dem Säntis ein Höhentrainingslager absolvieren. Diese Vielfalt geniesse ich.» Vielleicht rühren seine Allrounderqualitäten von den topografischen Möglichkeiten. Und Doping? «Würde ich zu unerlaubten Mitteln greifen, müssten die Resultate besser sein.» Punkt.

Er könne etwas sprinten, bergauffahren, rollen, aber nichts wirklich gut, nimmt sich der WM-Siebte selbst auf die Hörner. Grosse Töne spucken, das passt nicht zum Wahlappenzeller. Ostschweizer schätzt er von Natur aus als eher zurückhaltend, obwohl sie einiges zu bieten hätten. Von wegen nur Bratwurst, Mostindien und Biberli. «Jede Region hat ihre eigenen Spezialitäten, ist innovativ, sucht nach Nischenprodukten. Gourmets, die Neues entdecken wollen, kommen in der Ostschweiz auf ihre Kosten. Dies gilt auch für den Wein. Sei es im Appenzellerland oder Thurgau.» Die Zeiten vom «Kopfweh-Essig» gehörten nach Ansicht von Routinier Albasini der Vergangenheit an.

Kein Tourismusstudierter, sondern ein «Gümmeler» weist auf die Vorzüge seiner Wohnregion hin. Mit einem Augenzwinkern fügt der Rundfahrten- und Eintagesrennen-Sieger an, es sei eigentlich nicht schlecht, dass manche in Winterthur West die Vielfalt im Osten nicht kennten, die Bratwurst stolz mit Senf futterten. Dadurch sei es erstens ruhiger und zweitens halte sich der Verkehr zur Freude der radelnden Fraktion auf den Hauptstrassen in Grenzen.

Eigenheim nach Albasinis Ideen
«Radprofi wird sesshaft» könnte irgendwann eine Schlagzeile lauten. Die Albasinis haben in Gais ein älteres Haus gekauft, bauen es in den nächsten Monaten nach eigenen Ideen um. Michael und Corinne Albasini-Blumer, die er bei einem Anlass auf dem Säntis kennengelernt hat, planen die Zukunft mit ihren drei Söhnen Gioele, Gianin und Leano im Appenzellerland. Es soll im wörtlichen Sinn ein Eigenheim werden. Also mit der Umsetzung von eigenen Ideen. Umso schwieriger dürfte es künftig werden, mit gepackten Koffern loszuziehen.


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