Tagblatt Online
20. Oktober 2017, 09:15 Uhr

Die Glücksfabrik

Zoom

Chocolarium. Bild: Peter Hummel

Im Chocolarium, dem neuen Besucherzentrum von Maestrani, kann der Besucher dem Weg der Kakaobohne von der Ernte in Peru bis zur Schokolade auf den Fliessbändern der Flawiler Produktionshalle folgen: bildlich, sinnlich und natürlich auch geschmacklich.

Peter Hummel

Der Schokolade werden ja alle möglichen positiven Eigenschaften zugeschrieben: Sie baue Frust und Stress ab, beuge Herz- und Kreislauferkrankungen vor (zumindest dunkle Schoggi) – und mache vor allem glücklich. Das kann sogar nachgewiesen werden, weil dafür verantwortliche Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Anandamid allesamt im Kakao stecken. Dass nun ausgerechnet Maestrani-Schokolade besonders glückselig machend sei, wäre natürlich eine reine Marketingbehauptung – wenn nicht Maestrani-Gründer Aquilino Maestrani vor 165 Jahren schon festgestellt hätte: «Wer die Welt mit den Augen eines Schokoladenliebhabers betrachtet, erkennt wahre Schönheit und Glück.» Ein Glücksfall für die Thematisierung des neuen Besucherzentrums – ein schlüssiges Motto war damit gesetzt. Im Gegensatz zu andern Schweizer Schoggi-Schauzentren soll hier der Besucher weniger mit Handwerk und Tradition als vielmehr durch Emotionen und Didaktik angesprochen werden. 

Im Chocolarium erfährt man auf spielerisch-humorvolle Weise mit allen Sinnen, warum Schokolade glücklich macht. Man erlebt, wie sich dieses Glück anfühlt, anhört, wie es aussieht, schmeckt und duftet und eben wie es in die Schokolade gelangt. Interaktivität und Sinnlichkeit prägen den gesamten Rundgang, auf dem viel Wissenswertes geboten wird, aber auch die «Praxis» nicht zu kurz kommt: Naschen ist an mehreren Stationen explizit erwünscht.
Die optischen, haptischen und gustatorischen Erlebnisse werden noch verstärkt durch eine eigens komponierte Musik, eingespielt vom Zürcher Kammerorchester; mit der Chocolarium-App kann der Besucher sogar einem speziellen Audio-Guide mit 3D-Sound folgen. 

Wo sich die Schokolade mit Glück auflädt
Zum Auftakt begibt man sich ins hauseigene Kino zur Filmvorführung: Ein Glücksforscher erörtert die Frage nach dem Glück und berichtet, was er auf seinen Forschungsreisen gelernt hat. Drei Dinge, sagt er, braucht es zum Glücklich-sein: Liebe, Freiheit und Genuss – Genuss von süssem Glück, Genuss von Schokolade.

Der Rundgang beginnt im Rohstoffraum. Hier werden den Besuchern die Anfänge der Süssigkeit nähergebracht. Wer will, kann auch selber Hand anlegen: An einem Plastikeuter wird die Milch für die Schokolade gemolken, und mit Muskelkraft können die Haselnüsse vom Baum geschüttelt werden.

Nach Durchschreiten der magischen Glücks-schleuse öffnet sich einem eine Tür mit der Aufschrift Labor – jawohl, das «Glückslabor»: Süsslicher Duft steigt in die Nase – die Schokolade muss nun schon ganz nah sein. An den Decken hängen goldene Hufeisen, der Boden ist mit Tausenden Kleeblättern übersät. Et voilà: Wie flüssiges Gold sprudelt weisse, hell- und dunkelbraune Flüssigkeit aus der Pipeline in drei Springbrunnen – zur freien Degustation. 
Ein weiterer Höhepunkt ist der Gang über eine 80 Meter lange Glasgalerie mitten über der Produktionshalle, was einen vollen Einblick in die reale Produktion erlaubt. Auf Miniförderbändern steigen fertige Munzli direkt zum Besucher auf – und dürfen à discrétion vernascht werden. Zum Abschluss nimmt ein Zeitstrahl den Besucher mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte der Glücks-, Kakao-, Schokoladen- und Firmengeschichte.

Kinder kommen besonders auf ihre Kosten
Wer mit Kindern unterwegs ist, wird allerdings eine Station vorher noch einen längeren Stopp einlegen müssen – in der Schoggi-Giesserei. Hier darf unter kundiger Anleitung eines Maître Chocolatier Schokolade in Form gegossen und nach Lust und Laune mit beliebig vielen Zutaten verziert werden. Kindern wird im ganzen Chocolarium überhaupt viel Aufmerksamkeit zuteil: Das fängt schon mit dem kindergerecht aufbereiteten Film an und geht weiter mit dem «Globi Schoggi-Erlebnis»: Globi hilft beim Entdecken der Globi-Exponate, die auf Kindersichthöhe auf dem ganzen Rundgang immer wieder mal versteckt sind. So können die Kids mit Guckrohren, interaktiven Spielen und kurzen Hörstücken viel Spannendes über die Schoggiherstellung lernen. Für die Kleinen wurde sogar eigens ein Chocolarium-Malheft kreiert.

Zum Abschied noch ein paar Münzen für einen guten Zweck in den «Kuhglockenglückwunschbrunnen» im Entrée (ein Turm mit 200 verschiedenen Kuhglocken) werfen, und man zieht rundum glücklich von dannen. Man ist erschöpfend informiert über das braune Glück  – und man weiss nun auch, dass MMM noch für etwas anderes stehen kann als den Supermarkt, nämlich für die drei Marken Maestrani, Munz und Minor. Nur auf die Frage, warum denn die gute alte Krachnuss, der Maestrani-Inbegriff schlechthin, nicht mehr unter Maestrani, sondern unter Munz vermarktet wird, gibt es keine Antwort. Offenbar war das ein kleines Opfer der Firmenfusion von 1998.

Neues touristisches Highlight
Rund zehn Millionen Franken hat Maestrani in das Chocolarium investiert, einen clever integrierten Anbau an die im Jahr 2000 auf der grünen Wiese errichtete Fabrik. Der Aufwand für das neue «emotionale Markenerlebnis» soll sich lohnen: «Wir wollen das neue touristische Zugpferd der Ostschweiz sein», verkündete CEO Markus Vettiger bei der Eröffnung jedenfalls selbstbewusst. Überregionale Kunden aus der Schweiz und dem Umland, insbesondere Familien, sollen künftig nach Flawil gelockt werden – bis jetzt beileibe kein touristischer Hotspot. Und das Kalkül scheint aufzugehen: Die jährlich angepeilten 100 000 Besucher wurden schon nach dem ersten halben Jahr fast erreicht.
Damit die süsse Erlebniswelt kein Einmal-Besuch bleibt, zielt auch das Chocolarium mit Events auf eine Kundenbindung – etwa mit Schokolade-Giesskursen für Tafeln, Hasen und Herzen, verschiedenen Betty-Bossi-Backkursen oder Globi-Kinderkonzerten. Möglich machen dies Partnerschaften wie mit Coop, Orell Füssli oder dem Zürcher Kammerorchester. Auch RailAway ist mit einem Pauschalangebot im Boot; allerdings bedarf die ÖV-Anbindung noch der Optimierung: Das Postauto ab Bahnhof Flawil verkehrt nur jede Stunde, und schlanken Anschluss haben nur die Schnellzüge aus Westen. Immerhin soll in einem Jahr der Ortsbus neu über das Chocolarium wenden. An Wochenenden und an Schlechtwetter-Ferientagen empfiehlt sich der Vorbezug von Online-Tickets mit fixem Zeitslot.

www.chocolarium.ch


Kommentar schreiben

Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung.

(maximal 950 Zeichen)

* Pflichtfeld

Sie dürfen noch Zeichen als Text schreiben.

Die Redaktion sichtet die Leserkommentare und schaltet sie frei. Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu publizieren (s. AGB). Am meisten Chancen haben Kommentare, die direkt auf einen Artikel eingehen. Beiträge mit ehrverletzenden, rassistischen oder unsachlichen Äusserungen publizieren wir nicht. Der Korrespondenzweg ist ausgeschlossen.

  • Für registrierte Nutzer

  • Für nicht registrierte Nutzer

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzuschicken.