Tagblatt Online
13. Mai 2017, 01:20 Uhr

Und weil man Geld nicht essen kann

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Selma Regenscheit, Leiterin des Thurgauer Betriebs, und Guido Leutenegger. (Bild Kurt Peter)

Kurt Peter

Hoch über Ermatingen, auf dem Gutsbetrieb Ulmberg, grasen zwischen den traditionellen Thurgauer Obstbäumen zottelige Exoten. Es sind Schottische Hochlandrinder, die sich hier auf dem grossen Gelände tummeln. Mit ihrem langen Fell sind die Tiere absolut wetterfest, Regen und Wind können ihren Naturpelz nicht durchdringen. «Aber hier weiden zu viele Rinder, wir werden einige auf eine der Tessiner Alpen bringen müssen», erklärt Selma Regenscheit, Betriebsleiterin von «Natur Konkret» am Thurgauer Standort. Seit 2001 lässt Guido Leutenegger seine robusten Rinder im Tessin weiden, «es ist die natürlichste Alppflege, die es gibt», erklärt der Kreuzlinger. Wichtig sei die Massnahme, um  der Verbuschung vorzubeugen. Durch das Vorrücken der Wälder drohten offene Flächen für immer verloren zu gehen. «Das Schottische Hochlandrind ist für die Pflege von Bergweiden und Naturschutzgebieten ein Glücksfall. Es ist anspruchslos, robust und schont dank des geringen Körpergewichts und der grossen Spalthufen die Böden.» Beim Beginn der Alppflege 1999 besass Guido Leutenegger 15 Kühe, 10 Kälber und einen Zuchtstier. Der Tierbestand umfasste Ende 2016 bereits 347 Kühe, 196 Kälber, 210 Rinder und
9 Zuchtstiere.
 
Die Kuh, eine sichere Anlage
Der Anfang war bescheiden und ist eher auf einen glücklichen Zufall zurückzuführen. 1997 wurde im Zuge des Neubaus des Kreuzlinger Sporthafens am Standort des ehemaligen Stegs eine künstliche Insel gebaut. «Die damaligen Verantwortlichen machten sich wohl zu wenige Gedanken, wie das anspruchsvolle Gelände später gepflegt werden soll.  Jedenfalls stellte sich ein Einsatz durch städtisches Personal als zu teuer heraus», blickt Guido Leutenegger zurück.
Da der WWF ein Jubiläum feierte und das seltene Wollschwein zeigen wollte, brachte er einige Tiere nach Kreuzlingen. Er habe bald gesehen, dass das Fressverhalten der Tiere die geeignete Möglichkeit sei, die Insel günstig und gut zu pflegen. Diese Massnahmen habe der Stadtrat schliesslich gutgeheissen. Seither hat die künstliche Aufschüttung auch ihren Namen: Als «Wollschweineinsel» ist sie über die Region hinaus bekannt geworden.
 
Aufmerksamkeit dank Kuhinvestment
Für grosse nationale Aufmerksamkeit sorgte Guido Leutenegger, als er sein «Kuhinvestment» auf den Markt brachte. Wie viele Interessierte sich am Programm beteiligten, könne er aus dem Stegreif nicht sagen, aber es seien «sehr viele und sehr zufriedene Personen, die so zum Teil des Betriebes werden». Das Versprechen ist eine sichere Anlage. Zwar nicht in Geld, aber für 1250 Franken werden fünf Jahre lang Qualitätsfleisch im Wert von jeweils 350 Franken geliefert. «Eine gute, sinnvolle und umweltbewusste Rendite». Ausserdem kann man «Geld ja auch nicht essen».
Beim «Kuhinvestment» ist es aber nicht geblieben. Dasselbe Modell gibt es für die Schweine. «Unser Ziel ist es, mit 25 Mutterschweinen Kastanien-Wollschweinfleisch von auserlesenem Geschmack zu produzieren.» Zudem wurde auch das «Hühnerinvestment» realisiert.

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Hochlandrinder auf dem Ulmberg in Ermatingen. (Bild Kurt Peter)


Besonders stolz ist «Natur Konkret» auf die eigene Hühnerzucht auf dem Ulmberg und in Triboltingen. Während sich weltweit die Haltung von Hühnern aus wirtschaftlichen Gründen auf die Hybridzuchten konzentriert, hat sich «Natur Konkret» auf die Haltung von Rassehühnern in Kleingruppen spezialisiert. Die mobilen Ställe ermöglichen immer wieder frische Ausläufe und damit frisches Futter für die Tiere. «Mit der positiven Folge, dass in keiner unserer 500 Fleischproben antibiotikaresistente Keime nachgewiesen werden konnten», sagt Guido Leutenegger. Das sei insofern ein grosser Erfolg, als dass in Hybridzuchten der Anteil von solchen Keimen bei 60 bis 70 Prozent liege. Investiert werde auch in Brutapparate, so dass die Haltung unabhängig ausgebaut werden könne.
 
Mostobst von Hochstammbäumen
Auf dem Gutsbetrieb Ulmberg, dem wichtigen Standbein der Firma im Thurgau, stehen 800 Hochstammobstbäume, die Mostobst liefern. Von der Ernte wird natürlich Süssmost produziert. Aber die Hochstämme sind auch Lebensraum für seltene und vom Aussterben bedrohte Tierarten wie Fledermäuse und zahlreiche Vogelarten. Ausserdem sind Hochstammobstbäume prägend für die Umgebung und «sorgen während der Blütezeit für ein malerisches Landschaftsbild». Der Ulmberg wird seit Anfang 2011 von «Natur Konkret» gepachtet, die Weiden und Wiesen sind wertvolle Ökoausgleichsflächen mit Blumenwiesen und Hecken.

«Wir sind seit dem Jahr 2010 kein Betrieb mit dem Bio-Suisse-Label mehr», erklärt Guido Leutenegger. Was zunächst paradox klingt, war für den Betrieb ein Schritt in die Zukunft, denn «die Anforderungen für einen Bio-Betrieb waren zu niedrig, wir wollten strengere Regeln». So wird beim Futter einzig auf Heu, Gras und Wasser gesetzt, die Hochlandrinder werden nicht enthörnt und der Anteil an Biodiversitätsflächen ist mit 14 Prozent doppelt so hoch wie beim herkömmlichen Bio-Hof. Kontrolliert wird der Betrieb in Ermatingen von Qualinova in Gunzwil. Die Tätigkeit der Qualinova umfasst jährlich rund 2500 Betriebskontrollen für den ökologischen Leistungsnachweis des Bundes. Im Auftrag verschiedener privater und öffentlicher Auftraggeber werden zusätzlich 3000 Betriebskontrollen durchgeführt. Insgesamt werden so pro Jahr 13'000 Kontrollresultate über alle Bereiche erzielt.

«Die Biodiversität auf unseren Betrieben ist uns ein sehr wichtiges Anliegen.» Guido Leutenegger verweist auf die verschiedensten Massnahmen und die Beteiligung an Förderprogrammen und Landschaftsqualitätsprojekten. «Wir haben Tümpel graben lassen, Buntbrachen und Blumenwiesen angelegt, Hecken gepflanzt, künstliche Nisthilfen für Schleiereulen, Turmfalken, Meisen und andere Höhlenbrüter aufgehängt. Zum Ulmberg gehören Appenzeller Barthühner, Zwergziegen und Engadinerschafe. Nicht nur die Menschen sollen Qualität vom Ulmberg geniessen, auch die Natur muss von unseren Flächen profitieren.»
 

Die zotteligen Landschaftspfleger

Seit 2001 stehen im Kanton Tessin die Schottischen Hochlandrinder im «Pflegeeinsatz». Begonnen hat es auf der Alp Cimetta in Avegno. Nach und nach sind in enger Zusammen- arbeit mit den Tessiner Alpbesitzern, den Bürgergemeinden, weitere Gebiete dazugekommen. Bis 2009 wurden neun Alpen gepflegt, im Jahr 2015 kam die Alp Naccio in Brissago dazu und im vergangenen Jahr die Alp Mognora in Minusio. In Zusammenarbeit mit der Bürgergemeinde Avegno wurde der alte Kuhpfad wieder in Stand gestellt. «Jetzt ist er zwar nicht ohne Schwierigkeiten, aber seit Jahrzehnten wieder begehbar und ermöglicht den Abstieg der Kühe von der Alp Cimetta ins Maggiatal», begründet Guido Leutenegger Investitionen von 56'000 Franken.

www.naturkonkret.ch

 



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