Tagblatt Online
13. Mai 2017, 01:20 Uhr

Tante Emmas Laden neu interpretiert

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Roger Muamba (Bild Peter Hummel)

Alles Gute kommt zurück: Während früher unsere Mütter aber noch ans Strasseneck springen mussten, wenn der Gmüesler bimmelte, bringt der moderne Gmüesmaa von Emma & Söhne den Wochenkorb sogar bis zur Haustür.

Peter Hummel

An diesem Morgen erwarten Diego Thürlemann und Roger Muamba ihre Lieferanten mit Bange: Wie haben deren Obstkulturen wohl die scharfe Frostnacht überstanden? Schon vor Jahresfrist hat Väterchen Frost den hiesigen Pfirsich- und Aprikosenertrag weitgehend vernichtet. Und wenn‘s keine Thurgauer Ernte gibt, gibt’s bei Emma & Söhne (E&S) eben gar keine solchen Früchte, das schuldet dieser Obst- und Gemüsevertrieb seinem Credo der Regionalität. Gleichwohl können sich Emmas Söhne an diesem Tag auch freuen: Sie bekommen aus dem Rheintal die ersten Spargeln geliefert. Damit sind sie zwar längst nicht die Ersten, aber auch das ist ein Eckpunkt ihrer Philosophie – die Saisonalität. Spargeln gibt’s ab Mitte April, Erdbeeren ab anfangs Mai. Sie leben vor, was ihre Kundschaft teilweise erst wieder lernen muss: Im Zeitalter des «Alles was das Herz begehrt und das zu jeder Jahreszeit» kommt das Saisongefühl für Obst und Gemüse mehr und mehr abhanden. Die Söhne wollen nicht belehren, aber mindestens animieren.

Das ist denn auch die Losung des Korbinhalts – eine wöchentliche Wundertüte, die zu Neuentdeckungen verführen soll. Essen, was man nicht im Supermarkt findet; den Geschmack pflückfrischer Salate geniessen statt abgepackter, essbereiter, aber vitaminarmer Convenience-Produkte. Von Aroniabeeren über Huflattich, Königskerzen, Lichtwurzeln, Mispeln, Sauerampfer bis Wermut findet sich da auch eine ganze Anzahl exotisch anmutender, aber alt eingesessener hiesiger Produkte, die vielleicht einmal im Jahr als Kuckucksei im Korb zu finden sind. Als Nachhilfe hat E&S eine Liste mit über 100 Gewächsen samt Bild und Saisonalität online aufgeschaltet. Natürlich ist dafür Alltägliches – wie Äpfel und Kartoffeln – fast wöchentlich zu finden, selbstverständlich aber auch sehr abwechslungsreich. Von Äpfeln ein Dutzend verschiedene Sorten, und bei den Kartoffeln auch mal Blaue St. Galler oder Rote Emmas. Und wenn im Februar/März das regionale Lagergemüse langsam knapp wird, gibt’s auch mal ein Glas Eingemachtes.

Die Vision von E&S ist es, dass die Kunden nicht mehr einkaufen, was im Grossverteiler gerade Aktion ist, sondern dass sie die Korbprodukte als Basis nehmen und drum herum das Nötige dazu kaufen. Dass dies funktioniert, haben denn auch schon viele Kunden bestätigt. Zur Unterstützung und Inspiration veröffentlichen die Söhne auch regelmässig Rezepte für die teils unbekannten Gewächse.

Hauptsache Bio? Eben nicht!
Knackig frisch, gut und recht – doch der aufgeklärte Konsument mag sich heute natürlich fragen, wie denn diese gesunden Erzeugnisse produziert werden. Wo sich die beiden orangen Riesen und der gelbe Newcomer mit immer mehr Bio zu profilieren suchen – so ist dieses Etikett erst recht Muss für E&S? Bedingt, sagt Diego. «Unsere Lieferanten produzieren von Demeter über Bio bis IP unter den verschiedensten Labels. Darunter sind Kleinbetriebe, welche nicht Bio-zertifiziert sind, weil sich der administrative Aufwand für sie einfach nicht rechnet. Oberste Maxime ist und bleibt für uns Regionalität und Nachhaltigkeit – statt Bio aus der Westschweiz oder gar aus dem Ausland lieber nicht zertifizierte Ware mit kürzesten Transportwegen. «Wir kennen die Verhältnisse bei jedem unserer Dutzend Lieferanten persönlich und können für eine ökologische sowie sozialverträgliche Produktion gerade stehen. Für etliche Familienbetriebe sind wir inzwischen die grössten Abnehmer und können daher unsere Philosophie einbringen.»


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Diego Thürlemann (Bild Peter Hummel)



Ein spezielles Anliegen von Diego und Roger ist es, statt des breitgetretenen Bio-Etiketts sich für den bei uns noch wenig bekannten Begriff Permakultur einzusetzen. Das bedeutet sozusagen das Gegenteil von Monokultur: Naturnahe Kreisläufe und umweltschonende Biodiversität.

Es gibt auch «Töchter» im Hintergrund
Den Ursprung nahm die Idee als Freundschaftsdienst für Familie und Bekannte: Ein Lieferservice für Obst und Gemüse. Aufgrund des immer grösseren Echos machte Diego Thürlemann mit seinem alten Freund Roger Muamba daraus ein Geschäftsmodell. Der Name Emma & Söhne erwies sich als genial – naheliegend wie zukunftsweisend: Zum einen heissen sowohl Diegos Mutter wie Grossmama Emma und zum andern steht Emma trefflich für den Geist des Tante-Emma-Lädelis und Söhne für die neue Generation und deren modernen technischen (Online-) Möglichkeiten. Aber wo bleiben denn in unserer emanzipierten Gesellschaft die Töchter? «Die gibt es sehr wohl», verrät Diego, «aber die sind im Hintergrund tätig.» So ist Laura Prim als lokaler Grafik-Shooting Star für die frische Kommunikation zuständig, und Silja Munz verantwortet die wohl geerdeten Texte. E&S gibt’s mittlerweile seit vier Jahren. Was in einer Garage begann ist heute in einer zweigeschossigen Lokalität an der Paradiesstrasse domiziliert. Die Kartei umfasst schon 700 Adressen – Tendenz ansteigend. Wenn das so anhält, dürfte mit der jetzigen Struktur – neben den beiden Gründern gibt es einige Teilzeitkräfte – Ende des Jahres Vollauslastung erreicht sein. Der Betrieb könnte sich aber mit seinen aufwendigen Rüstarbeiten ideal für Wiedereingliederungs-Arbeitsplätze eignen. Im Moment sind die beiden Inhaber etwa zu zwei Dritteln ausgelastet; Diego arbeitet noch bei einem veganen Versand und Roger in seinem gelernten Beruf als Treuhänder.

Bei E&S sind die beiden gebürtigen St. Galler Allrounder – Chefs und Handlanger in einem. Gleichwohl gibt es eine vernünftige Arbeitsteilung: Diego kümmert sich primär um den Einkauf – wozu er mit seinem bäuerlichen Elternhaus gewiss prädestinierter ist als Roger mit seinem nicht gerade Gmüesler-mässigen Aussehen; der kosmopolitisch-elegante Black Man mit kongolesischen Wurzeln betreut den Verkauf und das Marketing. Von wegen: Eigentliche Werbung liegt natürlich noch kaum drin – die Propaganda geschieht bislang vorab von Mund zu Mund (oder Tür zu Tür) und mit den beiden beschrifteten Lieferautos, die dank einer Crowdfunding-Aktion beschafft werden konnten. Ökologischer wäre natürlich die Auslieferung per Fahrrad. Das soll Die Fliege ab Sommer fürs Firmenobst per Cargobike auch tun; Die beiden Hybridautos bieten dafür den Vorteil, dass sie im Sommer für die Auslieferung effizient kühl gehalten werden können.

Abwechslungsreich und herausfordernd
Keine Frage: Die beiden Söhne haben bei E&S einen abwechslungsreichen und herausfordernden Job. Bringt er für einen Zahlenmann wie Mr. Muamba aber auch Erfüllung? «Absolut. Und es sind gerade Kleinigkeiten, die zählen – etwa wenn ich durch ein Fenster ein Kind rufen höre: ‹Mamma, de Gmüesmaa chunnt›; erst recht, weil die meisten Kunden bei der Lieferung ja nicht zu Hause sind», sagte ein strahlender Roger.

www.emmaundsoehne.ch
 

Das Angebot

Der Obst- und Gemüsekorb von Emma & Söhne ist im Abo in drei Grössen erhältlich: 3,5, 5,5 oder 7,5 Kilogramm, zu 27, 37 und 47 Franken. Die Lieferung erfolgt wöchentlich zwischen Mittwoch und Freitag. E&S ist aber sehr flexibel: Ein anderer Zustelltag oder Abwesenheit können bis Montag gemeldet werden; fix vorzumerken sind unerwünschte Sorten und spezielle Deponierstandorte. Für Betriebe gibt es einen Firmenobstkorb; dazu ist ein Geschenkkorb im Angebot. Das Team von E&S gibt sich alle Mühe, die Produkte in den Körben hübsch zu präsentieren. Nur, «Korb» ist genau genommen nicht ganz zutreffend: Im Gegensatz zum Werbebild sind es nur grüne Gemüsegitter, die aber auch im Kreislauf mit den Produzenten eingesetzt werden können. Gemüselieferdienste gibt es in der Ostschweiz auch von regioterre.ch (abzuholen in Depots) und salat.ch



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