Tagblatt Online
13. Mai 2017, 01:20 Uhr

Erlebnisse verkaufen

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Blick in die Werft in Romanshorn: Umbau der "Säntis". (Bild Benjamin Manser)

Thomas Werner

Wer bei der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft AG (SBS) ein Ticket kauft, erhält weit mehr als nur einen Transportgutschein. «Wir verkaufen Erlebnisse», sagt Geschäftsführerin Andrea Ruf. Das Schifffahrtsunternehmen ist längst zum florierenden Tourismus-Anbieter geworden. Etwas, was sich die SBB nicht vorstellen konnten, als sie 2006 planten, ihre defizitäre Tochter an die deutschen Bodensee-Schifffahrtsbetriebe in Konstanz zu verkaufen. Dieses Vorhaben kam in der Ostschweiz allerdings gar nicht gut an. Unter Führung von Hermann Hess reichte deshalb eine Gruppe von Unternehmern aus der Region eine Gegenofferte ein und erhielt den Zuschlag. «So begann für uns 2007 dieses Abenteuer», sagt Verwaltungsratspräsident Hess.

Ein Abenteuer, an welchem die Ostschweizer Bevölkerung längst teilhaben kann. Für Hess und seine Mitstreiter stand von Anfang an fest, dass ihr Unternehmen weit mehr tun muss, als Leute auf dem See von A nach B zu bringen. Die ganz grossen Investitionen in die Flotte standen deshalb nicht zwingend an erster Stelle. In Romanshorn wurden ungenützte Lagerräume in ein Restaurant umgewandelt. Kein Gastrobetrieb wie jeder andere. «Die Leute sollen gleich spüren, dass das Restaurant zu einem nautisch geprägten Unternehmen gehört», sagt Benno Gmür, der Delegierte des SBS-Verwaltungsrats. Dass das Restaurant Hafen bereits im Herbst 2016 mit dem Best of Swiss Gastro Award im Bereich Activity ausgezeichnet worden ist, zeigt, dass die Philosophie der SBS stimmt.

Drehscheibe für eine Million Menschen
An Gästen fehlt es nicht. Der Romanshorner Hafen ist heute eine «Drehscheibe», auf der sich jährlich weit mehr als eine Million Menschen bewegen – einserseits durch Bahnpendler und etwa 650 000 durch die Schifffahrt. Deshalb verpasste die SBS dem Hafen bereits vor der Eröffnung des Restaurants ein zeitgenössisches, attraktives Gesicht. Seit zwei Jahren ist die 1000 Quadratmeter grosse Hafenplattform mit den beiden Steganlagen ein Anziehungspunkt. Nicht nur, wenn sie abends magisch beleuchtet ist, kommen die Ostschweizer. Für Hess und seine Mitarbeiter ist es wichtig zu zeigen, dass Tourismus auch in der Region funktioniert. «Tourismus wurde hier bisher kaum als wirklicher Wirtschaftszweig betrachtet», sagt Hess mit einem Lachen. «Dabei kommen heute achtzig Prozent der Leute, die unsere Angebote nutzen, aus der Ostschweiz.»

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Im Restaurant Hafen in Romanshorn. (Bild Peer Füglistaller)

Und für diese Ostschweizer wird es bald eine weitere Attraktion geben. Auf der ungenutzten Bunkerwiese gegenüber der Hafenplattform ist ein Abenteuerspielplatz und Landschaftspark für die ganze Familie geplant. Auf dem sogenannten «Robins Horn» werden die Besucher unter anderem Aussichtstürme, ein Piratenschiff, eine Schatzhöhle, einen Seilparcours und eine einladende Wasserlandschaft finden. Ergänzt wird das Ganze mit einem auf die Kundschaft abgestimmten gastronomischen Angebot. Der Romanshorner Hafen, in welchen zuvor während Jahrzehnten in keinem vergleichbaren Ausmass investiert worden war, wird so zu einem touristischen Zentrum, wie es die Ostschweizer bisher nur von der deutschen Bodenseeseite her kennen. Und das Abenteuer auf dem «Robins Horn» kann verlängert werden. In einfachen Hütten mit Schlafplätzen für vier Personen, gruppiert um eine Feuerstelle, lässt es sich am See bestens die Nacht verbringen.

Der gesamte Gewinn wird reinvestiert
All diese Projekte waren nur zu realisieren, weil die Schweizerische Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft AG ihren gesamten Gewinn reinvestiert. So gelingt es dem Unternehmen dank dieser synergetischen Projekte, die Schifffahrt wirtschaftlich konkurrenzfähig zu halten. Und damit man weiter auf Erfolgskurs bleibt, wird jetzt in die Schiffe investiert. Den Start machte man mit der Totalsanierung der «Säntis». Das 60 Jahre alte Motorschiff wird künftig als Eventschiff auf dem Bodensee verkehren. «Ein Schiff, wie man es auf keinem anderen Schweizer See findet», kommen Hess und Gmür richtig ins Schwärmen. Für das Projekt zeichnete – wie schon für das Restaurant und den Abenteuerspielplatz – die Zürcher Architektin Susanne Fritz verantwortlich. Diese «Yacht für einen Tag» soll ein Firmenjubiläum, eine Hochzeit, eine Familienfeier oder ein Seminar zum unvergesslichen Erlebnis machen. Ohne gross Werbung dafür gemacht zu haben, ist die neue «Säntis», die Ende April erstmals auf dem Bodensee unterwegs war, schon zwanzigmal gebucht worden.

Traum von einem neuen Schiff
Nach und nach werden nun die weiteren sechs Schiffe saniert. Und Hess macht kein Geheimnis daraus, dass es ihn durchaus reizen würde, einmal ein neues Schiff für die SBS zu bauen. Dafür ist die eigene Werft in Romanshorn bestens geeignet. In ihr würde ein dafür beauftragtes Schiffsbauunternehmen den Neubau realisieren. Für den Innen- und Endausbau ist man auch gerüstet, wie das Projekt «Säntis» eindrücklich gezeigt hat. Ein Blick in die 2014 sanierte und erweiterte Werft beweist, die Schweizerische Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft AG ist auch in diesem Bereich kein Unternehmen wie jedes andere. Nicht nur die eigenen Handwerker arbeiten mit Handwerkern ansässiger Firmen Hand in Hand, auch SBS-Mitarbeiter aus anderen Bereichen – etwa der Gastronomie – halfen mit, der «Säntis» den letzten Schliff zu verpassen. «Diese flexiblen Einsätze fördern den Zusammenhalt in unserem Unternehmen», sagt Geschäftsführerin Ruf, «wir sind immer bestrebt, attraktive Arbeitsplätze anbieten zu können.» So ist es selbstredend, dass auch die Nautiker im eigenen Betrieb ausgebildet werden. Jeder Handwerker hat die Perspektive, dereinst als Kapitän eines SBS-Schiffs auf dem Bodensee unterwegs zu sein.

www.sbsag.ch


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