Tagblatt Online
13. Mai 2017, 01:20 Uhr

Die Prinzessin und ihre Fee

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Ly-Ling Vilaysane (Bild Benjamin Manser)

Die Appenzellerin Ly-Ling Vilaysane erregte als Jungdesignerin auf der ganzen Welt Aufsehen. Aktuell betreibt sie in St. Gallen eine Boutique und hat mit aéthérée und Volpone zwei erfolgreiche Labels gegründet. Trotz des Erfolgs in der Heimat: Das Fernweh ist geblieben.

Michael Hasler

Gerade eben stand sie noch an ihrem eigenen Stand an der Frühlings- und Trendmesse Offa in St. Gallen, verkaufte als Inhaberin, Designerin, Einkäuferin und CEO ihre eigenen Kleider, nun sitzt sie entspannt in ihrer Boutique an der Bahnhofstrasse 15 in St. Gallen. Wenn sie nachdenkt über ihren Weg zu einer mittlerweile erfolgreichen Designerin, tanzen ihre Augen immer wieder nach oben links. Immer dann scheint sie sich für einen Moment wegzudenken, zu erinnern, wie das damals, auf dem Weg hierher, wohl gewesen sein mochte. 36 ist sie mittlerweile, realistisch würde man sie Mitte 20 schätzen.  Wenn sie lacht, ist das so einladend, das man miteinstimmen möchte. Wenn sie einfach so dasitzt in ihrer Welt, erinnert sie mit ihrem Pony-Haarschnitt an eine Mangaheldin.
 
Ätherisch, vielfältig, widersprüchlich
Wie ihre Kleider ist auch Ly-Ling Vilaysane vielfältig und im positivsten Sinne auch widersprüchlich. Als Tochter chinesisch-stämmiger Eltern, die aus Laos flüchten mussten, hat die Appenzellerin aus Steinegg ihre beiden Pole von Heimat und Entwurzelung – ob bewusst oder nicht – auch zum Konzept ihrer Kleider gemacht. Zwar bemüht sie sich um Schweizer Qualität, kauft ihre Stoffe sehr bewusst in Europa ein und liess ihre Kollektionen bis vor kurzem sogar im Rheintal produzieren – doch ihre Exponate atmen die Freiheit und Ungereimtheiten der weiten Welt. Mit ihrem ersten Label hat sie das, was da sanft und feingeistig in ihr tobt, benennen können: «aéthérée» bedeutet soviel wie ätherisch. Das Logo zeigt sie, die Designerin, die sich nach ihren Ausbildungsjahren in Dornbirn und Paris mittlerweile durchaus auch als Künstlerin versteht, visuell als eine Art weiblichen «Kleinen Prinzen».
 
Keine Zeit zum Schlafen
Obwohl vieles an ihr so spontan wie ihr auf ein knappes Dutzend Räume verteiltes improvisiertes Atelier wirkt, weiss diese umtriebige junge Frau sehr genau, was sie tut. Es mag an ihren Startmöglichkeiten beziehungsweise dem Fehlen jener liegen, dass sie auch heute noch härter als so mancher Manager arbeitet. «Anfangs hatte ich zum Schlafen kaum Zeit», lacht es aus ihr heraus, «doch mittlerweile läuft mein Modelabel so gut, dass ich meine Arbeitszeiten selber wählen kann. Diesen Sommer schaffe ich es bereits zum zweiten Mal, zwei Monate Ferien zu machen.»

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Ly-Ling Vilaysane in ihrem Atelier in St.Gallen. (Bild Benjamin Manser)


Bereits mit sieben Jahren wusste sie, dass sie dereinst Modedesignerin werden wollen würde. Dies lag auch an einer Tante, die Modedesign studierte und ihr den Türspalt zur Faszination dieser Welt erstmals aufstiess. In der Oberstufe wurde sie wegen ihres anhaltenden Traums belächelt, aber von ihrem Lehrer darin bestärkt. Heimlich meldete sie sich an der Fachhochschule HTL in Dornbirn an, bestand die Aufnahmeprüfung und informierte erst danach ihre Eltern. Der Lockruf der weiten Welt war so gross, dass sie nach fünf Jahren eine Ausbildung an der Modeschule Esmod in Paris anstrebte. Weil im Elternhaus die finanziellen Möglichkeiten nach wie vor fehlten, verkaufte sie während elf Monaten Uhren im Flughafen Zürich, lebte äusserst bescheiden und dislozierte dann nach Paris.
 
Assistentin bei David Szeto
Dort entwickelte sie sich zu einer der besten Studentinnen und erhielt die Möglichkeit, bei David Szeto als Designer-Assistentin zu arbeiten. «Er hat mir die grosse Welt der Mode gezeigt, vor allem auch die traditionellen Schneider und Designer in Paris», erinnert sie sich. Nach genau
23 Monaten als Assistentin gründete sie zusammen mit einem Kommilitonen ihr erstes Label. Jenes heimste nicht nur viele Preise ein – unter anderen 2014 den Mini Design Award Blickfang München, 2011 Designpreis Blickfang Basel (Silber), 2010 Designpreis Lily Award (Gold), 2008 Shinmai Creator’s Project (Gold) –, sondern führte beispielsweise zur Ehre, die Fashion Week in Tokyo eröffnen zu dürfen. Überhaupt war es Japan, wo Ly-Ling Vilaysane zusammen mit ihrem Partner durchzustarten schien.

Am Ende kam es aber anders, obwohl das junge Label nach seinen ­Erfolgen mit diversen Boutiquen in ­Tokyo zusammenarbeiten konnte. Denn paradoxerweise war es Japan, welches
die beiden Jungunternehmer schliesslich getrennte Wege gehen liess. Das Glück blieb der umtriebigen «Prinzessin» treu. 2010 wurde eine amerikanische Agentur anlässlich der Rendez-vous-Messe in Paris auf sie aufmerksam und die Appenzellerin konnte plötzlich über 20 Boutiquen auf drei Kontinenten beliefern. 2012 kehrte sie dennoch von Paris zurück in die Heimat, wo es ihr postwendend zu eng wurde. Es brauchte zwei Abstecher nach Graz und Wien, ehe sie 2012 im Haus ihrer Eltern in St. Gallen ihre eigene Boutique gründete. «Ich wollte noch unabhängiger sein und nicht mehr Boutiquen beliefern, sondern durch und durch das tun, was in mir war», erinnert sie sich.

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Ly-Ling Vilaysane in ihrem Atelier in St.Gallen. (Bild Benjamin Manser)


Fachmagazine beschreiben das, was sie tut, als kreativ, qualitativ extrem hochwertig, mutig, eigensinnig und eigenständig. Eigensinnig beispielsweise, weil die 36-Jährige darauf verzichtet, Kollektionen herauszugeben, und stattdessen monatlich ein neues Kleidungsstück auf ihrer Homepage und ihrer Boutique präsentiert. Eigenständig, weil sie darauf verzichtet, mit Boutiquen zusammenzuarbeiten, und stattdessen ihre eigene Boutique Aéthérée betreibt. Und mutig, weil sie seit ihrem Start und bis zu ihrem einzigen Ende nur mit einem Modell zusammenarbeitet, die sie schlicht «Fee» nennt. Das sei mittlerweile so etwas wie ein Kunstprojekt, vor allem aber arbeite sie gerne mit «Fee» zusammen, weil sie ihr unheimlich sympathisch sei und sie sich niemand anderen vorstellen könne und wolle.

Ly-Ling Vilaysane denkt kaum in Wortassoziationen und festen Begriffen. «Ich kann sehr schlecht zeichnen und entwerfe daher meine Kleider sehr intuitiv aus dem Bauch heraus. Ich zeichne meine Kleider im Kopf, kann sehr gut drapieren und bin auch fähig, erste Schnitte selber umzusetzen. So gesehen bin ich eine Praktikerin», erklärt sie ihre Arbeitsweise. Natürlich ist ihr eine hohe Qualität ihrer Materialien sehr wichtig, doch mindestens so zentral sei der Mut, die Dinge anders anzugehen und den eigenen Stil zu finden. Erneut wandern ihre Auge nach oben links und plötzlich scheint sie sich auf ein Wort zu einigen: «Zeitlos, das triff es wohl am besten», ist sie überzeugt. «Aber nicht im Sinne von angepasst und bieder, sondern im Sinne von nachhaltig und unvergänglich. Ich nenne es Prêt-à-Porter de luxe», bessert sie nach.
 
Selber ein Work in progress
Ly-Ling Vilaysane ist zweifelsfrei eine Künstlerin, die andere Zugänge zur artifiziellen Welt der Mode sucht. «Ich werde immer häufiger von Künstlern für Projekte angefragt, was mich sehr ehrt und wo ich mich auch gerne einbringe», erzählt sie. Nach fast drei Stunden in ihrem Atelier beschleicht einen das Gefühl, dass das, was sie hier gerade tut und ist, nur eine Zwischenstation sein mag – dass sie selber ein Work in progress ist. «Das kann sein», lacht sie noch einmal so einnehmend, wie nur sie dies kann. Und dann zieht sie sich ein letztes Mal in sich zurück und entscheidet sich dann, über diese stete Unruhe zu reden, die in ihr zerrt. «Ich spüre schon, dass mich die Welt da draussen noch nicht in Ruhe lässt. Ein Basislager hier in St.Gallen oder bei meinem Freund im Wohnzimmer würde mir reichen. Mehr habe ich nie gebraucht. Es ist eine unglaublich schöne Vorstellung, alles, was man besitzt, in ein Auto packen zu können und einfach wegzufahren.»

www.aetheree.ch


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