Tagblatt Online
13. Mai 2017, 01:20 Uhr

Der Pionier der Flussfahrten

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Hans Kaufmann mit Tochter Pia. (Bild Benjamin Manser)

Hans Kaufmann träumte als Kind davon, «Weltentdecker» zu werden. Dieser Buebetraum ging ihn in Erfüllung. Der 69-jährige Thurgauer bereiste auf Flusskreuzfahrtschiffen die ganze Welt, erschloss neue Wasserwege, baute eigene Schiffe in Burma und freut sich, dass seine Jungmannschaft an Bord des Familienunternehmens kommt.

Desirée Müller

Hans Kaufmann erinnert sich gut daran, wie er vor über sechzig Jahren gemeinsam mit seinem Grossvater in dessen Bahnwärterhaus sass und ihm voller Faszination zuhörte, wenn er ihm wie so oft Geschichten erzählte. Von spannenden Bahnreisen nach Italien und Abenteuern im Wilden Westen. «Ich weiss bis heute nicht, welche Geschichten er wirklich erlebt hat und welche erfunden waren», erzählt der heute 69-Jährige. Am liebsten stellte er sich vor, wie Grossvater und Enkel gemeinsam eine Reise in der Transsibirischen Eisenbahn antreten. Dass er später im eigenen Orient-Express Moskau–Peking diese legendäre Strecke befahren konnte, hätte er sich aber nie träumen lassen, schon gar nicht, dass SRF Doku darüber eine grosse Reportage drehen wird. Einmal durfte er in einem der Aussichtswagen des TEE Rheingold mitfahren. Viele Jahre später erwarb er diese fünf Panoramawagen, um Fahrten in ganz Europa zu organisieren. Er schüttelt in Erinnerungen schwelgend langsam den Kopf und fährt sich mit der Hand durch das kurze, ergraute Haar. «Auch meine beiden Eltern arbeiteten bei der Bahn.»

Hans Kaufmann wuchs im Kanton Bern in der kleinen Gemeinde Schüpfen auf. «Meine Schulkollegen waren die Kinder von wohlhabenden Bauern, Pfarrern und Lehrern», erinnert er sich. Grosse Sprünge konnte die Bähnlerfamilie Kaufmann nicht machen. «Meine Mutter war Barrierenwärterin und mein Vater Gleisbauer», erzählt er. Doch etwas hatten die Kaufmanns, das sonst keine andere Familie im Dorf hatte: Freikarten für die Bahn. «Meine Mutter backte am Wochenende einen feinen Zopf für ein Picknick im Zug. Geld, um auswärts zu essen, hatten wir natürlich keines. Aber die Bahnreisen durch die Schweiz waren das Grösste für mich.» Er freute sich immer darauf, am Montag in der Schule seinen Freunden von den Familienausflügen zu berichten. «Die Bauernkinder mussten natürlich am Wochenende auf dem Hof mithelfen», sagt er schelmisch lächelnd. Hans Kaufmann ist das perfekte Beispiel dafür, dass man mit Fleiss, Ehrgeiz, viel Mut und vielleicht auch etwas Leichtsinnigkeit Grosses schaffen kann. Seine Tochter Pia sitzt während seines Ausflugs in die Vergangenheit neben Kaufmann und hört ihm lächelnd zu. Die Geschichten kennt sie längst, doch ist auch sie immer wieder beeindruckt von den Taten ihres Papas. Hans Kaufmann klopft seiner Jüngsten liebevoll auf die Schultern. «Meine schönsten Erinnerungen habe ich von Reisen», erinnert er sich zurück. «Pia zum Beispiel lernte auf einem Flussfahrtschiff in der Ukraine laufen», weiss der Vater ganz genau.

Endstation Thurgau
Von seinem Berner Dialekt ist nicht mehr viel zu hören. «Als ich in der sechsten Klasse war, zogen wir nach Herisau. Mein Vater hatte eine Anstellung bei der Bodensee-Toggenburg-Bahn erhalten. Ich war ein Exot im Appenzellerland.» Da fällt ihm eine Geschichte ein und er beginnt herzlich zu lachen: «Ich sprach unseren Lehrer immer mit ‹Dir› an, wie es sich im Berndeutschen gehört. Doch meine Klassenkameraden waren ganz geschockt und meinten, wann der Lehrer denn Duzis mit mir gemacht hätte», erzählt Kaufmann amüsiert. Nach knapp zwei Jahren ging die Reise der Kaufmanns weiter und endete im Thurgau. Dass viele weitere Reisen in alle Ecken der Welt folgen würde,n war dem jungen Hans damals nicht bewusst.

Er nahm seine Eltern zum Vorbild und absolvierte nach der Verkehrsschule eine Lehre bei den SBB. Vier Jahre lang schätzte er die Arbeit als Bahndisponent. «Doch die Technik wurde immer moderner. Ich liebte die Zeit, als man noch von Hand die Weichen stellen musste», erinnert er sich gerne daran. Alle seine Arbeitskollegen seien geblieben, doch er wagte einen beruflichen Neuanfang. Vorerst fand er einen Job beim Automobil Club Schweiz. Doch dann sprang ihm ein Stelleninserat ins Auge: Eine Anstellung bei Kuoni am Bellevue. Der damals 23-Jährige bekam den Job und seither ist er nicht mehr zu bremsen. «Endlich konnte ich reale Abenteuer erleben.» Sein damaliger Chef und Förderer Rolf Oertli schickte den jungen Kaufmann einen Monat lang auf Studienreisen, gab ihm sein ganzes Wissen aus der Welt der Reisebranche weiter. Schnell zeigte sich, Hans Kaufmann macht seinem Nachnamen alle Ehre. Er war der geborene Geschäftsmann mit Weitblick. Ein Jahr später übernahm Kaufmann die Geschäftsleitung der damaligen Reisebüro Mittelthurgau AG. Die Zahlen sahen bei seinem Eintritt nicht sehr rosig aus. «Ich bot an, für die Hälfte meines vereinbarten Gehalts zu arbeiten. Dafür forderte ich dreissig Prozent Gewinnbeteiligung», sagt Kaufmann. «Und ich habe meinen gewagten Entscheid nie bereut. 28 Jahre lang arbeitete ich zu diesen Konditionen.» Denn Hans Kaufmann war sich sicher: Es steckt viel Potenzial in der Branche.

2001 musste das Unternehmen jedoch in ein Nachlassverfahren eintreten. Es spielten laut Hans Kaufmann viele Faktoren mit, warum die Firma schlussendlich Konkurs ging. Doch das sei Vergangenheit. «Im Nachhinein war es das Beste, was mir und meiner Familie passieren konnte.» Das Bahnreisegeschäft wurde an die Mittelthurgau-Bahn verkauft. Der Name Reisebüro Mittelthurgau ging an die Twerenbold Reisen AG. Gemeinsam mit einigen Investoren, welche er später ausbezahlte, gründete Hans Kaufmann Thurgau Travel und startete das Unternehmen mit einigen Beschäftigten der ehemaligen Reisebüro Mittelthurgau AG unter neuer Flagge. Der Fokus lag und liegt wiederum primär auf Fluss- und Bahnreisen. «Ich dachte mir, das sei eine gute Option für die paar Jahre bis zur Pension», denkt Hans Kaufmann zurück. «Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich nochmals so richtig durchstarten kann», ist er heute noch überwältigt. Innert fünfzehn Jahren konnte sich Thurgau Travel als Spezialistin für Flusskreuzfahrten zu einem der führenden Anbieter in der Deutschschweiz entwickeln.

Zum Familienunternehmen geworden
«Unser Team umfasst zwanzig 100-Prozent-Stellen», sagt Hans Kaufmann mit Stolz. Seine Kinder Pia, Simone und Peter sind schon seit mehreren Jahren mit an Bord. Pia studiert zur Zeit Tourismus in Zürich und unterstützt ihren Vater als seine Stellvertreterin in Weinfelden. Peter arbeitet ebenfalls für das Familienunternehmen – jedoch Tausende Kilometer weit entfernt. «Er ist der Manager der eigenen drei RV Thurgau Exotic Schiffe in Burma», erzählt Schwester Pia Kaufmann. Sie zeigt auf ein grosses gerahmtes Bild an der Wand. «Das ist die Lady 1», erklärt sie. Noch als Burma für Touristen nicht zugänglich war, hatte Kaufmann das vielversprechende Land im Visier. «Ein mir bekannter Schiffsbauer rief mich an und meinte nur: ‹It is a good time to invest Mr. Kaufmann›». Als die Grenzen unter einem neuen Militärregime geöffnet wurden, stand Hans Kaufmann mit seinen Flussfahrtschiffen parat.

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Hans Kaufmann. (Bild Benjamin Manser)


Tochter Simone war anfangs für den Aufbau der kleinen Flotte in Burma zuständig. Das Interieur der komfortablen Schiffe geht auf ihren guten Geschmack zurück. Über Hans Kaufmann lernte sie dann einen tschechischen Kapitän in Prag kennen – und lieben. Kaufmann, der die Destination sowieso ausbauen wollte, investierte in ein eigenes Flussschiff, welches Simone und ihr Mann heute gemeinsam in Tschechien auf Modau und Elbe betreiben. «Wir Kinder sind sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit erhalten, uns voll ins Geschäft miteinzubringen und unsere Ideen auszuleben», sagt Pia. «Und für mich ist es wunderschön, dass sich der Nachwuchs ebenfalls für die Reisebranche interessiert», ergänzt Hans Kaufmann und zwinkert Pia zu. Hans Kaufmann wird sich in den nächsten Jahren langsam aus dem Business zurückziehen und den Kindern immer mehr Verantwortung übertragen. Die Ideen und das Netzwerk von Vater Kaufmann seien aber auch künftig sehr wichtig für das Unternehmen.

Blättert man den neusten Reisekatalog von Thurgau Travel durch, sieht man das vielfältige Angebot. «In hundert Destinationen können unsere Kunden in fünfzig Schiffen rund zwanzig Flüsse befahren», zählt Hans Kaufmann auf. Ganz besonders stolz ist er auf Novitäten, die er und sein Team anbieten können. Neue Wasserwege zu entdecken und auszubauen, ist eine seiner Spezialitäten. So konnte dank Kaufmann erstmals ein westliches Flusskreuzfahrtschiff Kaliningrad in der gleichnamigen russischen Exklave an der Ostsee ansteuern. «Es gab ein langwieriges Macht gerangel der Moskauer Ministerien.» Auch habe er viele Flussdestinationen als Erster entwickelt: «Elbe–Weser, Moskau–St. Petersburg, Dnjepr in der Ukraine oder Jenissei in Sibirien», zählt er nur einige Erfolge auf. Ist ein Ziel abgeschlossen, folgen die nächsten Visionen. Somit wird er seinem Ruf als Pionier der Flussfahrten nur gerecht.

www.thurgautravel.ch


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