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Pilotuhren: Die Zeitmesser der Lüfte

Präzise und gut ablesbare Uhren begleiten die Fliegerei bis heute. (Pilatus Aircraft)
Seit 1903 ist die Zeitmessung untrennbar mit der Fliegerei verbunden und trotz Bordelektronik – der wichtigste Faktor geblieben. Ein Blick in die Geschichte der Pilotuhren.
03. März 2015, 17:02
Timm Delfs
Vom ersten motorisierten Flug ist die exakte Zeitdauer, 12 Sekunden, genauso überliefert wie die in dieser Zeit zurückgelegte Strecke von 37 Metern. Seit dem denkwürdigen Flug, den Orwille Wright mit dem mithilfe seines Bruders Wilbour gebauten Flugzeug 1903 an einem Strand an der Ostküste der USA durchführte, ist die Zeitmessung untrennbar mit der Fliegerei verbunden.

Solange man sich am Boden befindet, ist es relativ einfach, sich zu orientieren und zu berechnen, wie weit man mit einer gegebenen Menge Treibstoff und einer bekannten Geschwindigkeit kommen wird. Doch, sobald der Boden verlassen ist, verschwinden die meisten Anhaltspunkte, mit Ausnahme der Zeit als konstantem Wert. Ist der Boden nicht mehr sichtbar, wird Geschwindigkeit relativ. Denn die Luft, die ein Flugzeug umfliesst, ist selbst ständig in Bewegung. Sie kann sich in Flugrichtung bewegen, entgegen dieser oder seitlich dazu. Die einzige zuverlässige Information eines frühen Piloten war die Uhrzeit und die Drehzahl seines Motors. Wenn er wusste, wie lange seine Maschine mit einer bestimmten Menge Benzin lief, konnte er kalkulieren, wie lange er sie in der Luft halten konnte. Wie weit er in dieser Zeit kommen würde hingegen, konnte er wegen der Luftströmungen nur schätzen.

Die ersten zwanzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gehörten den Pionieren und Abenteurern, die die Luft auf eigene Faust mit Ballons, Luftschiffen und Flugzeugen zu erobern begannen. In den meisten Fällen waren Konstrukteur und Pilot ein und dieselbe Person. Als der exzentrische brasilianische Millionär Alberto Santos Dumont 1898 seine Versuchsflüge mit Ballons und Luftschiffen in Paris begann, merkte er schnell, dass er seine Taschenuhr schlecht hervorkramen konnte, während er beide Hände zum Steuern brauchte. 1904 fragte er deshalb einen guten Freund, den Juwelier Louis Cartier, ihm eine Armbanduhr für seine Flüge zu entwerfen. Das resultierende Modell «Santos» kann man somit als erste veritable Pilotenuhr ansehen. Sie erfüllte bereits das wichtige Kriterium der exzellenten Ablesbarkeit, auch bei schlechten Lichtverhältnissen. Bereits vier Jahre später überquerte ein französischer Pionier den Ärmelkanal von Calais nach Dover in seinem selbstgebauten Flugzeug: Louis Blériot. An seinem Handgelenk eine grosse Uhr von Zenith, Vorbild für das im Jahr 2012 lancierte Modell «Montre d'Aéronef Type 20».

Harte Testbedingungen
Vor Cartiers bahnbrechendem Modell waren Armbanduhren als Gadget für Frauen verschrien gewesen. Die Fliegerei und der Erste Weltkrieg räumten mit diesem Vorurteil auf und fegten die Taschenuhr im Nu vom Markt. Fliegen bedeutete harte Testbedingungen für die noch jungen Armbanduhren. Sie mussten vor Vibrationen, Temperaturschwankungen, Feuchtigkeit und sogar Magnetismus geschützt sein. Die Magnete und Spulen der meist vor dem Cockpit angeordneten Motoren erzeugten magnetische Felder, die die Hemmung der Uhren aus dem Takt bringen und damit deren Genauigkeit beeinflussen konnten. Ein Innengehäuse und Zifferblatt aus Weicheisen schirmte das Werk von diesen Einflüssen ab und zeichnet noch heute viele Fliegeruhren von IWC aus. Es hat nichts von seiner Nützlichkeit eingebüsst, da uns Magnetismus wegen der allgegenwärtigen Elektronik heute beinahe überall umgibt.

Faktor Zeit immer wichtiger
Mit zunehmenden Flugdistanzen gewann der Faktor Zeit erneut an Wichtigkeit. Nicht mehr nur, um auszurechnen, wie weit ein voller Tank reicht, sondern auch, um die eigene Position über dem Boden zu bestimmen. Der britische Uhrmacher John Harrison hatte im 18. Jahrhundert bewiesen, dass es möglich war, mit einer Präzisionsuhr an Bord und mithilfe von Sonne und Gestirnen seine Position auf dem offenen Meer zu bestimmen. Charles Lindbergh nutzte diese Methode 1927 während seines Rekord-Solof lugs über den Atlantik von New York nach Paris. Nach seiner Ankunft setzte er sich mit den Ingenieuren von Longines und dem Navigator Philip van Horn Weems zusammen, um eine Uhr zu entwickeln, die diese Berechnungen vereinfachen sollte. Die resultierende Stundenwinkel-Uhr wird bis heute produziert. Skalen und Rechenschieber fanden in der Folge ihren Weg auf die Zifferblätter. Der Journalist und Schriftsteller Tom Wolfe beschrieb sie in seinem Bestseller «The Right Stuff» als Insignien der Kampfpiloten der sechziger Jahre. Besonders beeindruckt hat ihn sicher das Modell «Navitimer» von Breitling, das eine Miniaturausgabe des «Jeppesen Flight Computer» auf der drehbaren Lünette trägt, mit dem der Pilot Spritverbrauch und dergleichen ohne Elektronik ausrechnen kann.

Faszination Aeronautik
Pilotenuhren haben bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüsst. Zumal das Fliegen ein Bubentraum ist, fühlen sich vorwiegend Männer durch diese Symbole der Aeronautik angezogen, auch wenn sie noch nie in einem Cockpit gesessen sind. Die Uhrenhersteller sind sich dessen wohl bewusst, weshalb eine breite Palette an Fliegeruhren angeboten wird, die meist von historischen Modellen inspiriert sind. Es mutet beinahe ironisch an, dass ausgerechnet die Uhr, die am weitesten von der Erde wegflog, um im Jahr 1969 auf dem Mond zu landen, gar keine Fliegeruhr war. Die Omega Speedmaster war ursprünglich für den Automobilrennsport entworfen worden, wie die Tachymeterskala auf ihrer Lünette bis heute belegt.

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