Teilen statt kaufen

Immer mehr Leute teilen oder leihen sich unter bestimmten Bedingungen etwas – Autos, Kleider, Wohnungen, Arbeitsplatz. Nutzen statt besitzen, lautet das Credo. Daraus hat sich mittlerweile ein eigener Wirtschaftsbereich entwickelt.
27. Mai 2017, 06:00
Andreas Lorenz-Meyer

Der St. Galler Verein Ostsinn betreibt das Coworking-Projekt «Frei Raum». Hier können Personen, Start-ups und Vereine, die etwas im Bereich Nachhaltigkeit planen, denen aber das Geld für Büros fehlt, insgesamt 15 Arbeitsplätze am Marktplatz gratis nutzen. Sie «zahlen» dafür nur einen immateriellen Beitrag, zum Beispiel mit anderen geteiltes Wissen. Ums Teilen geht es auch beim Projekt «Benewohnen». In diesem Fall gibt es Zeit im Tausch gegen Wohnraum. Wer sich die teure Miete sparen will, kommt gratis in einem St. Galler Haushalt unter und muss dafür ein bestimmtes Quantum an Aufgaben im Haushalt erledigen. Dem Gastgeber beim Einrichten des Computers helfen oder den Kindern bei den Hausaufgaben. 
Zwei lokale Initiativen, die dem gleichen Prinzip folgen: Man teilt oder leiht etwas unter bestimmten Bedingungen. Sharing nennt sich das. Autos, Kleider, Wohnungen – alles Mögliche wird mittlerweile vom Alleinbesitz entkoppelt. Daraus bildet sich schon ein eigener Wirtschaftsbereich, die Sharing Economy. «Das Neue an Sharing besteht darin, dass Ressourcen auf dem Markt geteilt werden und nicht mehr nur im privaten Umfeld», erklärt Johanna Franziska Gollnhofer vom Institut für Costumer Insight an der Universität St. Gallen.

Selbstlosigkeit oder Businessmodell?

Klassisches Beispiel für die Sharing Economy: eine Firma, die eine Dienstleistung anbietet, für die Kunden zahlen. Es gebe aber auch viele Ansätze zwischen Konsumenten, das Peer-to-Peer Sharing. Das läuft zum Teil ohne Bezahlung ab. Entsprechend versteht Gollnhofer unter Sharing Economy nicht nur ein neues Businessmodell. Sie sieht einen breiteren Ansatz, welcher die nicht-monetären Ansätze miteinschliesst. Ein Beispiel: die «Rest Ess Bar», ein öffentlicher Kühlschrank mit Lebensmitteln, die Supermärkte kostenlos abgegeben haben. Der Kühlschrank steht an einem öffentlichen Ort, jeder kann sich dort jederzeit bedienen. Das Konzept stammt von einem Winterthurer Non-Profit-Verein. Mittlerweile gibt es auch Standorte in der Dürrenmatt-strasse in St. Gallen, in Frauenfeld und in Kreuzlingen («VerwertBar»). Ein Drittel der Lebensmittel wird in der Schweiz laut Verein weggeworfen, rund 2 Millionen Tonnen pro Jahr. 7,5 Millionen Kilogramm hatte man im Februar bereits «gerettet». Beim Peer-to-Peer Sharing finde man eher solche Ansätze, die wirklich die Idee des Ressourcensparens, der Suffizienz verfolgen, erklärt Gollnhofer. Sharing impliziere ja allein durch das Wort etwas Altruistisches. Man teilt mit anderen, um übergeordnete Ziele zu erreichen: Nachhaltigkeit, weniger Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung, soziale Bedürfnisse. Viele Konsumenten würden sich so etwas wünschen. Sie empfänden Sharing als «sexy, hip oder smart».
Um Selbstlosigkeit geht es aber nicht immer. Viele Sharing-Modelle sind einfach innovative Geschäftsmodelle. Ein Unternehmen verändert ein paar Parameter im Businessmodel – und schon ist es Teil der Sharing-Wirtschaft. Ein Beispiel dafür: Carsharing. Natürlich trägt es dazu bei, die Umweltbelastung und Ressourcenverschwendung zu verringern. «Jedoch nicht als primäres Ziel», erklärt Gollnhofer. Das ist nach wie vor der Profit. Dass Sharing durchaus das Image aufpolieren kann, sei dabei nicht unbedingt negativ. Ein gut funktionierendes Sharing-Modell bringt Vorteile für Unternehmen, Konsumenten und Umwelt. Gollnhofer sieht mehrere Gründe dafür, dass die Sharing Economy in der Schweiz insgesamt auf dem Vormarsch ist. Unter anderem ermöglicht die Digitalisierung flexiblere Businessmodelle und schnelles Sharing. Man sieht über eine App sofort, wo gerade ein Carsharing-Auto frei ist. Zudem leben wir in einer Welt mit beschränkten Ressourcen, was ein Umdenken erfordert. Wie sich Sharing weiterentwickelt? «Im Moment ist es noch eine freiwillige Sache», antwortet Gollnhofer. Sie kann sich aber gut vorstellen, dass Sharing früher oder später zur Notwendigkeit wird und es dann auch regulatorische Restriktionen gibt. 


Share City St. Gallen

St. Gallen soll zur Modellstadt in Sachen Teilen werden. Zusammen mit der Hochschule Luzern erarbeitet das Amt für Umwelt und Energie derzeit Ansatzpunkte für eine künftige Sharing-Strategie. Im Rahmen des Forschungsprojekts Share City wurden dafür Stadtverwaltung, Sharing-Initiativen, Quartiervereine, Wirtschaftsverbände interviewt, man führte eine schweizweite Umfrage durch. Karin Hungerbühler vom Amt für Umwelt und Energie sieht im Sharing ein Modell mit Zukunft. Die Energieeffizienz habe als Ansatz für eine nachhaltige Stadtentwicklung ihre Grenzen. Es brauche ergänzend auch Suffizienz, also weniger Ressourceneinsatz. «Sharing leistet dazu einen Beitrag. Mit andern etwas zu teilen, macht zudem Spass, eröffnet neue Möglichkeiten und es entstehen soziale Kontakte.» 
Dominik Georgi vom Institut für Kommunikation und Marketing an der Hochschule Luzern – Wirtschaft leitet das Projekt. «Sharing kann zu den ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen einer Stadt beitragen», erklärt er. «Es zeigt dann Wirkung, wenn sich möglichst viele Einwohner daran beteiligen. Dafür muss es möglichst viel Nutzen bringen.» Die schweizweite Befragung im Rahmen des Projekts ergab, dass Sharing für die breite Masse kein Selbstzweck ist. Funktionale, soziale oder finanzielle, vor allem aber emotionale Motive spielen eine Rolle. Der Faktor Emotion hat den grössten Einfluss auf die Beteiligung. Sharing muss also irgendwie cool sein. 
Die Umfrage zeigt auch, dass es auf Vertrauen ankommt. An wen gebe ich die Bohrmaschine? Bekomme ich sie auch wieder? Die Leute wollen wissen, worauf sie sich einlassen. «Hier können Städte der Vertrauensanker sein», meint Georgi. Sie sollten Sharing aber keinesfalls von oben herab diktieren, sondern lediglich Sprungbrett für bestehende Plattformen sein, diese finanzieren oder ihnen bei der Vernetzung untereinander helfen. So kommen Initiativen schneller aus der Nische, in der sie sich derzeit noch befinden. Dieser Bottom-up-Ansatz sei zentraler Erfolgsfaktor der Sharing-Strategie. Städte müssen sich zudem fragen, wie sie mit internationalen Plattformen umgehen, etwa dem Wohnungsvermittler Airbnb, der den lokalen Wohnungsmarkt beeinflusst. Zu einer kompletten Sharing-Strategie gehört es auch, die Kooperation mit solchen Plattformen zu gestalten.

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