Klimakonferenz im Klassenzimmer

Im Umweltunterricht der Stiftung Pusch lernen Kinder und Jugendliche spielerisch und nahe an ihrem Alltag, wie sie einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Das Interesse der Schülerinnen und Schüler ist gross.
27. Mai 2017, 06:00
Tobias Söldi

Das Lieblingstier von König Ölfred, der Eisbär, ist gefährdet. Dem weissen Riesen schmelzen die Eisschollen unter den Tatzen weg. Hilfe erhofft sich der verschwenderische König von jungen Forscherinnen und Forschern – aus Schweizer Primarschulhäusern. Im Rahmen des Umweltunterrichts «Energie und Klima» der Stiftung Pusch helfen Drittklässler dem fiktiven König in drei Lektionen, umweltfreundliche Energiequellen zu finden und Energiespartipps zu geben, um den bedrohten Lebensraum des Tiers zu retten.

Spielerisch werden die Kinder an die komplexe Thematik Klimawandel herangeführt. «Wir versuchen, die Kinder emotional anzusprechen, indem wir ihnen das Schicksal eines vom Klimawandel betroffenen Tieres oder Menschen nahebringen», sagt die Toggenburgerin Seraina Kobelt, Umweltlehrperson bei Pusch. Während es bei den Drittklässlern ein knuffiger Eisbär ist, der die Folgen des Klimawandels zeigen soll, ist es bei den Sechstklässlern – schon weniger märchenhaft – ein Kind, das seine Insel verlassen muss, weil der Meeresspiegel steigt. «Wenn die Schüler realisieren, wie ihr tägliches Verhalten mit diesen Schicksalen verbunden ist, ist die Betroffenheit gross», sagt Kobelt.

Umweltrelevantes Handeln bewirken

Angeboten wird der Umweltunterricht von der Stiftung Pusch. Die im Jahr 2000 gegründete Stiftung hat sich zum Ziel gemacht, die Umweltkompetenz junger Menschen ab dem Kindergarten zu fördern: mit Schulbesuchen, Ideen und Material für den Unterricht, interaktiven Ausstellungen für Themenwochen und Projekttage oder mit Weiterbildungen für Lehrpersonen. Für den Umweltunterricht «Energie und Klima» ist der 38-jährige Andreas Brütsch zuständig. Der ausgebildete Sekundarlehrer hat als Bereichsleiter das Konzept des Unterrichts mitentwickelt, das vor einem Jahr erneuert wurde. Ins Zentrum gerückt ist seither die Handlungsorientierung. «Wir wollen mit dem Unterricht nicht nur für die Thematik sensibilisieren, sondern umweltrelevantes Handeln im Alltag bewirken – ein hehres Ziel», sagt er. Für Kobelt ist in dieser Hinsicht wichtig, dass die Kinder aus eigenem Antrieb einen Beitrag leisten möchten: «Am Ende des Unterrichts bitte ich die Kindern jeweils, sich zu überlegen, ob sie etwas tun wollen und wenn ja, welche Handlungen sie in ihrem Alltag umsetzen möchten.»

Viele wollen sich einsetzen

Ihre Schülerinnen und Schüler erlebt die 36-jährige Seraina Kobelt als äusserst interessiert: «Die Kinder kriegen vieles mit. Sie sind sich der Problematik bewusst und wissen, dass es einen Klimawandel gibt, dass das Eis schmilzt.» Das Bedürfnis, mehr über dieses Thema zu erfahren, sei gross, ganz besonders bei Schülern ab der fünften Klasse. Auch Andreas Brütsch, der neben seiner Arbeit bei Pusch zwischendurch selbst vor Schulklassen steht, hat mit dem «Energie und Klima»-Programm gute Erfahrungen gemacht. «Vor allem die Jüngeren sind sehr aktiv. In den Oberstufen-Klassen, die ich besucht habe, wollten viele eine Handlungsabsicht auf unserem Plakat abgeben», sagt er. Dies kann, je nach Altersstufe, in effizientem Lüften, zügigem Duschen, im Verzicht auf unnötiges heisses Wasser, bewusster Ernährung oder vermehrter Benutzung von Fahrrädern bestehen. «Wir setzen da an, wo die Kinder auch wirklich etwas tun und ­bewirken können», sagt Brütsch. Die Umweltrelevanz in den genannten Bereich sei deutlich höher als etwa beim konsequenten Lichterlöschen oder beim vollständigen Ausschalten von Geräten. Nach dem Schulbesuch der Pusch-Lehrkräfte sind die Klassenlehrpersonen gefordert, damit das Thema im Schulzimmer im Gespräch bleibt und die Kinder ihre Vorsätze nicht vergessen. «Durch das Plakat mit den Handlungsabsichten entsteht oft eine positive Gruppendynamik in der Klasse», sagt Brütsch.

Das Angebot wird rege genutzt: Insgesamt macht Pusch in der Schweiz etwa 3000 Schul­besuche pro Jahr, davon etwa 400 zum Thema «Energie und Klima». Der Unterricht ist für die Schulen kostenlos. Finanziert wird er durch regionale Partner: Gemeinde oder Städte, Abfallzweckverbände, Energieversorger, Wasserwerke. Für das «Energie und Klima»-Programm sind dreizehn Umweltlehrpersonen mit einem kleinen Pensum bei Pusch angestellt. Sie durchlaufen ein Ausbildungsprogramm bei Pusch und vertiefen sich in regelmässigen Weiterbildungen in die Thematik. Zudem werden sie von Pusch-Mitarbeitenden im Unterricht besucht. «Wir begleiten die Lehrpersonen eng, damit wir garantieren können, dass unsere Grundsätze auch gelebt werden», sagt Brütsch, der auch die Lehrpersonen des Programms betreut. «Besonders am Herzen liegt uns ein handlungsorientierter Unterricht, welcher das vernetzte Denken der Schülerinnen und Schüler fördert.»

Der Einsatz zahlt sich aus

Häufig sind es umweltaffine Lehrerinnen und Lehrer, die als Pusch-Umweltlehrperson tätig sind. Aber auch pädagogisch erfahrene Umweltfachleute sind für Pusch in den Schulen tätig. Seraina ­Kobelt etwa ist freischaffende Schauspielerin. Seit drei Jahren unterrichtet sie für Pusch das Thema «Abfall und Konsum», seit einem Jahr «Energie und Klima». Durchschnittlich macht sie etwa zwei Schulbesuche pro Woche, viele in St. Gallen, aber auch im Toggenburg. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen lag ihr schon immer nahe: «Ich habe eine theaterpädagogische Weiterbildung gemacht und als Klassenassistenz gearbeitet. Dadurch habe ich in didaktischer Hinsicht viel gelernt.» Der Einsatz zahlt sich aus, der Umweltunterricht zeigt Wirkung. Die Kinder werden sich bewusst, welchen Einfluss ihr Tun auf die Welt hat. Davon zeugen Sätze wie «Das ist ja auch unsere Erde», wie sie Kobelt von ihren Schülerinnen und Schülern schon gehört hat. Und so ist ein Anfang zur Rettung des Eisbären gemacht – nicht nur in der Fiktion, sondern auch in der Realität.Welche Folgen hat das falsche Entsorgen von PET-Flaschen für die Umwelt?
 

Umweltbildung in der Stadt St.Gallen

St.Gallen arbeitet seit mehreren Jahren mit der Stiftung Pusch zusammen. Die Stadt finanziert ein Kontingent an Lektionen zu den Themen «Abfall und Konsum» sowie «Energie und Klima», die von städtischen Schulen kostenlos in Anspruch genommen werden können. Auch in weiteren Gemeinden der Ostschweiz sind die beiden Unterrichtseinheiten für Schulen vergünstigt oder kostenlos erhältlich. Daneben bietet die Stadt St. Gallen für ihre Schulen auch Besichtigungen von Deponien, Kehrichtheizkraftwerken und Abwasserreinigungsanlagen, einen Klimahörpfad, Sommerpläusche oder ein Filmfestival. «Wir hoffen, dass die Lehrpersonen den Umweltunterricht von Pusch mit einem Zusatzangebot der Stadt ergänzen und so dem schulischen einen praktischen Teil folgen lassen», sagt Maja Bretscher vom Amt für Umwelt und Energie. Die Sensibilisierung für Umweltthemen bei Kindern und Jugendlichen ist dem Amt ein wichtiges Anliegen. (tos)

 

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