«Einige wenige haben das Sagen»

Professor Norbert Bolz zählt zur Garde der soziologischen Vordenker in Europa. Der Kommunikationswissenschafter der TU Berlin zur Schwierigkeit, faktisch richtige Entscheidungen zu treffen in digitalen Zeiten.
27. Mai 2017, 06:00
Bruno Knellwolf

Norbert Bolz, in der Schweiz stimmen wir über die Energie-Strategie des Landes ab. AKW-Ausstieg, Förderung erneuerbarer Energien, Stromlücke usw. Macht es überhaupt Sinn, für die Lösung technischer Fragen die Demokratie zu bemühen?
Das ist alternativlos, weil die ­Alternative eine Expertokratie wäre. Das aber lassen sich die Bürger nicht mehr bieten. Sicher gibt es viele Fragen, die so komplex sind, dass eigentlich nur Fachleute diese sinnvoll beantworten können. Aber je wichtiger eine Frage ist, desto sicherer werden die Bürger darauf bestehen, dass sie selber entscheiden können. Das ist die Krux der Politik. Sie kann nicht immer die optimale Lösung anstreben, sondern nur was demokratisch legitimiert ist.

Man will vielleicht keine Expertokratie, aber trotzdem keine Fehlentscheide aufgrund des mangelnden ­Wissens der Laien.
Ich glaube nicht, dass man in diesem Zusammenhang mit dem Begriff des Mangels arbeiten kann. Wir werden ja täglich überflutet von Informationen. Aber auch bei den grossen Themen muss man im Auge behalten, dass Gefühle stärker sind als Argumente. Das ist allerdings nicht nur auf der Ebene des gemeinen Volkes so, sondern auch bei den Entscheidern, den Politikern. 

Zum Beispiel?
Wenn Sie nur mal die grosse Entscheidung von Angela Merkel nehmen, nach Fukushima aus der Atomenergie auszusteigen. Da kann man ja nun wirklich nicht sagen, diese Entscheidung sei aus der Information geboren. Das war eine gigantische pathetische Gefühlsreaktion. 

Die Politiker unterliegen also dem gleichen Problem wie der Stimmbürger. Auch sie müssen entscheiden, ohne alles zu verstehen?
Das ist sogar der Normalfall. Sie müssen am Fliessband entscheiden. Nur schon das bedeutet, dass sie eigentlich in der Regel inkompetent sind. Entweder sie verlassen sich auf Gutachten, die sie aber ihrerseits gar nicht beurteilen können. Oder sie urteilen aus dem Bauch heraus. Oft ist das dann populistisch orientiert, man schaut einfach wie die Stimmung im Land ist. Der Anteil, den wissenschaftliche Rationalität an politischen Entscheidungen hat, ist sehr gering.

Wäre es nicht die ureigene Aufgabe des Politikers, sich so zu informieren, dass seine Entscheidung einen faktischen Hintergrund hat?
Eigentlich ja. Aber es gibt eben in der Politik Dinge, die noch wichtiger sind als Richtigkeit. Das ist Machbarkeit und Durchsetzbarkeit. Die Leute wollen mitreden und der Partizipationsgedanke ist der stärkste der neueren Gedanken. Dieser ist durch die neuen Medien enorm verstärkt.  

Mit welchen Folgen?
Die technischen Experten werden in ihrer Bedeutsamkeit immer mehr entwertet. Das können sie an Formaten wie Wikipedia sehr gut ablesen. Jedes Wiki steht für eine Entmächtigung klassischer Experten. Die Laien organisieren sich, um eine Konkurrenz zum Urteil der Fachleute zu entwickeln. Ein Phänomen, das immer weiter um sich greift.

Das birgt Gefahren. Demokratische Unwahrheiten werden als wahr betrachtet, weil sie im Internet stehen.
Ganz genau. Demokratische Unwahrheiten, das halte ich für ­einen sehr schönen, ironischen, paradoxen Ausdruck, der zutrifft. Mehrheit schlägt Wahrheit. So bitter das auch klingt. Wir müssen lernen, mit Defekten umzugehen. Politiker und Wissenschafter haben aber Zugriff zu den Massenmedien, sie haben Steuerungselemente. Sie sind nicht völlig dem Urteil der Masse ausgesetzt. Diese Möglichkeiten werden auch genutzt. In Deutschland betreiben die Politiker gar eine aggressive Meinungspolitik. 

Was hilft?
Es gibt den gesunden Menschenverstand, den ich sehr ernst nehme. Und der ist bei Wissenschaftern nicht per se grösser als bei normalen Menschen. Grosse Fragen wie die Atomkraft, Flüchtlinge, sind auch eine des gesunden Menschenverstandes. Vielleicht sollte man die Menschen ermutigen, diesen auch anzuwenden und sich nicht von Propaganda leiten zu lassen.

Kann man sagen, umso mehr Daten digital auf uns prasseln, desto schwieriger können wir uns entscheiden?
Richtig. Das ist ein Hauptproblem unserer Zeit – Information-Overload. Was ist wichtig? Die Frage wird unterschiedlich beantwortet, weil eben die alten Autoritäten an Autorität verloren haben. An die Stelle dessen tritt die Community und die Peer Group, zu der man sich selber rechnet. Und deren Meinung man in wesentlichen Teilen übernimmt. Der Internet-Effekt ist nicht nur Information-Overload, sondern auch, dass sich viele Meinungsgruppen mit ihren eigenen Echo-Kammern bilden. Man hört nur noch auf die Informationen, welche die eigene Meinung bestätigen.

Das ist bedenklich in Bezug auf langfristige Fragen wie zum Beispiel jene der Energiestrategie.
Das betrifft alle grossen Projekte. In Deutschland gab es den Fall Stuttgart 21. Da wurde deutlich, dass es heute fast nicht mehr möglich ist, ein Grossprojekt an den Tausenden von Interessengruppen vorbeizubringen. Das ist ein Problem, das sich in Zukunft noch viel stärker stellen wird.  

Wie ist denn die digitale Jugend noch zu sensibilisieren für solch grosse Fragen?
Eine Sensibilisierung müsste ­tatsächlich stattfinden. Ich sehe nicht, dass das irgendwo geleistet wird. Viele haben gar kein Interesse daran. Damit sie weiterhin ihre ideologische Politik durchdrücken können. Eine zweite Aufklärungswelle wäre dringend geboten. Die erste Aufklärung hat einen Konsens über das, was vernünftig ist, vorausgesetzt. Das fehlt nun überall. Das müsste über Bildung und akademischen Diskurs laufen.

Gegenüber der Digitalisierung gäbe es durchaus kritische Einwände. 
«Digitalisierung ist unser Schicksal», könnte Napoleon gesagt haben. Ich kenne keine ernsthafte Stimme, die das hinterfragt, ausser ein paar Nostalgikern. Die Frage Digitalisierung stellt sich nicht. In der Tat gibt es aber sehr viele Differenzierungsmöglichkeiten. Vor allem die Monopolstellung vieler Unternehmen, die als «Kriegsgewinner» fast alles abschöpfen, was es an Gewinn gibt, und fast keine Konkurrenz zulassen. Das ist eines der Hauptprobleme der Internet-Kultur, das sie nicht Gleichverteilung von Chancen ermöglicht. So haben einige wenige das Sagen.

Müsste da nicht jemand Gegenwind erzeugen?
Das geschieht ja auch. Schon seit zehn Jahren wird an Google herumkritisiert. Doch man muss auch sehen, wie gross die Abhängigkeit von derartigen Netzwerken und Systemen längst ist und wie wenig ansprechbar die Menschen, und vor allem die Jugend, auf solche Themen sind. Es gibt eine Widerstandsbewegung, die ist aber im Vergleich zu den Fans  der digitalen Welt sehr gering. 

Der einzelne Mensch hat meist keine Ahnung, was er mit einem Klick auslöst. Seien es zum Beispiel die Energieströme, die er damit auslöst.
Man macht sich keine Gedanken darüber, was seine eigene Bewegung im Internet für Konsequenzen hat. Wenn man das verbessern wollte, müssten sie aus der Medienwissenschaft ein Schulfach machen, was gar nicht so dumm wäre. Aber es gibt mittlerweile so viele Dinge, die man in der Schule lehren müsste. Ökonomie oder Jura zum Beispiel. Aber man darf die Kinder nicht völlig überfluten.

Wie kommt denn heute das wirklich Neue in die Welt?
Das Analoge geht nicht unter. Es gibt Dinge, die nicht digitalisierbar sind. Und zwar genau das Wichtigste und Kostbarste. Nichts ist revolutionärer als beispielsweise eine durchschlagende Idee – und die holt man nie aus einem Computer heraus. Deshalb gilt es die Kultur der Kreativität zu pflegen. Da gibt es immer noch einen Vorsprung des Westens. Von dort kommen auch ­heute die Ideen.

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