Tagblatt Online
24. Juni 2017, 15:21 Uhr

Ein «Kombikraftwerk» nimmt Formen an

Der Bau des Rechenzentrum Ostschweiz (RZO) in Gais schreitet zügig voran. Bis Anfang 2018 sollen erste Server eingelagert werden. Bauherrin, Generalplaner und Architekt geben Auskunft über das gigantische Bauprojekt.

Seit sechs Monaten wird in der Gewerbezone Gais gebaggert, verlegt und errichtet. Das Rechenzentrum Ostschweiz (RZO), ein Projekt der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK), ist ein Bauwerk voller technischer Raffinesse. Ziel ist es, dass Anfang 2018 die ersten Unternehmen ihre Server dort ein-lagern können. Bis dahin bleibt noch viel zu tun. Welchen baulichen Herausforderungen sie sich zu stellen haben, verraten Christoph Baumgärtner, Leiter, 
Marco Bacchi, Architekt, und Ladislav Hes, Generalplaner des Grossprojekts.

Herr Baumgärtner, nach welchen Kriterien haben Sie die zuständigen Partner für Architektur und Generalplanung ausgesucht?
Baumgärtner: Die Firma Datasign ist in der ganzen Schweiz als ausgewiesener Spezialist für Rechenzentren bekannt. Beim RZO hat sie uns als Generalplanerin vom ersten Konzeptentwurf über die Grob- und Detailplanung bis zur Umsetzung unterstützt. Die selben Architektur-, Geologie- und Statiker-Spezialisten hatten zuvor in Chur bei einem Rechenzentrumsprojekt erfolgreich zusammengearbeitet. Somit wussten alle relevanten Planer genau, auf was es beim Bau eines Rechenzentrums ankommt. Für uns bedeutet diese Konstellation der Partner also Sicherheit und Tempo.

Herr Hes, das RZO ist eines von vielen Rechenzentrumsprojekten, das Sie in der Rolle des Generalplaners begleiten. Was ist an diesem Projekt besonders? 
Hes: Einerseits seine Grösse – die Gebäudefläche beträgt 3430 Quadratmeter, die Länge 35 Meter, die Raumhöhe 4,5 Meter und insgesamt werden 3670 Kubikmeter Beton verbaut. Andererseits kommt höchst innovative Technik im Bereich der Kühlung und der Stromversorgung zum Einsatz.

An welcher Stelle hilft Ihnen Ihre Erfahrung im Bau von Rechenzentren am meisten? 
Hes: Im Projektmanagement. Das effiziente Verschmelzen der einzelnen Fachgewerke mit der Vielzahl der Einzelakteure – allein im Planerteam wirken über 40 Spezialisten mit – verlangt sehr viele Kenntnisse der Fachbereiche. Und darauf können wir zurückgreifen.
 
Herr Bacchi, was war Ihr erster Gedanke, als die Domenig Architekten das RZO als Architekturprojekt übernommen haben? 
Bacchi: Wir haben uns gefreut. Das RZO ist aus technischer und aus architektonischer Sicht ein spannender, nicht alltäglicher Auftrag, den wir gerne realisieren.
 
Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Sie? 
Bacchi: Als herausfordernd kann man den Baugrund und den Grundwasserpegel bezeichnen. Wir bauen 5,5 Meter tief in den Boden, das Grundwasser reicht bis 28 Zentimeter unter die Erdoberfläche. Wir bauen sozusagen ein Schiff aus Beton, das fest im Boden sitzen muss. Dabei gilt es, die Auflagen des Amtes für Umwelt zu erfüllen und den straffen Terminplan einzuhalten.

Wie gehen Sie damit um? 
Bacchi: Wir sind ein gut eingespieltes Team, haben hervorragende Fachplaner und können auf eine gute Zusammenarbeit mit einer Bauherrschaft zählen, die aktiv und wirksam Entscheide fällt.

Herr Baumgärtner, sind Sie mit dem Status und dem Fortschritt des Projekts zufrieden?
Baumgärtner: Ja! Der überdurchschnittlich kalte Januar hat die Bauarbeiten zwar vier Wochen zurückgeworfen, doch seither arbeiten wir im Plan. Der Rohbau wird Ende Juli abgeschlossen sein. Derzeit wird im Untergeschoss am Technikausbau gearbeitet. Aktuell gehen wir davon aus, dass die ersten Kunden zu Beginn des nächsten Jahres ihre Server ins Rechenzentrum Ostschweiz auslagern werden.

Herr Hes, was lernen Sie durch das Projekt RZO neu dazu? 
Hes: Die Bautechnik ist herausfordernd wegen des Grundwassers und der aussergewöhnlichen Statik. Wir bauen ein unglaublich schweres Gebäude mit nur drei tragenden Wänden, da die vierte Wand mit zahlreichen Lüftungs-Aussparungen versehen ist. Hier lässt sich neues Fachwissen hinzugewinnen.
 
Herr Bacchi, wenn Sie das RZO mit dem Bau eines Einfamilienhauses vergleichen, was ist hier anders?
Bacchi: Das lässt sich so nicht vergleichen. Ein Rechenzentrum hat höhere technische Anforderungen als ein Einfamilienhaus. Beispielsweise muss ein Einfamilienhaus gut gedämmt sein, um die Wärme im Haus zu halten. Beim Rechenzentrum ist es umgekehrt. Hier muss man das Gebäude dämmen, damit die Wände im Innern nicht kondensieren, weil im Gebäudeinnern mehr Wärme produziert wird. Auch kann man ein Rechenzentrum als reinen Zweckbau bezeichnen, der die technischen Anforderungen auf dem angestrebten Niveau zu erfüllen hat.

Herr Hes, wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit dem Architekten und der Bauherrin? Auf was achten Sie besonders? 
Hes: Die Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft ist auf erfreulich harmonischem und professionellem Niveau. Aus unserer Sicht ist die tiefe Einbindung der Bauherrschaft insbesondere in technische Belange sehr wichtig. Schliesslich muss die Gesamtanlage später auch im Betrieb reibungslos zu bedienen sein.

Herr Bacchi, was macht Ihnen bei diesem Projekt besonders Freude? 
Bacchi: Es macht sehr viel Freude ein modernes Rechenzentrum zu bauen, das mit solch hohen Standards das erste seiner Art in der Schweiz sein wird. Auch die moderne Architektur, die mit der Umgebung in einen Dialog tritt, fasziniert mich.

Herr Baumgärtner, ein abschliessendes Wort, auf was sind Sie besonders stolz?
Baumgärtner: Stolz sind wir auf den kompromisslos ökologischen Lösungsansatz. Durch den hoch gelegenen Standort in Gais und dem Einsatz hocheffizienter Kreuzplattenwärmetauscher kann das RZO ganzjährig und ausschliesslich im sogenannten Free-Cooling-Verfahren gekühlt werden. Das bedeutet, dass keine mechanischen Kältemaschinen benötigt werden. Der Berg-Käserei Gais können wir in einem Wärmeverbund rund 1,5 Mio. kWh Abwärme für die Erhitzung von 10 Mio. Litern Milch liefern. Die gesamte Gebäudehülle wird mit Fotovoltaik-Paneelen ausgestattet und produziert so viel Strom wie ihn 50 Haushalte verbrauchen. Fast könnte man meinen, es handle sich bei dem Projekt um ein neues Kombikraftwerk. Doch das Rechenzentrum Ostschweiz ist und bleibt in erster Linie ein hochsicherer Datentresor mit der höchstmöglichen Verfügbarkeitsklassifizierung, genannt TIER IV. (pd/seg)

www.rechenzentrum-ostschweiz.ch

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