Kleine Unternehmen ganz gross

EXPERTENTEXT
⋅ Kleine und mittlere Unternehmen sind eine wichtige Stütze der Schweizer Wirtschaft. In den Portfolios gehen sie aber oft vergessen. Dabei würden Anlagen in sogenannte Small und Mid Caps oft hohe Renditen bei vergleichsweise tiefer Volatilität bieten.
29. April 2017, 06:00
Die Vielfalt der kleinen und mittelgrossen Unternehmen in der Schweiz ist ein wichtiger Treiber der Stabilität unserer Wirtschaft: Kriselt es in einer Branche, können Unternehmen in anderen Bereichen allfällige Schocks auffangen. Wie wichtig KMU für die Schweizer Wirtschaft sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Den 281 Grossunternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten stehen mehr als 560000 KMU gegenüber, welche rund zwei Drittel aller Arbeitskräfte beschäftigen.

Nicht nur die Rendite ist entscheidend
In den Portfolios gehen die kleineren Aktiengesellschaften hingegen oft vergessen. Der Swiss Performance Index (SPI) wird beispielsweise von den Grossen dominiert: Die grössten zehn Unternehmen machen rund 70 Prozent der Marktkapitalisierung aus. Damit gehen dem Anleger attraktive Opportunitäten verloren. Ein Performance-Vergleich über die letzten Jahre zeigt nämlich: Während sich eine Anlage in den Swiss Market Index vor 22 Jahren bis heute verfünffacht hätte, wäre eine Anlage in die 80 nächst kleineren Werte gut sechsmal so viel wert. Eine Investition in die verbleibenden noch kleineren Werte des SPI, die Small Caps, hätte sich sogar verzehnfacht.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn entscheidend ist, wie diese Rendite zustande gekommen ist. Wie gross war das Risiko, welches man eingegangen ist? Eine wichtige Kennzahl ist in diesem Zusammenhang die Sharpe Ratio, entwickelt durch den Ökonomen William F. Sharpe. Indem die jährliche Rendite durch das jährliche Risiko (Volatilität) geteilt wird, erhält man eine risikobereinigte Performancekennzahl. Je grösser die Sharpe Ratio, umso mehr macht eine Investition Sinn. Seit 1995 haben Investitionen in die Small und Mid Caps besonders gut abgeschnitten: Während die Sharpe Ratio für den SPI nur bei 0,5 liegt, beträgt sie für Mid Caps 0,74 und für die Small Caps sogar 1,46. Das zeigt, dass nicht nur die Rendite grösser ist, sondern auch die Volatilität bedeutend kleiner. Diese Outperformance hat mehrere Gründe. Oft sind Schweizer KMU globale Nischenplayer, die in ihren spezialisierten Branchen sehr hochwertige, margenstarke Produkte herstellen. Gerade weil die Schweiz rohstoffarm ist, sind Unternehmen zur ständigen Innovation gezwungen, um überleben zu können. Mit diesen «Hightechprodukten» können sich Schweizer KMU gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen und gute Gewinne erzielen, was sich in höheren Aktienkursen zeigt. Hinzu kommt, dass KMU oft Familienunternehmen sind, die über Generationen hinweg investiert sind. Es geht den Geschäftsführern um Langfristigkeit; das resultiert lang­fristig in einer besseren Performance.

Als Anleger profitiert man auch von Wachstumsprämien. Während grosse Unternehmen mit der Zeit an ihre Wachstumsgrenzen stossen, haben kleinere Firmen den Vorteil, neue Märkte penetrieren zu können, was zu grossen Wachstumsraten führt. Ist ein KMU erfolgreich, kann es auch mit einer Übernahme durch grössere Firmen rechnen, wie dies zuletzt mit der Übernahme der Looser Holding durch die Arbonia Forster aus Arbon geschehen ist. Weil der Käufer in der Regel eine Übernahmeprämie bezahlen muss, kann auch der Aktienbesitzer von Übernahmen profitieren.

Ein Blick vor die Haustüre
Eine Investition in Small und Mid Caps kann zur Diversifikation des Portfolios beitragen. Das ist insbesondere im aktuellen Tiefzinsumfeld wichtig. Zwar hat die US-Notenbank Mitte März den Leitzins erhöht, doch es bleibt fraglich, wie die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank reagieren. Es ist – gerade mit Blick auf die Schuldenlast vieler Europäischer Staaten – zweifelhaft, dass die EZB das Zinsniveau innert nützlicher Frist normalisieren wird. Damit dürfte auch der Schweizer Franken stark bleiben. In solchen Zeiten sollte man sich daran erinnern, was der Kerngedanke einer Aktie ist: Durch eine Investition in eine Aktiengesellschaft wird man Miteigentümer des Unternehmens. Dabei sollten die vielfältigen Möglichkeiten im Bereich der KMU vor unserer Haustüre nicht vergessen gehen.
 

Person

Edy Tanner ist seit acht Jahren Kundenberater bei der Notenstein La Roche Privatbank und seit Anfang Jahr Leiter der Region Ostschweiz. Zusammen mit seinem Team von 35 Kundenberatern und Assistenten betreut der 34-jährige Ostschweizer Kundinnen und Kunden am Hauptsitz von Notenstein La Roche in St. Gallen.  (pd)  


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