Zum Designerliebling gemausert

Für die einen bedeuten sie immer noch Freiheit und Unabhängigkeit, für die anderen sind sie eine Uniform – und wieder andere finden sie einfach praktisch. Für alle aber gilt: ohne sie, die guten alten Jeans, geht es einfach nicht.
01. September 2017, 10:10
GABRIELLE BOLLER
 Vielleicht hängt im indigoblauen Stoff tatsächlich noch ein bisschen vom verwegenen Ruch der frühen Tage, von der Goldgräberstimmung bis zum «Summer of Love», denn auch abseits vom Alltag, auf den ruhmreichen Catwalks internationaler Designer, bilden Jeans seit einigen Saisons wieder oft das heimliche Sahnestück, ohne das fast keine Kollektion auskommt. Schon im Sommer war Denim ein grosses Thema. Ein Ende der Begeisterung ist nicht abzusehen. Schliesslich standen dieses Jahr ja auch einige Jubiläen an, das 70-jährige der Pioniermarke Wrangler etwa oder gar das 144-jährige der ikonischen Levi’s 501, die mit eigenen Revival-Kollektionen gefeiert wurden.

Dank Hollywood in die Welt hinausgetragen

Angefangen hatte alles in den 1950ern, als die Jeans, getragen von James Dean, Marilyn Monroe oder Marlon Brando, von Hollywood entdeckt und zum Synonym für Nonkonformismus und Freiheit wurde. So etablierte sich die Jeans, der das Rebellentum buchstäblich ins derbe blaue Gewebe hineingewaschen war, auch als Lieblingsbekleidungsstück der Hippies, die im «Summer of Love» 1967 von der Westküste der USA aus ein neues Lebensgefühl in die Welt trugen. «If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair», sang Scott McKenzie, und der Bruch mit Konventionen vollzog sich nicht nur im Bewusstsein der jungen Generation, sondern auch optisch. Die Haare trug man lang, die Jeansröhre wurden zur weiten Bell-Bottom, gerne auch mit eingesetztem Spickel unterhalb des Knies. Psychedelische Farben, Blümchenapplikationen und ­Peace-Buttons lockerten das Blau auf, das inzwischen gerne hell ausgewaschen daherkam, dazu trug man Accessoires wie Ballonmütze und Schlapphut in Denim, Jupes, Hotpants, Latzhosen, Hemden und Jacken sowieso – umfassender und verspielter als in den 1970ern zeigte sich der Jeanstrend nie. 

Jeans für Rapper, Raver und It-Girls

Mit den Schlaghosen war es dann für eine Weile vorbei, in den 1980ern eroberte die Karottenform – unten eng und oben weit – die Jeans. Glücklicherweise blieb da ein ernsthaftes Revival bislang aus, abgesehen von der Mom-­Jeans, getragen mit vorne in den Bund gestecktem T-Shirt. Mehr Erfolg war der Baggy-Jeans beschieden. Seit die weit unter dem Gesäss hängende Hose in den 1990ern durch die Hip-Hopper populär wurde, konnte sie sich in gemässigter Form irgendwie immer ein bisschen halten. Auch die Schlaghose kam in den Neunzigern unter der Bezeichnung Bootcut in milderer Form zurück.Getragen wurden sie erst von den Ravern der Technoszene, dann, unbedingt bauchfrei und auf der Hüfte, von allen It-Girls – bis im neuen Jahrtausend die Skinny-­Jeans ihren Siegeszug antreten konnten. Viel enger ging es dann schliesslich irgendwann einmal nicht mehr. Jeans wurden zu den von der Sportbekleidung inspirierten Jeggings – und ab 2014 schlug das Pendel auch langsam wieder zurück: Mit dem Comeback der Mode der 1980er- und 1990er-Jahre weiteten sich die Beine der Jeanshosen wieder zur Glockenform, und bequeme Marlene- und Boyfriend-Jeans gesellten sich zu den Flares. Mit dekorativen Waschungen, Bling-Bling-Besatz, Stickereien und Fransen wurde aus der schlichten Denim-Hose schliesslich ein Statement-Stück.

Jeans-Overall und -Hemd erobern den Kleiderschrank

Auch in der Herbst/Winter-Saison 2017/18 bleiben Jeans die Lieblinge der Designer. Selbst Maria Grazia Chiuri, neu bei Christian Dior, zeigt wunderbar nonchalante Jeansoutfits in dunklem Denim, kombiniert elegante Overalls mit trendigem 7/8-Bein zu grazilen High Heels oder tiefsitzende Jeans zu streng geknöpften Denim-Hemden. Inspiriert ist die Mode immer noch von Stilelementen der 80er- und 90er-Jahre. Das bedeutet klar konturierte Schnitte bei grosszügigem Over Size, wobei gelegentlich auch spacige Elemente der Sixties Eingang finden. 

Trucker-Jacke zu Cigarette-Jeans

Und keine Angst vor dem Denim- All-Over: Die früher als kanadische Holzfälleruniform verpönte Kombination von Jeansjacke zu Jeanshose bleibt angesagt – in Form der klassischen Trucker-Jacke etwa zu Cigarette-Jeans mit Bundfalten und hoher Taille oder auch wieder zu weiten, langen Jeansjupes mit Schlitz oder Knopfleiste. Mehr Stilvielfalt war nie, satt gesehen hat man sich inzwischen höchstens an den Destroyed-Jeans – also bitte keine Löcher mehr in alte Jeans schneiden. Denn Denim wird im besten Sinn des Wortes salonfähig und gibt sich gerne ein wenig mondän und elegant. Mit der raffinierten, radikal coolen und avantgardistischen Anmutung wird der klassische Stoff auch in dieser Form fast zwangsläufig unsere Kleiderschränke und Strassen wieder neu erobern.

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