Wie Mann ein T-Shirt näht

Modeschule Selbernähen liegt im Trend – zahlreiche Online-Stoff-Shops, Kreativ-Ateliers und Textil-Werkstätten in der Region bieten Einsteigerkurse für Nähbegeisterte an. Seit Februar lockt in St.Gallen ein weiteres Angebot, eines speziell für Männer.
09. März 2017, 05:00
SANDRA METZGER
Wer im Internet nach Tipps zum Selbernähen von Kleidern sucht, hat die Qual der Wahl. Weit über 300000 Vorschläge spuckt die Suchmaschine aus –  von «musterkitz» über «stoff-und-so» bis zur «Nähprinzessin» ist alles vertreten. Sucht man jedoch nach Nähkursen für Männer, sind es nur gegen 300. «Wir entdeckten jedoch nur einen, der genau unseren Bedürfnissen entsprach, nämlich in einer reinen Männerrunde nach Feierabend ein Kleidungsstück von A bis Z unter Fachkundiger Anleitung fertigen zu können», sagt Gerry Gasser. Hierfür reiste der Leiter eines privaten Psychiatrie-Instituts, zusammen mit seinem Sohn Rico, seinem Schwiegersohn, einem Berufskollegen und einem befreundeten Tierarzt aus Stein am Rhein nach St. Gallen. Ihr Ziel: In fünf Abendkursen an je drei Stunden ein eigenes T-Shirt und eine Grillschürze zu nähen, dabei auch etwas über Stoffkunde zu ­erfahren und den Umgang mit Schnittmustern und Nähtechniken zu üben. «So dass man sich auch zu Hause mal an die Nähmaschine getraut», sind sich die fünf Männer im Alter zwischen 27 und 60 Jahren einig.

Die Tücken von Stoff und Maschine

Noch braucht es aber die tatkräftige Unterstützung der Kursleiterin Barbara Keel. Denn einen elastischen T-Shirt-Stoff zu vernähen, hat so seine Tücken. «Ich habe die ganze Naht nochmals aufmachen müssen», sagt Chris Strub. Lorenz Graf dagegen wird von allen «Streber» genannt, da er als einziger schon etwas Näh-
erfahrung mitbringt – «eine Pixi-Büechli-Tasche für den jüngsten Sohn», sei eines seiner ersten Werke gewesen. «Sie lernen alle schnell», sagt Keel. «Probleme gab’s eigentlich nur beim Einfädeln der Nähmaschine.» Als gelernte Fachlehrerin für Handarbeit und Hauswirtschaft auf der Oberstufe bringt sie viel pädagogisches Geschick und Geduld im Umgang mit ihren Näh-Sprösslingen mit. Nur ganz nebenbei verrät sie, dass sie ein solches T-Shirt, für das die Herren rund 15 Stunden Zeit haben, eigentlich in zwei Stunden fertig hätte. Im Kurs sei aber natürlich der Weg das Ziel, meint sie, die sich, zusammen mit zwei Bekleidungsgestalterinnen, mit der Gründung der Modeschule Unique, Fachschule für Mode und Schnitt, diesen Februar an der Heiligkreuzstrasse 2  in St. Gallen einen lange gehegten Traum ­erfüllt hat. Und dass gleich der erste Männerkurs ausgebucht sein würde, hätte sie nicht gedacht. Täglich erhalte sie neue Anfragen – nun sind bereits zwei weitere Kurse voll besetzt. Dabei seien diese Abendkurse für Männer mehr als Hobby von ihr gedacht gewesen, meint die Altstätterin. Denn Hauptstandbein von «Unique» sind die beiden Lehrgänge «Fashion Stylist» und «Fashion Professional» für alle, die sich die Grundlagen zur Führung eines eigenen Ateliers verschaffen möchten. Inzwischen haben die Frauen von «Unique» aber auch einen Schnitt-Zeichnungs-Kurs speziell für Männer in ihr Ausbildungsprogramm genommen. Ganz zur Freude von Gerry Gasser, der mitten im Grillschürze- und T-Shirt-Nähfieber bereits Richtung Weiterbildung zum Mode-Designer schielt.

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