Zwingli und das «Projekt Freistaat»

REFORMATION ⋅ Der Wildhauser Ulrich Zwingli wollte, dass seine Heimat reformiert wird. Zugleich strebte der Toggenburger Landrat nach Unabhängigkeit von der St. Galler Fürstabtei. Das Toggenburg wurde in der Reformation kurze Zeit autonom.
27. September 2017, 07:00
Daniel Klingenberg

Daniel Klingenberg

ostschweiz@tagblatt.ch

Der Juli 1524 ist ein guter Monat für Ulrich Zwingli. In diesem «Heumonat» empfiehlt der toggenburgische Landrat den Geistlichen der Region, «nur noch das reine Wort Gottes» zu predigen. Das ist eine klare Aufforderung, der reformatorischen Bewegung beizutreten – ganz im Sinne von Zwingli. In Zürich, wo der Wildhauser ab 1519 seine Lebensstelle am Grossmünster innehat, gelingt der reformatorischen Bewegung in dieser Zeit gerade der Durchbruch. In seiner Begeisterung schreibt er am 18. Juli 1524 einen ausführlichen Brief an seine «lieben Landlüt». Er dankt Gott, dass dieser sie aus den «falschen Menschenlehren» in das «wunderbar Liecht sines Wortes» geführt hat. Zwingli stärkt dem Toggenburger Landrat demonstrativ den Rücken. Der Landrat ist neben einzelnen Pfarrern treibende Kraft der Toggenburger Reformation.

Dieser Brief bedeutete zweifellos einen Schub für die Reformation im Toggenburg. Damit liegt die Frage auf der Hand: Hält Zwingli von Zürich aus die Fäden der Reformation in seiner Heimat in der Hand? Bekannt ist, dass er sich zeitlebens verbunden fühlt mit seiner Herkunft, und seinem Namen «ein erborner Toggenburger» hinzufügt. Sein «teuerster Wunsch» ist, das Evangelium ins Toggenburg zu bringen.

Der Historiker Max Baumann, der in der St. Galler Kantonsgeschichte die «stürmischen 1520er-Jahre» beschreibt, hält Zwingli für den «heimlichen Regisseur» der Reformation im Toggenburg. Der Theologe Peter Opitz, Verfasser einer aktuellen Zwingli-Biografie, ist vorsichtiger: «Natürlich hat Zwingli versucht, Einfluss zu nehmen. Er musste aber stets die lokalen Leute überzeugen, was nicht immer wunschgemäss, aber doch immer wieder gelang.» Da es keine wissenschaftliche Untersuchung zur Einflussnahme Zwinglis gibt, bleibt es bei punktuellen Belegen.

Ältere Publikationen treffen wie selbstverständlich die Annahme, dass die «rasche Verbreitung der Reformation» im Toggenburg damit zu tun habe, dass dies Zwinglis Heimat war. Dadurch habe seine «Stimme viel eher Anklang» gefunden, zudem habe er über «persönliche Beziehungen» die Reformation unterstützt. Tatsächlich sind zwei Briefe von Pfarrer Blasius Forrer aus Stein an ihn erhalten. Forrer gehört zu der Handvoll Geistlicher, welche um 1524 den «neuen Glauben» verkünden. Diese und auch Briefe des Lichtensteiger Stadtschreibers Heinrich Steiger belegen, dass Zwingli über die Geschehnisse im Toggenburg gut unterrichtet ist.

Zwingli schreibt an Landrat

Hauptbeleg für den Einfluss und auch den politischen Instinkt Zwinglis ist, dass er für die Reformation auf den Landrat setzt. Landesherr des Toggenburgs ist der Fürstabt von St. Gallen, ein Landvogt mit Sitz in Lichtensteig ist sein oberster Beamter. Zugleich sind Glarus und Schwyz «Schirmorte» des Toggenburgs, welche im Konfliktfall mit dem Abt vermitteln. Fürstabt und Schirmorte sind Vertreter des «alten Glaubens». Der Landrat setzt sich aus der ländlichen Oberschicht zusammen, zu der auch Zwinglis Herkunftsfamilie gehört, und vertritt die Bevölkerung. Dass es überhaupt einen Landrat gibt, ist die Errungenschaft einer ersten «Toggenburger Autonomiephase» in den 1430er-Jahren. Vor der Reformation hat er eher symbolische Bedeutung. Aber in den 1520er-Jahren packt er die Chance für den zweiten Versuch der Errichtung eines «Freistaates Toggenburg». Anders gesagt: Das eigentliche Ziel des Landrats ist, mit der Reformation politische Selbstständigkeit zu erreichen.

Zwei Mal schreibt Zwingli den Landrat direkt an: im erwähnten Brief im Juli 1524 und am 30. Juni 1525 im Schreiben «Von dem Predigtamt». Während der Brief eine moralische Unterstützung für die Reformation ist, wendet sich der zweite Text an den «wysen Landrat» gegen eine «innerreformatorische Bedrohung»: die «Täufer». Zwingli geht gegen diese Anhänger einer wörtlichen Auslegung der Bibel vor, weil er die Reformation durch Grabenkämpfe gefährdet sieht. Die Behörden sind unzimperlich, im Toggenburg werden wie in Zürich Täufer hingerichtet.

Bildersturm in Alt St. Johann

Unterstützt durch Zwingli übernimmt der Landrat in den 1520er-Jahren die politische Führung im Toggenburg. Nach der Forderung von 1524 zur Verkündigung des «reinen Wortes Gottes» kippt die Stimmung 1528 definitiv zugunsten des «neuen Glaubens», und das Toggenburg wird mehrheitlich reformiert. Grund ist die Annahme der Reformation durch den mächtigen Stadtstaat Bern, wodurch das nationale Gewicht der «Neugläubigen» schlagartig zunimmt.

Es folgen Bilderstürme in Lichtensteig und im Kloster St. Johann, dem heutigen Alt St. Johann. Letzterer schlägt hohe Wellen, Zwingli ist darüber durch lokale Informanten bestens unterrichtet. Der Schirmort Schwyz droht zunächst mit Krieg, aber Zürich und Bern vermitteln und stellen Truppen zur Gegenwehr in Aussicht.

Die Zeiten bleiben unruhig. So wird Pfarrer Blasius Forrer 1529 bei Krummenau auf offener Strasse überfallen und stirbt. Sein Mörder wird zwei Jahre später hingerichtet. Die fürstäbtische Landesherrschaft bricht zusammen und der Landrat treibt das Projekt «Freistaat Toggenburg» voran. Am 19. Juni 1530 beschliessen die Toggenburger in einer Landsgemeinde auf der «Pfaffenwiese» in Wattwil, den Fürstabt nicht mehr als Landesherrn anzuerkennen. Oder, wie ein Chronist feststellt: Sie begannen, «sich selb zu regieren» und sind quasi ein «Freistaat». Im Oktober 1530 kaufen sie sich vom St. Galler Fürstabt los, Zwingli hat dieses Vorhaben ausdrücklich unterstützt. Er selber kommt im März 1531 nach Lichtensteig zu einer Synode der reformierten Pfarrerschaft und wird «in seinem Vaterland lieb und wert» empfangen.

Dann kommt die Wende: Im Oktober 1531 stirbt Zwingli in der Schlacht gegen die katholischen Innerschweizer in Kappel am Albis. Für das Toggenburg bedeutet dies das Ende der Freiheitsträume und die Wiedereinsetzung des Fürstabtes als Landesherr. Es entsteht eine neue Konfliktlinie: Den mehrheitlich reformierten Untertanen steht die katholische Landesherrschaft gegenüber.


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