«Wir wollen Private nicht ersetzen»

GESUNDHEITSKOSTEN ⋅ Die St. Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann möchte, dass die Kantone bei den Krankenkassenprämien autonomer werden. Und sie will verhindern, dass sich die Versicherungen im Bundesparlament massgeschneiderte Gesetze verpassen.
14. Oktober 2017, 05:17
Interview: Sina Bühler

Interview: Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

Heidi Hanselmann, Anfang Oktober haben Sie zwei eidgenössische Krankenkassen-Initiativen mitlanciert. Worum geht es?

Bei der einen Initiative geht es darum, dass die Kantone in der Grundversicherung autonomer sein und eine kantonale Ausgleichskasse einführen können. Diese würde paritätisch geführt und allen Versicherten eine identische Prämie anbieten, je nach gewähltem Versicherungsmodell und Franchise. Heute stehen fast 850 verschiedene Möglichkeiten zur Wahl, um Versicherung, Franchise und Leistungsmodell zu kombinieren.

Die Versicherungen gäbe es aber immer noch?

Ja. Sie würden dieselbe Arbeit machen wie heute und die Rechnungen der Leistungserbringer überprüfen, die dann aus der Ausgleichskasse bezahlt würden. Auch Wahlfranchisen und Arztmodelle gäbe es weiterhin. Die Höhe der Prämie wäre aber nicht abhängig von der Wahl der Krankenkasse.

Was wäre der Vorteil?

Transparenz, Vereinheitlichung und dass die Prämien gemäss den Gesundheitskosten steigen würden. Heute haben wir 60 Kassen, die in der Grundversicherung in einem Pseudowettbewerb stehen: Sie müssen alle dieselbe Leistung anbieten, tun dies aber zu unterschiedlich hohen Prämien. Im Kanton St. Gallen sind die Durchschnittsprämien zwar um 3 Prozent gestiegen, je nach Versicherung zahlt man aber zwischen 1,9 und 11 Prozent mehr. Die Prämie hängt nebst den Gesundheitskosten auch von der Zusammensetzung der Versicherten, der Zahl der Wechsel, der Administration und der Höhe der Reserven ab. Der Prämienunterschied hat mit den direkten Gesundheitskosten herzlich wenig zu tun, er bildet vielmehr das Marktverhalten der Versicherungen ab.

Warum gehören Sie als einzige Deutschschweizerin zu den Erstunterzeichnerinnen?

Ich war vor ein paar Jahren die treibende Kraft hinter einer Studie zu einer kantonalen oder regionalen Krankenkasse in der Ostschweiz. Deswegen haben der Waadtländer Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard und sein Genfer Kollege Mauro Poggia mich angefragt.

Eine eidgenössische Einheitskasse ist an der Urne schon viermal gescheitert. Letztes Mal 2014.

Deshalb wollen wir die privaten Versicherungen auch nicht ersetzen. Die Kantone können frei wählen, ob sie beim heutigen System bleiben oder eine kantonale Ausgleichskasse einführen wollen. Mit dem Wechsel wäre übrigens die Risikoselektion ebenfalls abgeschafft.

Könnte das in einem eher konservativen Kanton wie St. Gallen überhaupt klappen?

Am Tag der Lancierung haben mich mehrere St. Gallerinnen und St. Galler darauf angesprochen. Leute, die eigentlich skeptisch sind, wenn Institutionen verstaatlicht werden, meinten in diesem Bereich müsste jetzt endlich etwas gehen. Wir werden sicher nicht zu den ersten gehören. Das werden vermutlich die Westschweizer Kantone sein, dort wo die letzte Einheitskassen-Initiative angenommen worden ist.

Warum werden Einheitskassen in der Deutschschweiz abgelehnt?

Vermutlich wird es als Einschränkung der Freiheit gesehen, wenn der Staat das Angebot vorgibt, selbst wenn die Leistungen dieselben sind. Deshalb ist die Initiative eine gute Lösung: Die Versicherungen bleiben, die Kassenwahl auch.

Hat es auch damit zu tun, dass so viele Versicherungsvertreter im Parlament ihre Interessen durchsetzen können? Die zweite Initiative, bei der Sie ebenfalls dabei sind, möchte das verhindern.

Das spielt sicher eine grosse Rolle, vor allem wenn sie in den entsprechenden Kommissionen sitzen. Die Kassenvertreter schreiben selber die Gesetze und beaufsichtigen das System, von dem sie direkt profitieren. Das wollen wir künftig verhindern.

Haben Sie ein Beispiel?

Mit der neuen Spitalfinanzierung 2012 mussten die Kantone neu auch an die Behandlungen an Privatspitäler bezahlen. Das schlug für den Kanton St. Gallen mit rund 70 Millionen Franken zu Buche. Die Prämien hätten dadurch massiv sinken müssen. Dem war aber nicht so. Erst nach mehreren Jahren und viel Druck von der Finanzmarktaufsicht gab es leichte Prämienreduktionen.

Zurück zur Grundversicherung: Die Prämien sind im Kanton St. Gallen noch relativ tief.

Ja, unser Kanton ist immer noch kostengünstig. Wir haben Spitäler fusioniert, vier Geburtskliniken geschlossen, Leistungen konzentriert, und eine tiefere Ärztedichte.

Bei den Prämienverbilligungen steht St. Gallen dafür ganz schlecht da.

Wir sind an drittletzter Stelle, weil bei den Sparpaketen hier der Rotstift angesetzt wurde. Aus meiner Sicht ist das falsch und dramatisch. Vor allem, weil dieses Korrektiv ganz klar zum System der Kopfprämien gehört.

Trotzdem muss auch bei den Gesundheitskosten noch geschraubt werden.

Ja, das ist ein grosses Thema. Wir setzen dabei vor allem auf die Verlagerung von stationären zu ambulanten Behandlungen. Das würde bei bestimmten Eingriffen mehr als die Hälfte der Kosten einsparen, bei Privatversicherten kann es sogar bis zu sechsmal günstiger werden. Die Verlagerung von klar definierten stationären Leistungen, die medizinisch gesehen ebenso gut ambulant durchgeführt werden können, bringen wirksame Kosteneinsparungen im Gesamtsystem. Hier setzen wir an und erarbeiten dazu Listen.

Was ist mit Spitalschliessungen? Das würde die Gesundheitskosten auch reduzieren.

Es kommt sehr darauf an, wie man Spitäler betreibt. Sie können nicht einfach ein Spital schliessen und glauben, das Geld sei damit eingespart. Die Leute sind deswegen nicht gesünder. Sie weichen dann einfach in andere Spitäler aus. Das kann höhere Kosten zur Folge haben. Lassen sich Patientinnen und Patienten ausserkantonal behandeln, fliesst Steuergeld ab, in Spitalsysteme, die wir nicht lenken können. Die bessere Variante ist, unsere wohnortnahe und vernetzte Spitallandschaft konsequent weiter zu optimieren.


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