Winterkleider für Herrn B.

SPENDENAKTION OHO ⋅ Die Pro Senectute bemerkt, dass ein älterer Mann keine Kleidung für den Winter hat. Die Spendenaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern unterstützt den Mann finanziell.
11. November 2017, 14:08
Laura Widmer

Laura Widmer

laura.widmer@tagblatt.ch

Herr B. trinkt seinen Kaffee Creme mit Zucker. Die weissen Haare sind zur Seite gekämmt, die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Die Lesebrille bewahrt er in der Hemdtasche auf, ebenso wie sein Mobiltelefon. Er erzählt zögerlich, lässt aber nichts aus. Ursprünglich ist Herr B. aus Luzern, seit den 1970er-Jahren lebt er in der Ostschweiz. Seine Kinder, beide über 50, wohnen heute noch in Luzern.

Der 72-Jährige bezieht AHV-Beiträge und Ergänzungsleistungen. Er lebt bescheiden. «Wenn ich am Ende des Monats Essen im Kühlschrank und ein paar Franken im Sack habe, dann geht’s auf», sagt er. Seine Zweizimmerwohnung genügt ihm, und auch der Fernseher ist ein günstiges Gerät. Bevor er ihn sich leisten konnte, nutzte er das alte Modell seiner Tochter.

Ein schwieriges Jahr

Eine Hilfe im Alltag ist die Pro Senectute. Regelmässig kommt jemand vorbei, um Herrn B.s Wäsche zu machen und zu bügeln. Die Pro Senectute war es auch, die im vergangenen Herbst bemerkte, wie wenig Kleidung der 72-Jährige besass. Die Pro Senectute stellte im Namen von Herrn B. ein Gesuch an die Spenden­aktion Ostschweizer helfen Ostschweizern (OhO). Sie bat um 500 Franken für den Kauf neuer Winterkleider. Das Geld von OhO war ein kleiner Glücksfall in einer sonst schwierigen Zeit. Kurz vorher war die langjährige Partnerin von Herrn B. verstorben. «Das kam völlig überraschend», sagt er. Seine Partnerin hatte über Schmerzen im Bein geklagt und musste ins Spital. Samstag und Sonntag verbrachte sie dort. In der Nacht auf Montag stieg sie aus dem Bett, wahrscheinlich um die Toilette zu benutzen. Dabei stürzte sie und erlitt eine Hirnblutung. Am Montag hätte sie aus dem Spital entlassen werden sollen.

Gearbeitet hat Herr B. bis zum 68. Altersjahr, nach dem offiziellen Pensionierungsalter im Stundenlohn. Er ist gelernter Käser. Viel verdient habe er nicht, trotz Sechstagewoche und Nachtdienst. Es sei schwierig gewesen, die Familie durchzubringen. 30 Jahre lang war er bei einem ­Joghurthersteller tätig, bevor die Firma schliessen musste.

Danach hat er Arbeit in einem Storenbetrieb gefunden. Die Hälfte der Zeit habe er Büroarbeiten erledigt, sagt Herr B. Dafür habe er sogar lernen müssen, mit einem Computer umzugehen, was ihm anfangs nicht leicht gefallen sei. «Die Arbeit hat mir aber Freude gemacht, und ich wäre gerne länger im Betrieb geblieben.» Leider sei die Stelle nach nur einem Jahr eingespart worden. Danach fand Herr B. wieder Arbeit als Käser. Ob er lieber etwas anderes gelernt hätte? «Der Beruf hat mir gefallen, aber es gab auch kaum eine andere Möglichkeit.» Herr B. stammt aus einer Bauernfamilie mit 14 Kindern, fünf davon Knaben. «Für meinen Vater kam nur Metzger, Käser oder Bauer als Beruf in Frage.»

Seit er im Ruhestand ist, schaut Herr B. gern fern: am liebsten Politsendungen wie die «Arena» oder Quizshows. Mindestens zweimal in der Woche geht er jassen und er nimmt auch an Turnieren teil. Mit seiner Partnerin habe er ab und zu Ländlerkonzerte besucht. Seit ihrem Tod nur noch selten.

«Für die Unterstützung durch die Spendenaktion OhO bin ich wahnsinnig dankbar», sagt Herr B. Obwohl er kaum Weihnachten feiert, kam der Zustupf im vergangenen Dezember genau zur richtigen Zeit.


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