Wiler Tram bleibt ein Traum

WIL ⋅ Kann eine Stadtbahn die Verkehrsprobleme Wils lösen? Das neue ÖV-Konzept gibt eine deutliche und ablehnende Antwort. Mindestens doppelt so viele Einwohner wären nötig, damit das Angebot rentieren würde.
14. Februar 2018, 05:21
Simon Dudle

 

Wil gehört zum Metropolitanraum Zürich. Am Montag wurde bekannt, dass Wil genau wie Zürich im öffentlichen Verkehr Durchmesserlinien bekommt (Ausgabe von gestern). Gibt es in der Äbtestadt gemäss Zürcher Vorbild bald auch Trams? Diese Idee zu verfolgen, war ein Wahlversprechen von Stadtrat Daniel Stutz (Grüne Prowil). Doch von der Umsetzung dieser Pläne muss er Abstand nehmen. Eine Studie, welche ausgerechnet vom Wiler Stadtrat zusammen mit dem Kantonalen Amt für öffentlichen Verkehr beim Planungsbüro Infras in Auftrag gegeben wurde, fördert zutage, dass ein Tramsystem für die Region Wil unverhältnismässig wäre und nicht weiterverfolgt wird.

Busse sind für Wil besser als eine Stadtbahn

Um die Wirtschaftlichkeit zu klären, wurde für das besagte Strategiepapier ein Beispiel auf dem stärkst befahrenen Buskorridor errechnet. Dieser führt vom Wiler Bahnhof über die Toggenburgerstrasse durch Rickenbach bis ins Industriegebiet Stelz. Für diese drei bis dreieinhalb Kilometer lange Tramstrecke müsste mit Investitionskosten von 100 bis 150 Millionen Franken gerechnet werden. Heute nutzen auf diesem Abschnitt durchschnittlich 2800 Personen pro Tag den ÖV. Um die Trams kostendeckend fahren zu lassen, wären mindestens 8000 bis 10000 Fahrgäste pro Tag nötig. Es fehlen also viele. Zwar wird entlang dieser Strecke dank Wachstum von Gemeinde und Industrie mit bis zu 1700 zusätzlichen ÖV-Fahrten gerechnet, womit sich am Gesamteindruck aber nichts ändert. Stutz sagt: «Wil müsste doppelt so gross sein, damit die Stadtbahn ein Thema wird. Die nächsten 20 Jahre müssen wir nicht mehr darüber reden. Der Bus hat Vorteile in der Wirtschaftlichkeit.»

Drei neue Bahnhöfe sind in Planung

Unabhängig davon wird im ÖV-Konzept nicht abschliessend beantwortet, ob es in Wil und Umgebung künftig doppelt so viele Bahnhöfe am Schienenetz geben wird. Bis jetzt sind es mit Wil, Bronschhofen und Bronschhofen AMP drei. Weitere Bahnhöfe sind in Rickenbach, zwischen Wil und Bronschhofen und im geplanten Entwicklungsschwerpunkt Wil West angedacht. Die Pläne sind unterschiedlich weit gediehen. Sehr realistisch ist jener Bahnhof in Wil West. Das Projekt hat im Agglomerationsprogramm dritter Generation, welches bereits vom Bund geprüft worden ist, die Priorität A erhalten. Will heissen, dass sich dieser mit bis zu 40 Prozent an den Kosten beteiligt. Zudem ist jener Bahnhof an der Strecke der Frauenfeld-Wil-Bahn ein Modul des Ausbauschritts der Bahninfrastruktur 2030/2035. Die Umsetzung ist in der ersten Etappe bis ins Jahr 2030 geplant.

Nur Priorität C hat der Bahnhof zwischen Wil und Bronschhofen an der Linie Wil–Weinfelden. Es sind im Aggloprogramm vierter Generation weitere Planungsanstrengungen nötig, um Bundesgelder zu erhalten.

Auch ein neuer Bahnhof in Rickenbach an den S-Bahn-Linien Wil–St. Gallen und Wil–Wattwil sind im regionalen ÖV-Konzept aufgegriffen worden. Damit könnte die Hinterthurgauer Gemeinde mit ihrer Einkaufsmeile besser erreicht werden. Fahrplantechnisch ist die Machbarkeit aber unsicher. Für die Weiterverfolgung dieses Ansatzes sind die Gemeinden, die Region und der Kanton Thurgau verantwortlich.


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