«Vom Arzt bis zum Junkie»

WIL ⋅ Die Suchtberatung Region Wil hat 2017 weniger Menschen beraten müssen. Stellenleiter Hermann Gander erkennt aber keinen Trend. Er zeigt sich mit der Arbeit der Suchtberatung zufrieden.
10. April 2018, 05:18
Marco A. Cappellari

Marco A. Cappellari

marco.cappellari@wilerzeitung.ch

Total wurden im vergangenen Jahr 215 Menschen in Suchtfragen beraten. Das sind 16 weniger als noch im Vorjahr. Der Rückgang ist auf weniger Zuweisungen durch das Strassenverkehrsamt und die Jugendanwaltschaft zurückzuführen. Ein Anstieg ist hingegen bei den legalen Suchtmitteln zu erkennen, ebenso bei den freiwillig beanspruchten Beratungen.

Hermann Gander, Stellenleiter der Suchtberatung Region Wil, ist im Grossen und Ganzen zufrieden: «Schwankungen in der Statistik gibt es immer wieder. Ich denke momentan ist kein eindeutiger Trend zu erkennen. Ich bin besonders froh darüber, dass es bei den freiwilligen Beratungen keinen Rückgang gab. Wir haben einen guten Ruf, die Leute vertrauen uns. Vom Arzt bis zum Junkie von der Gasse sind alle Schichten vertreten.»

Ausschlaggebend ist die Motivation

Grundsätzlich seien alle Beratungen freiwillig, sagt Gander. «Bei jenen Personen, die aufgrund von Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss zu uns kommen, verhält es sich so, dass die Beratung an sich zwar freiwillig ist, allerdings ist sie zwingend, wenn sie den Führerschein zurückerhalten möchten.»

Auch bei den Zuweisungen durch die Jugendanwaltschaft ist eine generelle Freiwilligkeit gegeben, ein Nichtbesuchen der Beratung kann aber in diesen Fällen zu weiteren Konsequenzen führen. «Wird ein Jugendlicher beim Kiffen erwischt, entscheidet sich die Jugendanwaltschaft üblicherweise dafür, dass er – einmal allein und einmal mit den Eltern – in die Suchtberatung geschickt wird. Bleibt dieser der Beratung fern, wird der Fall zurück an die Jugendanwaltschaft verwiesen und es kann zur Anzeige oder Busse kommen», sagt Gander.

Die Beratungen scheinen häufig zu fruchten. «Für die allermeisten Betroffenen wirkt sich die Beratung positiv auf ihre Situation aus», sagt Gander. Ausschlaggebend sei die Motivation: «Leute, die zu uns kommen, wollen eine Veränderung in ihrem Leben, wollen nicht mehr einfach so weitermachen wie bisher.» Wenn man es wirklich wolle, klappe es meist auch.

Natürlich sei aber jeder Mensch anders. Auf diese Unterschiede gelte es, einzugehen. «Sobald die Leute merken, dass es in der Beratung um sie geht, und um ihr Wohlbefinden, spätestens dann macht es ‹Klick› und die Leute kommen gerne.»

Eine Sucht sei eine komplexe Angelegenheit. «Das Gehirn merkt sich, in welcher Situation die Droge konsumiert wird, und verbindet das positive Gefühl damit. Sobald man dann wieder in dieselbe Situation kommt, kommt auch das Verlangen wieder», erklärt Gander. Je öfters sich das Verhalten wiederhole, desto stärker brennt es sich ins Gedächtnis ein. «Um diese Verhaltensmuster wieder aufzubrechen, braucht es eine grosse Willenskraft.»

Jugendschutz besonders wichtig

In der Jugend sei das Hirn besonders anfällig für substanzbedingte Veränderungen. «Jugendliche sind immer noch dabei, die Welt zu entdecken und Verhaltensmuster zu erlernen. Wird dieser Prozess durch Drogenmissbrauch gestört, sind die Auswirkungen meist dramatischer als bei Erwachsenen.» Genau deshalb sei der Jugendschutz so wichtig. Dazu ist nicht immer Repression die Lösung: «Beim Cannabis zum Beispiel würde eine Legalisierung den Jugendschutz erleichtern. Ein Dealer interessiert sich kaum für das Alter seiner Kunden. Würde Cannabis kontrolliert verkauft werden, könnte das Schutzalter eingehalten werden.»

Nach wie vor die grösste Problematik in der Region und auch in der Schweiz sei der Alkoholmissbrauch. Gander: «Alkohol ist Thema Nummer eins. Keine andere Droge löst so viel persönliches Leid und Probleme aus.»


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