Oberuzwilerin baut erste Schweizerschule in China auf

OBERUZWIL/PEKING ⋅ Während 36 Jahren war Cécile Ottiger Primarlehrerin in Oberuzwil. Vergangenen Sommer verliess sie die Schule, weil vieles für sie nicht mehr stimmte. Nun leistet sie in Peking Pionierarbeit
20. Januar 2018, 05:20
Zita Meienhofer

Zita Meienhofer

zita.meienhofer@wilerzeitung.ch

Seit dem 1. August 2017, seit Cécile Ottiger in Peking angekommen ist, hat sie schon soviel erlebt – viel mehr als Jahre zuvor –, hat sie besondere Herausforderungen gemeistert, hat sich gut in China eingelebt und hat sich einen Freundeskreis aufgebaut. Dass sie mit 58 Jahren gemeinsam mit Yvonne Gerig, einer Schweizerin, die seit mehr als zwei Jahrzehnten im Reich der Mitte lebt, drei Kinder hat und mit einem Chinesen verheiratet ist, die erste Schweizerschule in China aufbauen wird, das hatte Cécile Ottiger weder geplant, noch zu träumen gewagt. Doch, hin und wieder nimmt das Leben seinen besonderen Lauf: 36 Jahre war sie als Primarlehrerin in Oberuzwil tätig, zudem erteilte sie unzähligen Schülern Gitarrenunterricht. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Zu gross waren die Unstimmigkeiten. Sie kündigte.

Möbel bestellt, Scooter wieder gefunden, Oper kennen gelernt

Nun wohnt Cécile Ottiger in der 21,5-Millionen-Stadt, nur 50 Schritte von einem einfachen Wohnviertel entfernt, dort, wo kein fliessendes Wasser vorhanden ist, wo die Menschen wirklich bedürftig sind. Ja, der Anblick beelende sie, sagt sie. Eigentlich hatte die Schule für alle 22 neuen Lehrpersonen für zwei Monate ein Appartement eine halbe Stunde Busfahrt entfernt von der Schule organisiert. Das wirkte schmuddelig und war düster. Ottigers Kollegin Gerig vermittelte ihr schon bald ihre jetzige Wohnung. Die noch fehlenden Möbel bestellte sie – mit Hilfe ihres Mannes und eines Übersetzungsprogramms – bei Ikea in Peking. Es klappte letztlich alles tipptopp. Cécile Ottiger lernt zwar Chinesisch, kann einige Ausdrücke verstehen und sprechen, aber sich im Alltag zurechtzufinden, das geht – noch – nicht.

Cécile Ottiger auf dem Weg zur Besichtigung des Lama Tempels mit ihrem Mann, der fotografiert hat.

Cécile Ottiger auf dem Weg zur Besichtigung des Lama Tempels mit ihrem Mann, der fotografiert hat.

Dann kommt sie auf ihren Mann zu sprechen. René Ottiger wohnt immer noch in Oberuzwil, hat dort sein Architekturbüro. Seit sie erstmals von der Stelle in Peking erzählte, hat er sie unterstützt, hat für sie die äusserst zeitintensiven administrativen Arbeiten erledigt. «Es war spannend, aber sehr aufwendig», sagt er. Er war auch bereits mehrmals in China – unter anderem zum Einweihungsfest der Schweizerschule. Dass sie beide nun auf verschiedenen Kontinenten getrennt wohnen, sieht er als Bereicherung für die Beziehung.

Cécile Ottiger ist kontaktfreudig, scheut sich nicht davor, Neues kennenzulernen, anzupacken. Das gilt nicht nur am Arbeitsplatz, das gilt auch während der Freizeit. Einige englischsprachige Chinesinnen und Chinesen zählt sie zu ihren Freunden. So auch George. Er wohnt gegenüber und hat geholfen, als ihr Scooter gestohlen wurde. Dank eines Apps konnte er ihren Töff orten und den Dieb dingfest machen. Später verbrachten sie eine halbe Nacht auf dem Polizeiposten. «Ohne George hätte ich es nicht geschafft», sagt Cécile Ottiger. Da ist auch der Rezeptionist von der Schule. Sie hat den Opernsänger an einem Schulanlass auf der Gitarre begleitet. Im Gegenzug führte er sie in die Chinesische Oper ein oder macht ihr als Museumsführer eine grosse Freude.

Cécile Ottiger hat sich an der Schweizerschule in Peking gut eingelebt.

Cécile Ottiger hat sich an der Schweizerschule in Peking gut eingelebt.

Gemeinsames Mittagessen, benutzen der «Learning-Kitchen»

Den Schultag mit ihren Schützlingen geniesst sie sehr. Allerdings ist er nicht mit jenem in der Schweiz zu vergleichen. Als erhebliche Unterschiede zu ihrem Ursprungsland empfindet Cécile Ottiger die Tatsache, dass ausnahmslos alle Kinder mit Bussen zur Schule und wieder zurückgefahren werden. Ebenso, dass die Lehrpersonen gemeinsam mit den Kindern das Mittagessen im Atrium einnehmen. Zudem dürfen sie jederzeit die «Learning-Kitchen» benutzen. «Gerade heute», erzählte Cécile Ottiger am Mittwoch, «haben meine drei Studenten Überraschungsbrötchen für alle gebacken. Die sind zu vergleichen mit unserem Dreikönigskuchen. Es hat allen fantastisch geschmeckt.» Für sämtliche administrativen Arbeiten oder Tätigkeiten, die nicht direkt mit dem Unterricht zu tun haben, gibt es bei der Schweizer Schule Beijing (SSBJ) Unterstützung. «So wird beispielsweise das Laminieren durch Mitarbeiter in einem dafür eingerichteten Büro übernommen», sagt Cécile Ottiger. Laut lacht sie, als sie vom Turnunterricht erzählt. «Das ist der Hammer. Es stehen viele chinesische Helfende bereit, zur Unterstützung der Lehrkräfte.» Diese seien dann jeweils sehr erstaunt, dass sie von den beiden Schweizer Lehrerinnen nicht gebrauchen würden, weil sie alles selber mit den Kindern machen.

Vorerst hat Cécile Ottiger eine Aufenthaltsbewilligung für zwei Jahre. «Geplant wäre ganz klar, dass ich auch nach den beiden Jahren weiterhin an der SSBJ unterrichte, aber leider hängt dies voll und ganz von steigenden Schülerzahlen ab», erklärt sie und bittet, «drückt uns die Daumen, denn die SSBJ ist eine echte Bereicherung für alle.»


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