Sie gibt der Stadt die Note 5,5

WIL ⋅ Zum Jahreswechsel führt die «Wiler Zeitung» mit den Gemeindepräsidenten der vier grössten Gemeinden in der Region ein Jahresendgespräch. Den Anfang macht Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann.
27. Dezember 2017, 05:17
Simon Dudle

Simon Dudle

simon.dudle@wilerzeitung.ch

Seit einem halben Jahrzehnt ist Susanne Hartmann der Kopf der Stadt Wil. Im fünften Jahr ihres Wirkens haben einige Themen die Bevölkerung bewegt. Der FC Wil und das Department für Bau und Umwelt sorgten für zu viele Schlagzeilen, bei der Mädchenschule Kathi ging es dafür keinen entscheidenden Schritt vorwärts.

Susanne Hartmann, welches Ereignis hat Sie 2017 am meisten bewegt?

Auf städtischer Ebene gibt es vieles, was das Jahr für mich geprägt hat. Dabei sticht aber kein einzelnes Ereignis oder Projekt besonders hervor. Am meisten Eindruck haben für mich auch im vergangenen Jahr wieder die zahlreichen interessanten und intensiven Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen hinterlassen. Ich schätze diese Kontakte von Politik bis Kultur, von Wirtschaft bis Sport, von Freiwilligentätigkeit bis Bildung oder Gesellschaft sehr, weil ich sie anregend und bereichernd empfinde. Sie offenbaren immer wieder neue Facetten unserer schönen, vielfältigen Stadt.

Dem Stadtrat wird vorgeworfen, zu allem Nein zu sagen. Wie sehen Sie das?

Diese Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Auch im vergangenen Jahr hat der Stadtrat zu verschiedenen grösseren oder kleineren neuen Dingen überzeugt und auch gerne ja gesagt. Beispielsweise zum Masterplan Bahnhof Wil, zu verschiedensten Baugesuchen, zum Testbetrieb der Plattform beim Aufgang zur Altstadt, zur Möglichkeit für ein Gastronomieangebot am Stadtweier und so weiter. Bei verschiedenen Projekten oder Anfragen muss der Stadtrat «ja, aber …» oder «nein» sagen. Einfach gänzlich frei kann der Stadtrat nicht entscheiden, auch wenn wir das manchmal gerne möchten.

Was bedeutet das konkret?

Es gilt bei allen Entscheidungen die Gesetzeslage, die städtische Gesamtperspektive, Sachzwänge und übergeordnete Zusammenhänge und oder auch die Frage der finanziellen Machbarkeit zu berücksichtigen. Wenn der Stadtrat folglich manchmal Nein sagen und eine Idee oder ein Projekt ablehnen muss, liegt es in aller Regel nicht am Wollen, sondern schlicht am Können oder Dürfen. Klar ist dabei: Wir sind immer offen für Gespräche, um allfällige Alternativen zu prüfen, um so letztlich doch noch eine für alle befriedigende Lösung ­ zu finden.

Wiederholt im Fokus steht das Departement für Bau, Umwelt und Verkehr.

In der Struktur der Stadt Wil gilt ein departementales System, in dem jeweils ein Behördenmitglied als Vorsteherin oder Vorsteher für ein Departement zuständig ist. Damit obliegen Fragen nach departementalen Herausforderungen dem jeweiligen Stadtratsmitglied alleine. Auch als Stadtpräsidentin kann ich mich in diese Zuständigkeit nicht einmischen. Ich habe keine departements-übergreifende, allgemeine Weisungsbefugnis. Dabei steht es einem Stadtratsmitglied natürlich jederzeit frei, eine an sich departementale Fragestellung seinerseits in den Gesamtstadtrat einzubringen, wo sie beispielsweise im Rahmen der allgemeinen Aussprache diskutiert werden kann.

In der Kathi-Frage geht es nicht weiter, und man steht jetzt da, wo man vor einigen Jahren schon war. Wieso dauert der Prozess so lange?

Auch diese Fragestellung liegt in der Zuständigkeit des betreffenden Departements. Nur so viel: Der Stadtrat hat aus einer Fünfer-Liste, die aus der Projektgruppe eingebracht worden ist, zwei Modelle zur weiteren Prüfung verabschiedet. Wir sind zuversichtlich, dass im Sommer zwei eingehend geprüfte und sorgfältig ausgearbeitete Varianten vorliegen. Letztendlich wird das Parlament oder sogar die Bürgerschaft entscheiden, welches Oberstufenmodell in der Stadt Wil umgesetzt werden soll.

2017 stand auch im Zeichen der Querelen des FC Wil. Sie forderten im Februar den Rücktritt von Präsident Roger Bigger, der mittlerweile erfolgt ist. Wie ist das Verhältnis zum FC Wil heute?

Ich möchte nicht mehr auf einzelne Personalia eingehen. Zu jenem Zeitpunkt war das Vertrauen des Stadtrats in die Klubverantwortlichen durch die damaligen Vorfälle arg strapaziert und durch verschiedene, ungerechtfertigte Vorwürfe an die Adresse der Stadt massiv beschädigt worden. Zwischenzeitlich haben sich die Wogen geglättet.

Die Gemeindevereinigung von Wil, Bronschhofen und Rossrüti liegt nun fünf Jahre zurück. Ihr Fazit?

Es fällt positiv aus. Mit der Gemeindevereinigung wurde Wil als regionales Zentrum weiter gestärkt. Die bereits vor der Vereinigung vorhandenen Ressourcen konnten weiter zielgerichtet gebündelt und zusammengeführt werden. Dass die vereinigte Stadt Wil nicht nur in der Politik und in der Verwaltung, sondern auch im Alltag als Einheit funktioniert und lebt, liegt nicht zuletzt auch an den Menschen, die in den drei Ortsteilen Bronschhofen, Rossrüti und Wil zu Hause sind. Die grosse Mehrheit von ihnen sieht das Verbindende und Ergänzende, nicht das Trennende oder Unterschiedliche.

Bei den vergangenen beiden Jahresend-Interviews der «Wiler Zeitung» gaben Sie der Stadt Wil die Schulnoten 5,3 und 5,5. Welche Note darf für das Jahr 2017 notiert werden?

Eine Schulnote zwischen 5 und 6 besagt, dass die gesetzten Ziele erreicht und auch Aufgaben mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad erfolgreich gelöst werden können. Dabei ist es bei der Stadt Wil wie bei jeder Schülerin oder jedem Schüler: Da und dort ist immer noch Luft nach oben. Generell sehe ich aber keinen Grund, für das Jahr 2017 von der Notengebung 5,5 abzuweichen.

2018 ist das Jahr, in welchem der Bahn-Vollknoten Wil zerschlagen wird. Was bedeutet das für die Stadt Wil und deren Image?

Die Stadt und die Region Wil haben sich seit Bekanntwerden dieser negativen Änderung anfangs 2016 beim Kanton mit zahlreichen Gesprächen und weiteren Massnahmen wie etwa einer Petition intensiv um Alternativen bemüht. Leider blieb dies ohne Erfolg. Der Stadtrat Wil bedauert dies sehr, nicht nur für die Einwohner der Stadt Wil, sondern auch für die Bevölkerung der umliegenden Regionsgemeinden. Dabei wurde uns seitens der SBB wiederholt beschieden, dass es notabene keinen Anspruch auf einen solchen Vollknoten gebe, ja der Vollknoten Wil sowieso nur ein «Fahrplan-Zufallsprodukt» gewesen sei.

Welche Wünsche haben Sie für das Jahr 2018?

Für die Stadt Wil wünsche ich mir, dass wir uns weiterhin positiv entwickeln und unser Miteinander als Stadtgemeinschaft respektvoll und konstruktiv gestalten können. Und für mich persönlich wünsche ich das Wichtigste, das es in meinen Augen gibt: Gesundheit.


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