Er folgte seiner Liebe in ein fremdes Land

BRONSCHHOFEN ⋅ Marc Tschallener hat das gemacht, wovon viele träumen. Er liess die Schweiz hinter sich und wanderte aus. Dabei spielte eine Frau die Hauptrolle. Er erzählt, wie es dazu kam und wie sich das Leben in Costa Rica von jenem in der Schweiz unterscheidet.
11. April 2018, 05:21
Gianni Amstutz

 

Pura Vida. Dieser Satz kann in Costa Rica fast alles bedeuten. Ob nun «Wie geht es dir?», «Hallo», «Mir geht es gut» oder «Tschüss». Frei übersetzt bedeutet er in etwa «Reines Leben». Doch seine Bedeutung geht weit über das hinaus, wie Marc Tschallener, der seit 2014 im mittelamerikanischen Staat lebt, weiss. «Es geht dabei um ein Lebensgefühl, das man selbst erlebt haben muss, um es zu verstehen.» 2014 folgte der Bronschhofer diesem Ruf des reinen Lebens und wanderte nach Costa Rica aus.

Das erste Mal besucht hat er das Land bereits 2009. Obwohl er bereits vorher verschiedene Länder mit Kollegen oder der Familie bereist hatte, kam in Marc Tschallener damals ein Gefühl auf, das er bisher nicht kannte. Ihm habe etwas gefehlt im Leben, erzählt er. Ständig beschäftigte ihn nur ein Gedanken: «Einfach nur arbeiten und Geld verdienen: Das kann doch nicht alles sein.» Für drei Wochen reiste er also mit einer Costa Ricanerin, die er über Facebook kennen gelernt hatte, durch ihr Heimatland. Die Natur und die Freundlichkeit der Ticos, wie die Einwohner Costa Ricas sich selbst bezeichnen, hätten ihn sehr beeindruckt. Schnell verliebte er sich in das Land. Doch nicht nur das. An einer Geburtstagsparty, zu der er eingeladen wurde, lernte er seine zukünftige Ehefrau Cynthia kennen.

Die Fernbeziehung droht zu scheitern

Auch nach seiner Rückkehr in die Schweiz hielten sie Kontakt. Dieser brach jedoch zwischenzeitlich ab, als Marc Tschallener einen schweren Schicksalsschlag erlitt und sein Vater an einer Krebserkrankung starb. Es sei eine sehr schwierige Zeit gewesen, sagt er. Die beiden Verliebten verloren sich daraufhin aus den Augen. Nicht zuletzt auch, weil sie in zwei verschiedenen Welten lebten. Der Zeitunterschied von sieben bis acht Stunden machte ihnen zu schaffen. Für Gespräche mit Cynthia sei er manchmal um 4 Uhr morgens aufgestanden, erzählt Tschallener. Irgendwann habe er sich dann gefragt, ob die Beziehung so eine Zukunft haben würde. Doch wenig später reiste er wieder zu Cynthia. Diesmal trafen sie sich in New York. Sofort waren die Gefühle wieder da, und die beiden beschlossen, den widrigen Umständen zum Trotz, ihr Leben miteinander zu verbringen.
 

Die einzige Chance, zusammen zu sein, ohne ständig neue Visa beantragen zu müssen, war eine Hochzeit. «Man kann sicher sagen, dass das etwas überstürzt und undurchdacht war, aber für mich war ein Leben ohne Cynthia nicht mehr vorstellbar.» So reiste Marc Tschallener nach Costa Rica, um seiner Angebeteten einen Antrag zu machen. Über 20 Stunden sass er an zwei Tagen im Flugzeug. «Ich bin eben von der alten Schule. Ein Antrag via Skype kam für mich nicht in Frage», sagt er. Kurz darauf läuteten die Hochzeitsglocken. Erst heirateten sie zivil in der Schweiz, danach mit einem grossen Fest auch noch in Costa Rica.

Weg von der Familie in einem kalten Land

Für zweieinhalb Jahre lebten die Frischvermählten in Bronschhofen. Eigentlich wollten sie zehn Jahre hier bleiben, Geld sparen und sich damit später in Costa Rica etwas aufbauen. Doch das Leben hatte andere Pläne. Cynthia erlebte in der Schweiz einen Kulturschock. Die Leute waren weniger herzlich, als sie das gewohnt war, sie verstand die Sprache nicht, und auch die tiefen Temperaturen im Winter waren neu für die gebürtige Tica. Zudem vermisste sie ihre Familie in der Heimat. Diese habe bei den Ticos einen ungleich höheren Stellenwert als bei uns, sagt Tschallener. Man kümmere sich beispielsweise selber um seine Grosseltern und ziehe meist erst nach der Hochzeit aus dem Elternhaus aus. So entschlossen sich die beiden, ihren Wohnsitz von Bronschhofen in den mittelamerikanischen Staat zu verlegen.

Eine neue Heimat mit anderen Gewohnheiten

Nun war es Marc Tschallener, der sich in einer neuen Umgebung und Kultur zurechtfinden musste. Eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen, gestaltete sich für ihn dank der Ehe mit einer Einheimischen relativ leicht. Trotzdem musste er mehrmals bei den Behörden vorstellig werden – immer wieder wurden plötz- liche neue Formulare nötig. Begleitet wurden diese Behördengänge von stundenlangen Wartezeiten in brennender Hitze. In Costa Rica sei das nicht ungewöhnlich, und die Einheimischen störten sich auch nicht daran. Es sei eben alles entspannter, sagt Tschallener. Auch in Sachen Infrastruktur zeigten sich grosse Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Während die Schweiz fantastisch organisiert sei und Strassen regelmässig saniert würden, sei es in Costa Rica keine Seltenheit, dass man Schlangenlinien fahren müsse, um den Schlaglöchern auszuweichen. «Selbst wenn ich um fünf Uhr morgens losfahre, brauche ich für die 27 Kilometer bis zur Arbeit über eine Stunde», sagt Tschallener. Mit dem Bus könne es sogar mehr als doppelt so lange dauern.

Doch gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern? Schliesslich ist Costa Rica auch als die Schweiz Mittelamerikas bekannt. «Auf den ersten Blick sind es sehr unterschiedliche Länder. Aber es gibt Parallelen.» So seien beide Staaten neutral und verfügten über Wohlstand gegenüber ihren Nachbarländern. Doch obwohl Marc Tschallener vieles in seiner neuen Heimat gefällt, gibt es auch Dinge, die er an der Schweiz vermisst. «Sommerabende, an denen es bis 21.30 Uhr hell bleibt zum Beispiel. Die gibt es hier nicht.»

In Costa Rica arbeitet Marc Tschallener am Projekt Tropenwanderer.


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