Ein Holzfäller mit starken Zähnen

FLAWIL ⋅ Diesem Baum geht es wortwörtlich an den Kragen: Biber wollen ihn fällen. Gefährlich ist die Situation laut Experten nicht.
11. April 2018, 17:35
Angelina Donati
Beim Spaziergang durch den Rehwald könnte der Eindruck entstehen, dass Flawil um eine Künstlerin oder einen Künstler reicher geworden ist. Jemand, der sich auf das «Verschönern» von Baumstämmen spezialisiert hat. Tatsächlich hat es dieser Künstler auf die Baumrinde abgesehen. Allerdings nicht um sein Wirken in Szene zu setzen, sondern der Nahrung wegen. Der fleissige Nager, der hier Holz schnitzt, gehört einer Biberfamilie an, die im Raum Flawil heimisch ist.
«Derzeit leben hier zwei bis drei Biberfamilien sowie ein Einzeltier», weiss Markus Graber. Er ist Vorstandsmitglied im Naturschutzverein Flawil und Umgebung und als Biber-Fachmann bekannt. Der aktuell wohl berühmteste Baum in der Nähe Glattburg ist ihm natürlich nicht entgangen. «Bereits seit vergangenem September macht sich der Biber hier zu schaffen», sagt Graber. «Manchmal alleine, manchmal zu zweit.»

Biber hat den ganzen Baumstamm im Visier

Da sich der Holzfäller mit den starken Zähnen ausschliesslich nachts an die Arbeit macht, bleibt er für den Menschen so gut wie unsichtbar. Revierförster Roman Gschwend konnte ihn mit einer Nachtsichtkamera beobachten und ist fasziniert: «Es sind eindrückliche Aufnahmen. Sie zeigen, wie regelmässig der Biber am Baum knabbert, ja teilweise gar stundenlang.» Der Biber aber beschäftigt sich nicht nur mit einem Exemplar, sondern bearbeitet mehrere Bäume gleichzeitig in seinem Revier. Die Rinde braucht er dringend, um auch den Winter mit Nahrung überstehen zu können, wie Graber sagt. In den anderen Jahreszeiten sei das Angebot mit Gräsern und Kräutern für den Vegetarier um einiges Vielfältiger. Weil er kein Kletterer ist, ist das Anknabbern der Bäume nur ein erster Vorgeschmack und Mittel zum Zweck. Um an die Rinde des ganzen Stammes zu gelangen, beisst er sich durch den Stamm hindurch und bringt so den Baum zum Fall. Danach macht er sich an seine neugewonnene Mahlzeit und kann laut dem Biber-Experten richtig pingelig die Rinde abknabbern, bis das allerletzte Stück weg ist.

Förster sieht keinen Grund, einzugreifen

Welche Bäume der Biber in sein Visier nimmt, sei reiner Instinkt, sagt Graber. Der Biber achte weder auf Form, Grösse noch Länge des Stammes. «Nur Tannenbäume mag er nicht besonders. Wegen des Harzes.» Dieses Mal hat er sich Grosses vorgenommen: Wohl deshalb beschäftigt ihn der grosse Baum mit dem mittlerweile imposanten «Beisswerk» seit mehreren Monaten. Schätzungen nach ragt der Baum bis 25 Meter in die Höhe und umfasst einen Durchmesser von rund 80 Zentimetern.

Besorgte Passanten, die befürchten, der beschädigte Baum könne jeden Moment krachend auf den Boden stürzen und jemanden verletzen, werden vom Revierförster und dem Biber-Fachmann beschwichtigt. Vom Standort gehe keine Gefahrenzone aus. «Meistens stürzen die vom Biber gefällten Bäume ins Ufer», begründet Graber. Denn der Biber wähle die Ufernähe ganz bewusst aus. In diesem Territorium fühle er sich sicher und werde kaum gestört. «Sobald sich Menschen nähern, flüchtet der Biber in den Fluss.» Und Revierförster Roman Gschwend fügt hinzu: «Da die Biber sowieso nachts am Werk sind, wird der Baum auch höchstwahrscheinlich nachts gefällt.» Gschwend sieht demnach keine Notwendigkeit, einzugreifen und den Baum mit der Motorsäge zu fällen. In seltenen Fällen, etwa bei Obstbäumen, werde der Stamm mit einem Draht eingepackt und so vor dem Biber geschützt.

Revierkämpfe können tödlich enden

Befürchtungen, der Biber hinterlasse zu starke Spuren im Wald oder könne sich gar zu stark ausbereiten, treffen laut Graber nicht zu. «Grössenteils macht sich der Biber die Uferzone zum Lebensraum. Gebiete, die von Menschen nicht benutzt werden.» Um den Bestand des Nagestieres zu erhöhen, habe man die Biber in den 1960er-Jahren im Kanton Thurgau angesiedelt. Obwohl der Bestand zugenommen hat, steht der Biber heute immer noch auf der Roten Liste. «Dass sich plötzlich zu viele Tiere auf einem Gebiet ansammeln, ist ohnehin nicht möglich», sagt Graber. Vor mehreren Jahren beteiligte er sich an einer Zählung des WWF.

«Biber brauchen Platz. Als Paar bleiben sie das ganze Leben zusammen und stossen die Jungtiere nach zwei Jahren jeweils ab.» Gelangt ein fremder Artgenosse in ihr Revier, kommt es zu Kämpfen, bei denen gerne die Zähne eingesetzt werden. Sie können gar tödlich enden. «Beim Biber ist die Selbstregulierung des Bestandes sehr stark.»

Anzeige: