Ugali und fehlende Toilettentürklinken

25. April 2014, 02:35
Andrea Häusler

Eine Luxus-Kreuzfahrt war es nicht, die den Degersheimer Journalisten Michael Hug vergangenen Dezember auf den Tanganjikasee im ostafrikanischen Tansania verschlug. Obwohl er eine Kabine erster Klasse gebucht und dafür – als Weisser – Dollars, nicht Schillinge, hingelegt hatte. Stattdessen erwartete ihn ein Ausflug in eine andere Welt. Eine fünftägige Fahrt, Schulter an Schulter mit unbekannten Menschen, deren Sprache ihm so fremd wie deren Kultur war, und die den Begriff Zeit auf ihre ureigene Weise definieren.

Die Ausbeute an Eindrücken, Erlebnissen und Begegnung hat er auf Fotos nach Hause und, am Mittwoch, nach Kirchberg gebracht. In die «Eintracht».

Marode und doch charmant

Leger sitzt er auf der Bühne, auf der sonst Stars der internationalen Musikszene ihre Konzerte geben; Events, über die er sonst in den regionalen Medien berichtet. Ein Mikrophon in der Hand – «ungewohnterweise», wie er einräumt – Vuelo, seinen Hund, zu Füssen. Und dann erzählt er. Frei, ohne Manuskript, Notizen oder Stichworte. Über die 100jährige «Liemba», die jahraus und jahrein den 800 Kilometer langen See durchscheppert, sich weder um die Kapriolen der veralteten Generatoren schert, noch um die heruntergekommene Küche, die Stehtoiletten ohne Klinke und erst recht nicht um die Fahrpläne. Mit 29 Stunden Verspätung und einem Bärenhunger ist er abgereist, Michael Hug, der schreibende Weltenbummler. Als Teil einer rund 400köpfigen Passagierflut, die sich zwischen Palmölkanistern, Ugali-Säcken und zum Trocknen ausgelegten Fischen oder, als Fahrgäste zweiter Klasse, in maroden Unterkünften niedergelassen hat. 17mal ist die «Liemba» unterwegs vor Anker gegangen, hat gewartet, bis die Boote aus den umliegenden Dörfern Frachtgüter und Passagiere aufgenommen haben. Turbulente Abläufe, die eindrückliche Fotos lieferten; Bilder eines Schiffs, das trotz russiger Wände und rostender Schrauben einen unwiderstehlichen Charme versprüht. Andere Szenen bleiben der Zuhörergruppe, die sich um Hugs Sofa geschart hat, vorenthalten. Fotografien war oft unerwünscht, sagt Michael Hug. «Oder, es wurde erst einmal die hohle Hand ausgestreckt…»

Die Frage des Geldes

Vor dem letzten «Hafen» hat er die «Liemba» verlassen. Sicherheitsbedenken habe er nie gehabt. Obwohl die letzte grosse Revision des Schiffs rund 40 Jahre zurückliegt. Das Schiff sei solide gebaut, sagt er: «Ein Beispiel für die Qualität deutscher Wertarbeit…» Tatsächlich wurde die «Liemba» im Norden Deutschlands hergestellt, zerlegt und 1915 in Kigoma zu Wasser gelassen. Zur Erschliessung der damaligen Kolonie. Heute fehlen für eine Revision die Gelder, klare Zuständigkeiten oder beides. Einen finanziellen Zustupf könnte auch Michael Hug brauchen. Deshalb hat er beim Ausgang einen Kollektentopf plaziert. Gesammelt wird für die nächste Reise, aber auch für sein Buchprojekt. «Grips Trips» steht für eine Reisebücherserie, die anders ist als hinlänglich Bekanntes. Unkonventionell – so, wie er selbst ist.


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