«Schreiben hält mich in Balance»

Beruflich gereist ist Michael Hug schon früher – als Monteur von Etikettendruckmaschinen. Vor 14 Jahren schmiss er den Job hin, war fortan freier Journalist und nun Autor. Jetzt liegt sein erstes Buch vor. Es geht ums Reisen, aber nicht nur.
15. November 2014, 02:49
HANSRUEDI KUGLER

DEGERSHEIM. Eine Midlife-Crisis kann einen ganz schön beflügeln – wenn man sich denn voll in sie hineinfallen lässt und sie kreativ verarbeitet: zum Beispiel in Form einer zehnteiligen Serie von originellen Reise- und Lebensabenteuerbüchern. So jedenfalls hat es Michael Hug gemacht. Das erste Buch in der geplanten Reihe ist gerade erschienen. Gestern abend wurde es in einer öffentlichen Lesung vorgestellt: im «Fuchsacker» in Degersheim.

Stets in Bewegung

Michael Hug ist ein «bunter Hund mit Hund», ist man versucht zu sagen. Einer, der mit seinem Hündchen von Konzert zu Konzert, von Metzgete zu Metzgete und von Bergrennen zu Kunstausstellung berichtend unterwegs ist – mit Vorliebe am Wochenende. Das journalistische Schreiben hat sich der gelernte Elektromonteur autodidaktisch angeeignet. Und seit Jahren schreibt er zusätzlich Reisereportagen – in der Regel für das St. Galler Tagblatt – von seinen ziemlich originellen Reisen auf einem Frachtschiff über den Atlantik, auf einem Passagierschiff über den ostafrikanischen Tanganjikasee oder zum archaischen «Ba'game» in Schottland (einer Art Strassenfussball, bei dem jeder gegen jeden spielt). Für diese packend geschriebene Reportage erhielt er 2008 den Ostschweizer Medienpreis.

Alles wird verarbeitet

Sein Bucherstling «Mediterranea» umspannt ein Lebensjahr und beginnt mit einem Paukenschlag. Die Wohnung gekündigt, die drei Kinder ausgeflogen, zehn Jahre nach der Scheidung keine Partnerin in Sicht und gerade die 50 überschritten: Was nun, Michael Hug? «Meine Erlebnisse aufzuschreiben hält meine Seele in Balance», schreibt der Autor. Und das meint er sowohl finanziell wie auch existenziell. Mit Schreiben angefangen habe er schon früher, als er als Monteur in Hotelzimmern auf der ganzen Welt alleine und tagebuchschreibend seine Scheidung zu verarbeiten versuchte. Als «Electric engineer» stand er oft am Montag früh am Flughafen Zürich und flog irgendwohin, wo eine der millionenteuren Etikettendruckmaschinen der Gallus St. Gallen montiert oder wieder zum Laufen gebracht werden sollte. «Ein komfortables Leben. Aber 1999 hatte ich die Nase voll vom ständigen Herumreisen», sagt der Autor. Im Rückblick sagt er: «Früher flog ich ständig herum, aber die vielen Eindrücke hinterliessen bloss Ratlosigkeit. Ich hasse es, wenn Eindrücke unverarbeitet bleiben.» Deshalb plane er nun seine aktuellen Reisen so, dass er die Eindrücke auch schreibend bewältigen könne. Das Gehetze vom einen Touristen-Highlight zum nächsten lehnt er für sich völlig ab. Stattdessen wandert er durch Vororte von Kairo, wo sich kein Tourist blicken lässt, oder fährt tagelang auf einem Frachtschiff von Malta nach Dubai.

Dezent und satirisch

Der Autor Michael Hug ist als Zeitgenosse Michael Hug erkennbar: witzig, direkt, rauhbeinig, manchmal launenhaft und immer bereit, eine satirische Anekdote zu erzählen. Und so schreibt er auch: amüsant und direkt, wie er sein neues Leben im Tages- und Nachttrip im Kloster auf dem Berg Athos verbrachte, dreimal in kurzer Zeit eine neue Untermiete gefunden und sich über seine Schlummermütter genervt hat, wie sich Liebschaften anbahnen und wieder zerrinnen, und zwischendurch berichtet er ausführlich über seine Reisen. Manches ist geglückt. Gelegentlich wirkt das Buch aber auch selbstgefällig und langatmig. Weniger packend gelingt das Kapitel über Kairo, was er auch zugibt: Die Revolution fand nachher statt, und mit der Stadt kam er nicht zurecht. Ein literarisches Konzept habe er nicht gehabt, sagt er. «Aber ich wollte einen eigenen Stil kreieren.» Rückblicke gibt es keine, das Erzählte ist Selbsterlebtes, die Personen sind real, aber anonymisiert. Tausend Stück sollten von «Mediterranea» über den Ladentisch, dann geht Band 2 in Druck. Geschrieben sind auch schon Band 3 und 4. Ziel ist es, zehn Bände zu publizieren – über den Zeitraum von zehn Jahren.


Leserkommentare

Anzeige: